<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

10.10.14

Studie: Jugendliche wechseln von Facebook zu Facebook

Abermals zeigt eine Studie, dass Jugendliche in den USA die Lust an Facebook verlieren. Doch anders als von vielen Medien suggeriert, stellt dies für das Unternehmen kein Problem dar. Denn die User bleiben ihm treu. Dank der Akquisitionen von Instagram und WhatsApp.

Viele Journalisten und Meinungsmacher sind besessen von der Idee, dass Facebook eines Tages das selbe Schicksal erleidet wie MySpace und andere einstmals erfolgreiche, später in der Versenkung verschwundene soziale Netzwerke. Aus diesem Grund erhalten Studien und Untersuchungen, die andeuten, dass Jugendliche oder kritische Nutzergruppe den Dienst seltener verwenden, in der internationalen und deutschen Presse immer eine besonders große Beachtung. Aktuell ist dies wieder einmal der Fall, nachdem eine Befragung der Investmentbank Piper Jaffray von 7.200 US-amerikanischen Schülern und Studenten im Alter von 13 bis 19 Jahren gezeigt hat, dass die Popularität von Facebook in dieser Gruppe innerhalb eines halben Jahres nennenswert zurückging.

Die Washington Post war das erste Leitmedium, das auf die Erkenntnisse von Piper Jaffray hinwies - unter der Überschrift “Teens are officially over Facebook”. Viele weitere Nachrichtenangebote folgten, mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum. Die FAZ titelt beispielsweise: “Nicht einmal jeder zweite Teenager mehr bei Facebook”. Andere Newsangebote machen ähnlich auf. 

Nur ein Teil der Wahrheit

Die gewählten Aufhänger sind sachlich nicht falsch. Unter der Voraussetzung, dass die Untersuchung tatsächlich ein repräsentatives Bild zeichnet, wäre ein Rückgang der Zahl der jugendlichen Facebook-Nutzer in den USA von 72 Prozent im Frühjahr 2014 auf 45 Prozent im Herbst 2014 tatsächlich eine bemerkenswerte Entwicklung.

Dennoch handelt es sich bei diesem Trend, sollte er stimmen, nur um einen kleinen Teil der Wahrheit. Denn Facebook ist schon lange nicht mehr nur das blau-weiße soziale Netzwerk, an das die meisten Menschen reflexartig denken, wenn sie davon lesen, dass Jugendliche den Service verlassen. Facebook ist ein Internetkonzern, der verschiedene populäre Onlinedienste unter einem Dach vereint - die mehr oder weniger eng mit dem Ursprungsprodukt verknüpft sind.

Studie

Quelle: Washington Post, Piper Jaffray

Facebooks Zukunft: Instagram und WhatsApp

Aus dieser Perspektive bekommt die zitierte Studie eine neue Dimension: Denn die Umfrage von Piper Jaffray zeigt auch, dass Instagram Facebook in Sachen Popularität bei jungen Anwendern überflügelt hat und nun unter den berücksichtigten acht Anbietern den Spitzenplatz belegt. Instagram gehört bekanntlich seit zwei Jahren zu Facebook. Zwar trägt Instagram bisher nur einen kleinen Teil zum Gesamtumsatz der Firma bei. Allerdings fährt der Foto- und Video-Sharing-Service mit seinen über 200 Millionen Nutzern seit einigen Monaten seine Vermarktungsaktivitäten hoch. Die mit dem Dienst erzielten Werbeerlöse dürften also künftig deutlich steigen.

Von Piper Jaffray überhaupt nicht berücksichtigt wird WhatsApp, das seit einigen Tagen ganz offiziell ebenfalls zu Facebook gehört. Ein Grund für das Fehlen dürfte sein, dass der Chat-Messenger traditionell in den Vereinigten Staaten eine nur geringe Verbreitung aufweist. Außerdem scheint die Investmentbank "soziale Netzwerke" als Dienste zu definieren, bei denen öffentliches Sharing erfolgt - weshalb auch Snapchat nicht aufgeführt wird.

Auf globaler Ebene jedenfalls sind mittlerweile mehr als 600 Millionen Menschen aktive Anwender der App. Wie bei Instagram gilt auch für WhatsApp: Noch steuert der Dienst, der für neue User nach dem ersten Jahr einen Dollar pro Jahr kostet, maximal Peanuts zum wirtschaftlichen Ergebnis von Facebook bei. Mit etwas Einfallsreichtum und Kreativität ließe sich dies aber schnell ändern. Noch leistet sich das Unternehmen den Luxus, die ernsthafte Monetarisierung hinauszuschieben.

Aufgrund des vom schnellen Scannen von Überschriften geprägten Online-Medienkonsums wird angesichts der medialen Fokussierung auf das zunehmende Desinteresse von Teens an Facebook bei vielen Menschen allein die vermeintliche Erkenntnis hängen bleiben, dass es mit dem sozialen Netzwerk nun bergab geht; dass die hohe Bewertung niemals gerechtfertig war und dass Geschäftsmodellen im Social Web grundsätzlich nicht zu trauen ist.

Facebook hat vorgesorgt

Doch die Wirklichkeit sieht etwas anders aus: Mit strategisch klugen Akquisitionen hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg gezeigt, dass er die Dynamiken des Geschäfts versteht. Er wusste immer, dass Facebook (das soziale Netzwerk) irgendwann einmal an Attraktivtät einbüßen würde, und hat deshalb rechtzeitig die Anbieter übernommen, die den Service beerben. Freilich steht bei dem immens kostspieligen Kauf von WhatsApp noch lange nicht fest, ob dieser am Ende wirklich sein Geld wert war (was ohnehin schwer zu messen sein dürfte). Entscheidend ist aber, dass ein Nachlassen der Beliebtheit von Facebook bei jungen Anwendern Zuckerberg dank seiner Beschlüsse keinen Schlaf rauben muss. Mit Instagram, WhatsApp sowie der Facebook-Identitätskomponente (“mit Facebook einloggen”) und dem dazugehörigen, gerade lancierten Werbe-Netzwerk, hat er verschiedene Säulen geschaffen, um weiterhin gute Quartalsergebnissen zu liefern.

Facebook als soziales Netzwerk mag erst für Teens und später dann womöglich auch für alle anderen langweilig werden. Doch wenn die Nutzer ihre Zeit und Aufmerksamkeit stattdessen einem anderen, zu dem Konzern gehörenden Service widmen, läuft aus Sicht der Kalifornier alles nach Plan. /mw

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer