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10.11.10

Stayalive: "Mit Verstorbenen in Verbindung bleiben"

Stayalive ist ein neuer, prominent unterstützter Dienst aus Taufkirchen bei München, bei dem Nutzer sich gegen Bezahlung ein virtuelles Denkmal setzen können.

 

Es ist aus Gründersicht wahrscheinlich nicht die erwünschte Reaktion, wenn Nutzer beim Betrachten eines neuen Onlinedienstes zu Anfang nicht erkennen, ob es sich um ein ernsthaftes Projekt oder um einen Scherz handelt. Noch bedenklicher wird es, wenn diese Unklarheit selbst nach dem Lesen eines ausführlichen Zeitungsartikels über das Vorhaben nicht verschwunden ist.

Ungefähr so erging es mir, als ich diesen Artikel bei FOCUS Online über das neue Startup Stayalive las, ein "Portal für die digitale Unsterblichkeit". Das junge Unternehmen aus Taufkirchen bei München will Menschen eine Möglichkeit bieten, sich auch nach ihrem Ableben in virtueller Form darzustellen. Nun sind Plattformen, auf der Personen ihr Onlineleben für einen Zeitpunkt nach dem Tod verwalten können, nichts Ungewöhnliches mehr - Dienste wie Legacy Locker oder Entrustet gehen zum Beispiel in diese Richtung.

Dennoch gelang es Stayalive (und FOCUS Online), mich einige Minuten lang im Dunkeln darüber zu lassen, inwieweit es sich bei dem Projekt nicht am Ende doch um eine virale Marketingaktion oder eine Protestaktion gegen die zunehmende Digitalisierung unserer sozialen Beziehungen handelt. Bei den sich gerne als Mahner und Web-Kritiker präsentierenden deutschen Massenmedien wäre alles möglich.

Stayalive möchte Menschen dazu animieren, sich ein digitales Denkmal zu setzen, welches nach ihrem Tod für alle Zeit an sie erinnert. Nutzer können sich über ihren Tod hinaus untereinander vernetzen, Fotos und Videos importieren und diese nach ihrem Ableben für ausgewählte Hinterbliebene verfügbar machen. Auf einer Google Map lässt sich einsehen, wo andere Familienmitglieder und Freunde begraben sind. In einem "virtuellen Safe" kann man beispielsweise Informationen ablegen, die erst nach dem Falle eines Todes für andere zugänglich werden sollen.

Dass ein grundsätzlicher Bedarf für einen Internetfriedhof besteht, kann man sicher nicht ausschließen (auch wenn ich der Idee wenig abgewinnen kann). Dennoch fiel es mir zu Beginn schwer, das Vorhaben ernst zu nehmen. Sowohl ein Slogan wie "Bleiben Sie mit Verstorbenen in Verbindung" als auch die Anmerkung im FOCUS-Artikel, nach dem Tod könne man automatisch eine Nachricht an alle Mitglieder des eigenen Netzwerkes schicken und diese sogar bei Facebook als Status-Update publizieren lassen, trugen zu meiner Verwirrung bei.

Selbst die im Stayalive-Porträt bei FOCUS Online erwähnte Beteiligung von FOCUS-Herausgeber Helmut Markwort (Zitat: "Ich mache hier mit als Business-Angel und Prophet.") konnte nicht alle meine Zweifel beseitigen. Erst eine weitere Webrecherche und der Versuch einer Anmeldung bei dem Dienst gaben mir die Sicherheit, dass Stayalive wirklich das ist, was es vorgibt zu sein. Ein seltsames Gefühl ist dennoch bis jetzt geblieben.

Womöglich deshalb, weil hier mit prominenter Unterstützung nicht etwa eine echte Innovation im Web entsteht, sondern ein funktionell und technisch wenig herausfordernder Dienst, der selbst begeisterte Social-Web-Freunde wie mich vor die Frage stellt, ob hier der Bogen nicht überspannt wird. Die Tatsache, dass für die Nutzung von Stayalive abgesehen von einer kostenlosen Probierphase (Details über deren Laufzeit habe ich nicht gefunden) 19,90 Euro für ein Jahr, rund 100 Euro für zehn Jahre oder 500 Euro für eine lebenslange Mitgliedschaft anfallen, sorgt bei mir für den Eindruck, dass hier vor allem das schnelle Geld im Vordergrund steht. Mal sehen, ob es funktioniert.

Link: Stayalive

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