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11.08.10

Street View in Deutschland: Google, lass es einfach sein!

Seit Google gestern den Start von Street View in Deutschland angekündigt hat, stehen Medien und Politik Kopf. Will Google wirklich Perlen vor die Säue werfen?

 

Die Google-Street-View-Debatte polarisiert Deutschland auf eine Art, wie es vorher wohl kein anderes digitales Thema getan hat. Nachdem Google gestern bekannt gab, noch in diesem Jahr in 20 deutschen Städten starten und in wenigen Tagen mit der vierwöchigen Widerspruchsphase beginnen zu wollen, scheint das politische und mediale Deutschland Kopf zu stehen.

heise online sorgte mit der Schlagzeile "Datenschützer kritisiert den Start von Googles Street View" schon gestern für eine seltames Déjà-vu. In den Hauptrollen die üblichen Verdächtigen: Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar sowie der Bundesbeauftragte für den Datenschutz Peter Schaar. Beides mittlerweile durchaus B-Prominente, was ihre Präsenz in den Medien betrifft. Erfrischend war dagegen, wie computerwoche.de die Reaktionen zusammenfasste: "Peter Schaar erfreut über Google". Es hängt wohl alles von der Perspektive ab.

Heute nun landete das Thema bei den meisten führenden Nachrichtenangeboten ganz oben. Spiegel Online gießt ordentlich Öl ins Feuer, indem es Street View zur Topmeldung erhebt, mit dem bedrohlich ausschauenden Nahbild einer Street-View-Kamera illustriert und sämtliche Bedenkenträger samt ihrer Förderungen zu Wort kommen lässt. Die Münchner Tageszeitung tz setzt in ihrer Printausgabe hingegen auf die Panik-Karte und weist auf der Titelseite großbuchstabig ihre Leser darauf hin, dass Google nun ihre Wohnung kennt.

Es verwundert kaum, dass die Debatte von Parteien sofort zur Kritik am politischen Gegner genutzt wird. Konstantin von Notz von den Grünen warf der Bundesregierung Nachlässigkeit im Umgang mit Street View vor, so Spiegel Online. Ob er sich auf die Tatsache bezieht, dass Ilse Aigner, Verbraucherschutzministerin und Redelsführerin im Kampf gegen Street View, trotz der Bedrohung durch Street View in den Urlaub gefahren ist?

"Verkehrte Welt" möchte man meinen, schaut man zur Stunde bei der taz vorbei. Eigentlich hätte ich erwartet, dass mir dort der Zusammenhang zwischen Street View und dem gläsernen Bürger erklärt wird. Stattdessen prangt an zentraler Stelle die Überschrift "Google startet Street View in Deutschland - Ein Grund zur Freude". Eine angenehme Überraschung!

Aber nicht nur die Kritiker und Skeptiker rüsten auf und fordern von Google mitunter Lizenzzahlungen für die Aufnahmen in einzelnen Städten. Auch Street-View-Befürworter organisieren sich: Im Rahmen der Aktion "Panoramafreiheit - Resthäuser Fotografieren" sammeln sich Freiwillige mit dem Ziel, jedes bei Street View unkenntlich gemachte Haus zu fotografieren und online zu veröffentlichen (siehe auch).

Sascha Lobo hingegen hat sich die Street-View-Widerspruchs-Vorlage des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz vorgeknöpft, modifiziert, und bietet sie nun als direkt an Google absendbares Street-View-Widerspruchs-Widerspruchs-Dokument an.

Während Google Street View die Republik spaltet und es überall in die Hauptnachrichten schafft, kritisiert Nico Lumma berechtigterweise, wie wenig Aufmerksamkeit das tausendfach wichtigere Google-Thema Netzneutralität erhalten hat.

Mein Vorschlag an Google angesichts dieser populistischen, unerwartet harschen und stark vergifteten Debatte um Street View: Lasst es einfach sein! Street View hat ohnehin kein wirkliches Geschäftsmodell und würde euch in Deutschland noch lange Ärger bereiten.

Es ist traurig für die geschätzten ein Prozent der Bundesbürger, die sich auf die Möglichkeiten von Street View freuen. Weiter für Street View in Deutschland zu kämpfen, wäre angesichts der verbreiteten Kritik aber, wie Perlen vor die Säue zu werfen. Schließt die Street-View-Baustelle in Deutschland und investiert die Ressourcen und Energie lieber in die Entwicklung eures Facebook-Angreifers Google Me. Oder in die Verteidigung der Netzneutralität. Oder in beides.

Wenn Deutschland Google Street View nicht braucht, braucht Google Street View auch nicht Deutschland.

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