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08.12.08

Timing: Ist jetzt die beste Zeit, ein Startup zu gründen?

Die Wirtschaftslage verschlechtert sich immer mehr, Unternehmen entlassen hunderttausende von Mitarbeitern, und die Kapitalströme versiegen. Ganz offensichtlich ein extrem schlechter Zeitpunkt, um an eine Firmengründung zu denken. Oder etwa doch nicht?

1975 war ein extrem schwieriges Jahr in der amerikanischen Wirtschaft. Die Ölkrise war noch nicht überstanden, die zweite schwere Rezession in fünf Jahren wütete, und das Vertrauen der Bürger in den Staat war durch die Nixon-Skandale und den Vietnamkrieg fundamental erschüttert. Ausgerechnet in diesem grauenhaften Umfeld gründeten zwei grünschnäblige Jungunternehmer irgendwo in der amerikanischen Provinz ein Unternehmen in einem winzigen, völlig unerprobten Marktsegment. So ein Vorhaben musste ganz offensichtlich zum Scheitern verurteilt sein.

Bloss gut, dass Bill Gates das damals vermutlich nicht wusste. Sonst hätten er und Paul Allen ihre kleine Firma Microsoft wohl nie gegründet. Ein Jahr später -- die Lage war noch nicht viel besser -- starteten Steve Jobs und Steve Wozniak etwas weiter westlich eine weitere kleine Firma, Apple Computer. Und noch ein paar Monate darauf gründeten Larry Ellison und Kollegen ihre Datenbankklitsche Oracle.

Wie kann es sein, dass so viele der erfolgreichsten IT-Firmen der Welt ausgerechnet in einer Krise entstanden sind? Die Liste hört damit nicht auf: Compaq und Dell wurden 1982 bzw. 1984 gegründet, ebenfalls in einer schweren Rezession. Google startete zwar noch gegen Ende des Dot-Com-Hypes, aber fand sein Businessmodell erst nach dem Platzen der Bubble. Und Hewlett-Packard enstand gar in den desolaten Zeiten des zweiten Weltkriegs.

Angesichts so vieler historischer Vorbilder fragt man sich doch: Ist die aktuelle Krise vielleicht ein idealer Zeitpunkt, um ein Startup zu gründen? Tatsächlich gibt es dafür gute Gründe:

1. Schlank bleiben ist gesund

Derzeit als neue Firma Venture Capital zu nur halbwegs akzeptablen Konditionen zu erhalten, ist beinahe unmöglich. Man hört von Unternehmern, die zwar Angebote von VCs erhalten, das aber zu so niedrigen Bewertungen, dass sich die Mühe praktisch nicht lohnt. Der einzige Ausweg sind noch Business Angels, bei denen die Stimmung aber auch schon mal besser war.

Das ist zwar hart, aber nicht nur ein Nachteil. Warum sind Bill Gates und Larry Ellison so reich? Weil sie nie oder erst sehr spät Venture Capital angenommen haben. Sie haben ihre Firmen in kleinen Marktnischen entwickelt und sind zu Beginn sehr langsam gewachsen. Microsoft hatte nach drei Jahren gerade mal 11 Mitarbeiter. Da ist allein die Marketingabteilung in den meisten VC-finanzierten Startups schon doppelt so gross.

Eine Firma, die durch finanzielle Engpässe zu schlanken Strukturen gezwungen ist, entwickelt fast automatisch mehr Flexibilität, breiter abgestützte Fähigkeiten im Team und vor allem einen klaren Fokus. Diese Konzentration aufs Wesentliche ist in jeder Situation ein Vorteil, auch und gerade nach der Krise.

2. Die Konkurrenz ist mit sich selbst beschäftigt

Etablierte Firmen und gut finanzierte, schon etwas gereifte Startups kommen in der aktuellen Lage nicht um drastische Sparmassnahmen herum. Das bindet nicht nur Managementressourcen, sondern schädigt auch die Mitarbeitermotivation und Risikofreude in diesen Firmen massiv. Alle konzentrieren sich drauf, bloss nicht gefeuert zu werden, und das zieht Energie von den wirklich wichtigen Dingen ab.

Als frisches Startup ohne grosse Personalstäbe und Fixkosten steht man vergleichsweise gut da, denn man kann sich auf die wirklich relevanten Dinge konzentrieren: Sein Produkt zu verbessern und mit Kunden zu sprechen. Wenn man noch keine Mitarbeiter hat, muss man auch keine entlassen, und das ist ein enormer Vorteil.

3. Weniger Leute gründen Firmen

Es gibt einen guten und bewährten Indikator dafür, dass eine Bubble in einem bestimmten Sektor bald platzen wird: Diejenige Branche, in der die meisten MBA-Abgänger von Harvard und anderen Top-Business-Schools ihre Karriere anfangen, ist als nächste dran. Als 2000 unzählige MBAs mit Dot-Com-Businessplänen herumliefen, war klar, dass die Bubble nicht mehr lange dauern würde. Und in den letzten Jahren waren die beliebtesten Arbeitgeber für neue MBAs nicht nur Investmentbanken, sondern auch Web-2.0-Unternehmen.

All diese opportunistisch eingestellten Möchtegern-Unternehmer werden sich jetzt nach anderen Tätigkeitsfeldern umsehen. Das lässt mehr Raum für Leute, die eher an den unternehmerischen Inhalten als an Get-Rich-Quick-Schemen interessiert sind.

Gegen Ende einer Rezession ist das ein grosser Vorteil, denn das dann enstehende neue Wachstum teilt sich unter viel weniger Mitspielern auf. Wenn die Opportunisten dann in den Markt zurückkehren, ist es für sie meistens schon zu spät.

4. Man findet die richtigen Mitarbeiter zu guten Konditionen

Oft wird behauptet, dass man in einer Rezession die besten Leute zu guten Bedingungen anstellen kann. Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig, denn viele technisch gute Leute flüchten sich in einer Krise zu einem (vermeintlich) sicheren Arbeitsplatz bei einem Grossunternehmen oder beim Staat. Risikofreude ist nicht so weit verbreitet, wie man denkt, und die meisten Leute empfinden die Arbeit bei einem finanzarmen Startup als sehr risikoreich.

Aber: Startups haben in der Rezession die einmalige Chance, an genau die  richtigen Leute heranzukommen, die man in dieser Phase braucht. Technische Brillianz ist immer gut, aber gesunder Pragmatismus, flexibles Denken und Kundenorientierung sind für ein junges Startup unendlich wichtiger. Darum: Jungunternehmer sollten nicht traurig sein, wenn all die brillanten Informatikdoktoren heute lieber bei Google oder Microsoft statt bei ihrem Startup anfangen, denn meistens sind das sowieso nicht die Leute, die ein kleines Unternehmen wirklich voranbringen können. Talentierte Hacker mit Sinn für schnelle Resultate sind hingegen jetzt gut zu finden, und darauf sollte man sich konzentrieren. Diese Leute sind primär motiviert durch ein spannendes Thema, ein flexibles Arbeitsumfeld und durch ein gutes Team -- genau das, was Startups auch jetzt bieten können.

5. Gut und schlecht: Kunden geben nur noch Geld für Essentielles aus

Die meisten Firmen und Konsumenten kürzen in einer Rezession ihre Budgets und beschränkten ihre Ausgaben auf das Wichtigste. Das ist für Startups zunächst mal sehr unangenehm, denn im Moment sind die wenigsten Kunden in der Stimmung, Geld für innovative Dinge auszugeben.

Genau dieser Effekt zwingt Startups aber dazu, sich ihre Produktstrategie genau zu überlegen: Wie können wir unser Produkt relevant genug machen, dass die Kunden auch in einer Krise Geld dafür ausgeben? Wenn man das schafft, liegt man beim irgendwann unweigerlich kommenden Aufschwung exakt richtig und kann massives Wachstum erwarten. Als kleines Startup ist man zudem flexibel genug, um Produktstrategien und Businessmodelle sehr schnell zu ändern -- ein enormer Vorteil gegenüber grösseren Konkurrenten, die viel weniger beweglich sind.

6. Disruption voraus?

Die erfolgreichsten Unternehmen entstehen fast immer im Umfeld einer disruptiven Technologie. Solche Innovationen -- klassische Beispiele sind der PC, Desktop Publishing, Digitalkameras, MP3 -- zeichnen sich typischerweise durch erheblich niedrigere Kosten im Vergleich zu den etablierten Produkten aus. Und logischerweise sind die Kunden in wirtschaftlich schwierigen Zeiten besonders offen für solche Angebote, denn für eine deutliche Kostenersparnis ist man gern bereit, die oft etwas bescheidenere Qualität disruptiver Technologien zu akzeptieren.

Es ist zwar nicht klar, was die nächste grosse disruptive Welle sein könnte (Cloud Computing ist ein offensichtlicher Kandidat mit bereits massiven Auswirkungen), aber es ist eindeutig, dass Startups davon profitieren werden. Nicht zuletzt aus all den oben genannten Gründen sind junge Firmen viel besser positioniert, um solche Disruptionen für sich zu nutzen.

Eins ist klar: Die nächsten zwei oder drei Jahre werden wirtschaftlich gesehen so oder so kein Spass. Die aktuelle Rezession dauert jetzt schon länger als die letzte im Jahr 2001, und die Bremsspur wird lang sein. Niemand weiss, wie lange und tief diese Krise werden wird.

Für Startups ist das keine leichte, aber sicher eine prägende Phase. Wer das Glück hat, rechtzeitig die richtige Positionierung zu finden und die Krise zu überleben, muss sich über die Zukunft nach der Rezession kaum Sorgen machen.

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