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20.09.09

Startups: Der deutschen Gründerszene fehlt es an Naivität

Der Misserfolg deutscher Webstartups auf internationalem Parkett ist traurige Realität. Erklärungsversuche gab es schon vor Jahren, aber geändert hat sich bisher nichts. Womöglich, weil es der deutschen Gründerszene ganz einfach an Naivität fehlt.

(Bild: iStockphoto.com)Deutsche Internet-Startups haben auf die technische und strukturelle Weiterentwicklung des Webs in den vergangenen zehn Jahren so gut wie keinen Einfluss gehabt. Das ist die traurige, aber nicht abzustreitende Realität .

Die Debatte um das geringe Innovationsvermögen hiesiger Onlinedienste gibt es schon seit dem Aufkommen des Web-2.0-Trends - wenn nicht länger. Geändert hat sich bis heute nichts. Webanbieter aus Deutschland, die auf internationaler Bühne Erfolge erzielt haben, lassen sich an einer Hand abzählen. Wobei selbst eine Hand noch zu viel ist.

Während die nationale Gründerszene sich seit jeher auf Nachahmungen US-amerikanischer Startups oder auf Dienste mit geringem technischen Aufwand konzentriert und damit so gut wie nichts zur Evolution des Webs beigetragen hat, kommen die disruptiven, hochinnovativen und auf langfristigen Erfolg ausgelegten Angebote von anderswo: Facebook, Twitter, Skype, Spotify, Google, Amazon, eBay, Etsy heißen sie, oder auch MySpace, Napster, Kazaa, Yahoo, Hulu, FriendFeed, Tumblr, posterous, Dropbox, Evernote - eine bunte Mischung aus kleineren und großen Unternehmen, welche die Entwicklung des Netzes nennenswert und nachhaltig geprägt haben oder dies im Moment tun.

Die Frage, warum es Europas größte Volkswirtschaft nicht geschafft hat, wenigstens mit einem einzigen globalen Star am Web-Firmament vertreten zu sein, wurde oft genug diskutiert. Eine passende Antwort scheint trotz aller Versuche bisher nicht gefunden worden zu sein. Sonst müsste sich ja eigentlich etwas ändern und irgendjemand das wirtschaftliche Potenzial entdecken, das eine langfristige Investition in disruptive Ideen mit sich bringt.

Nach nun über drei Jahren in Schweden - einem gemessen an seinen gerade mal neun Millionen Einwohnern überaus erfolgreichen und innovativen Startup-Land - fiel es mir neulich wie Schuppen von den Augen, wo das eigentliche Problem der deutschen Internetwirtschaft liegen könnte: Es fehlt an Naivität. Es fehlt an einer gewissen Prise Leichtgläubigkeit, an kindlicher Neugier, an unvoreingenommener Experimentierfreudigkeit in Bereichen, die auf den ersten Blick hoffnungslos oder unmöglich erscheinen.

In Schweden ist diese Naivität Teil des gesellschaftlichen Konstruktes: Es wird weniger nach potenziellen Nachteilen und Risiken gesucht, sondern stattdessen munter ausprobiert und drauf los entwickelt. Erheblich geringer ist der Widerstand und die Skepsis, die Entrepreneure von Familie, Freunden, Bekannten, Investoren und anderen Interessengruppen erfahren. Was nicht nur die Motivation, sondern auch die Risikobereitschaft erhöht.

Anders ausgedrückt: Wenn ein Unternehmer in Deutschland von allen Seiten zu hören bekommt, warum sein in der Entwicklung befindliches Produkt ohnehin scheitern wird, fördert das nicht gerade seinen Willen, aufs Ganze zu gehen. Stattdessen wird er lieber auf Nummer sicher gehen - was in seiner Situation auch vollkommen nachvollziehbar ist.

Kazza, Skype, Stardoll, Spotify, Tradedoubler, Twingly, The Pirate Bay oder Voddler sind einige der Webanbieter mit Wurzeln in Schweden, die sich erfolgreich auf der internationalen Onlinebühne präsentiert haben oder dies in naher Zukunft tun werden. Optimismus, Unbeirrbarkeit und eine Prise Naivität dürfte allen auf ihrem Weg geholfen haben.

Nicht viel anders sieht es im Silicon Valley aus. Wenn Twitter trotz fehlendem Geschäftsmodell eine weitere Finanzspritze über 50 Millionen Dollar erhält, dann verdeutlicht das, welche große Rolle Zukunftsglaube und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, hier spielt.

Einige würden das Investment vielleicht als naiv bezeichnen und taten dies sicher auch all die Male, als Facebook in den vergangenen Jahren frisches Kapital erhielt. 2009 hat das allgegenwärtige soziale Netzwerk erstmalig einen positiven Free-Cashflow erreicht - und steigert durch beständiges Experimentieren seine Chancen, eines Tages Onlinewerbung zu revolutionieren und zu einer Cash-Cow à la Google zu werden.

Der Begriff Naivität ist äußerst negativ belegt. Dennoch könnte die stark von Realismus geprägte deutsche Internet-, Gründer- und Investorenszene ein wenig Naivität vertragen. Wer permanent und zwanghaft beide Seiten einer Medaille beleuchten muss, minimiert vielleicht alle Risiken. Gleichzeitig läuft er aber auch Gefahr, bahnbrechende, revolutionäre Ideen durch zu stark rationales Denken und Abwägen zu zerstören - und startet dann doch lieber das zehntausendste soziale Netzwerk.

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