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11.04.13

Startup-PR: Warum Interviews meist eine schlechte Idee sind

Manche frisch lancierten Startups präsentieren sich gerne in Interviewform. Doch es gibt gute Gründe dafür, ihnen diesen Wunsch zu verweigern.

interviewGelegentlich kommt es vor, dass vor dem Debüt stehende Startups uns vorschlagen, mit ihren Gründern ein Interview zu führen. Besonders verbreitet ist dies bei Jungfirmen aus den USA, die ihre Internationalisierung vorantreiben und eine Lancierung im deutschsprachigen Markt ins Auge fassen. Nicht selten bietet uns der oder die PR-Verantwortliche eine Interviewmöglichkeit mit den Machern an. Doch meiner Meinung nach gibt es aus Gesichtspunkten der Qualität, des Informationswertes und auch der Leserzufriedenheit nichts Unpassenderes, als die Gründer eines Startups in typischer Interviewform länger als unbedingt notwendig zu Wort kommen zu lassen.

Rund 90 Prozent aller Startups scheitern. In Wahrheit sind es vielleicht 75 Prozent, oder 95 Prozent. Manchmal lässt sich nur schwer erkennen, ob zum Beispiel eine Übernahme als Erfolg oder eher als Misserfolg zu werten ist, etwa bei einer Talentakquisition. Doch in jedem Fall ist das Verhältnis zwischen Tops und Flops eindeutig: Auf einen oder zwei Knaller kommen neun oder acht Unterfangen, die gegen die Wand gefahren werden. Versierte Geldgeber wissen dies und richten ihre Investitionsstrategie daran aus. 90 Prozent der Gründer irren sich

Diese Tatsache wiederum bedeutet, dass 90 Prozent aller Startup-Pitches von Gründern Versprechungen machen, die nicht eingehalten werden. Vorausgesetzt, sie scheitern nicht schon an der ersten Hürde, ihre Idee gut zu verkaufen, dann beschreiben sie ihr Konzept und Geschäftsmodell mit großen Worten. Sie erläutern, wieso eine besondere Nachfrage nach ihrem Produkt oder Dienst besteht, und wieso sie prädestiniert dafür sind, eine Branche oder einen Markt aufzuwirbeln oder gar von Grund auf zu verändern. Wer dabei zu dick aufträgt und kein bisschen Demut aufweist, der schadet den eigenen Zielen vielleicht. Generell gehört ein gesundes Selbstbewusstsein aber klar zu den Erfolgskriterien eines jeden ambitionierten Unternehmers. Ungeachtet davon, ob das jeweilige Vorhaben zu einem Hit wird oder nicht.

Die Folge dessen kann man sich nicht oft genug vor Augen führen: 90 Prozent der (hoffentlich) mit Leidenschaft und Energie ihre Geschäftsideen vortragenden Entrepreneure irren sich. 90 Prozent derjenigen, die vollmundig ihre Pläne präsentieren, um Investoren, Mentoren, Unterstützer oder Blogger/Journalisten von sich zu überzeugen, können ihre gemachten Versprechen auf Dauer nicht halten. Monate nach einer elanvollen Präsentation wurde das Projekt vielleicht bereits "gepivotet": Nun ist es nicht mehr ein "Instagram für Katzen" sondern ein "Airbnb für Getränkeautomaten", mit dem das Gründerteam die Welt verändern möchte. Fair enough. Niemand sollte länger als notwendig an einem Konzept festhalten, das nicht die erhoffte Wirkung entfaltet und Nachfrage generiert.

Das beschriebene Phänomen aber hat zur Folge, dass neun von zehn ausführlichen Interviews mit gerade ihre ersten Gehversuche machenden Gründern aus hohlen Phrasen bestehen. Für die meisten Leser sind sie damit reine Zeitverschwendung. Angenommen, sie wüssten im Vorhinein, welche Startups groß rauskommen und bei welchen frühzeitig die Lichter ausgehen werden, so hielten sie sich wohl kaum damit auf, die optimistischen Zusicherungen der designierten Reinfälle über sich ergehen zu lassen. Da eine solche prophetische Fähigkeit jedoch eher selten ist, gehört es zu den Aufgaben der Branchenmedien, mit der begrenzten Ressource "Zeit" der interessierten Leserschaft verantwortungsvoll umzugehen.

Mein persönliches Fazit daraus lautet, dass ein langes Frage-Antwort-Interview mit frischgebackenen Entrepreneuren die schlechteste Form der Informationsvermittlung darstellt. Es bedeutet auch, nur vereinzelt Zitate der Gründer zu publizieren, in denen sie argumentieren, warum man ausgerechnet ihre Entwicklung unbedingt einsetzen müsste. Denn die Statistik spricht gegen sie: Nur in etwa zehn Prozent der Fälle behalten sie mit ihren Prognosen und Argumenten recht. In 90 Prozent der Fälle liegen sie falsch.

Zwei Arten von Interviews

Als Brachenbeobachter unterscheide ich zwischen zwei Arten von Interviews: Solche, die einem von Startups, Internetfirmen und PR-Agenturen angeboten werden, und solche, um die man sich aus einem eigenen Informationsinteresse aktiv kümmert. Von der erstgenannten Kategorie lasse ich in den meisten Fällen die Finger, denn meist handelt es sich um nichts weiter als Werbeveranstaltungen. Der jeweilige Interviewpartner möchte eine bestimmte Botschaft platzieren und dafür die Medien instrumentalisieren. Das kann in Einzelfällen interessante Gespräche ergeben, besonders wenn es sich bei dem Gegenüber um einen erfahrenen Unternehmer handelt.

Und natürlich eignet sich ein Interview manchmal auch einfach als Hintergrundgespräch. Doch in der Regel ist es nicht nötig, 30 oder 45 Minuten mit einem Gründer zu telefonieren, um ein Verständnis über die Funktionsweise und Herausforderungen eines Startups zu erlangen. Häufig reichen wenige Minute oder einig Mails aus. Insofern sehe ich in den meisten Fällen, und insbesondere bei Vorstellungen neuer Projekte, einen klassischen Fließtext mit maximal einigen wenigen Zitaten als die beste Form der Berichterstattung. Dass Gründer und PR-Verantwortliche versuchen, dennoch Interviews zu platzieren, ist verständlich. Doch manchmal bekomme ich den Eindruck, dass sie den über ihren eigenen Nutzen hinausgehenden Mehrwert selbiger für Leser überschätzen. Wobei das natürlich auf ihren ungebrochenen Glauben an ihre Idee zurückzuführen sein könnte. Ohne diesen lässt sich bekanntlich nichts erreichen. /mw

(Foto: stock.xchng/jason r. media)

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