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26.11.08

Sparen in der Zeitungskrise: Weniger Breite, mehr Tiefe

Die Krise in der Printbranche führt zwangsläufig zum Abbau von Kapazitäten. Weniger ist auch dabei mehr: Verringert werden muss die Breite des Angebots, nicht die Tiefe.

Zeitungskrise: Schlechte Nachrichten für die Printbranche (iStockphoto)Nachdem die Zeitungskrise aus den USA nun auch bei uns ankommt (was tatsächlich noch gewisse Leute überrascht), geht es darum, wie abgebaut wird.

Deutschland ist stolz auf seine tatsächlich beeindruckende Medienvielfalt. Aber was bedeuten viele Titel, wenn alle das Gleiche schreiben? Nichts. Für Journalismus braucht es Zeit und damit Geld. Und weil immer weniger davon vorhanden ist, müssen sich die Verlage auf die Stärken der einzelnen Produkte besinnen. Was Verlage, Redakteure und Zeitungsleser jetzt machen müssen:

Grosse, überregionale Titel müssen noch mehr in die Tiefe gehen und Geld freistellen für hervorragende Reportagen und Hintergrundberichte, denen auch mal mehrmonatige Recherchen zugrunde liegen. Für exzellente Gestaltung. Für tatsächlich fundierte Einschätzungen. Unbedingt überdacht werden muss auch die Umstellung auf ein handliches Format sowie eine Verringerung der Erscheinungsweise.

Mit nichts mehr als "News" muss in Zukunft kein gedrucktes Blatt mehr kommen. Das wird in Zukunft, noch bevor ein Druckauftrag überhaupt erfolgt, jeder und jede bereits im Internet oder auf dem Handy gelesen haben.

Regionalzeitungen müssen sich davon lossagen, den Lesern die grosse Welt zu erklären. Die Leser einer Regionalzeitung suchen darin die kleine Welt vor der Tür, und das heisst für die Redaktion: Kritische Artikel schreiben über Kommunalpolitik, Lokalwirtschaft und Regionalsport. Warum nicht einfach den Auslandteil und den Inlandteil streichen und die Titelseite mit Regionalanalysen füllen? Und dazu eine Abo-Kooperation mit überregionalen Qualitätspublikationen eingehen?

Redakteure müssen sich per sofort verabschieden von ihren Grossmannsfantasien. Sie stehen im Dienste ihrer Leser, die für sie ein Abonnement bezahlen oder die neben dem redaktionellen Inhalt platzierte Werbung beachten. Was nicht heisst, dass sich Journalisten von den Lesern, von den Anzeigekunden, von den Verlagen alles gefallen lassen müssen. Umgekehrt trifft das aber auch zu.

Wer einen festen Job mit einem angemessenen Lohn besetzt, darf sich glücklich schätzen. Wer das nicht ist, sollte ernsthaft den Gedanken erwägen, ihn zur Verfügung zu stellen. Die Konkurrenz ist nämlich riesig und es gibt deren viele, die einen nur missmutig erledigten Job lieber und besser machen.

Die Beobachter müssen Verständnis aufbringen für Restrukturierungsmassnahmen. Es ist besser, pseudohintergründige und pseudoästhetische Magazine wie Park Avenue zu beenden, als dass ein Verlag im Ganzen zugrunde geht. Jedes geschlossene defizitäre Produkt erhöht die Chancen für ein neues, florierendes Produkt, ein zugegeben in Zeiten der Krise eher unrealistischer Satz.

Abgebaut werden können auch die Call-Center und Briefeschreiber, die ehemalige Leser ungefragt an ihren klar ausgesprochenen Entscheid, ein Blatt nicht weiter zu abonnieren, erinnern. Ich habe bisher jedes Blatt aus eigenem Antrieb abonniert, bzw. nicht weiter verlängert. Ein grösserer Reiz für ein Abonnement wäre die Verringerung der zum Teil exorbitanten Subskriptionsgebühren.

Fazit:

  • Eine Handvoll regional starker Zeitungen aus verschiedenen Verlagen bringen einem Bundesland mehr als hundert Regionalzeitungen, die Gleiches oder Ähnliches schreiben.
  • Eine Handvoll befähigter Redakteure mit Budget für freie Journalisten bringen einem Magazin mehr als ein grosses, unflexibles Team, das jeden Text in den Tod diskutiert.
  • Eine Handvoll Leitblätter, von denen jedes eine eigene Herangehensweise und einen eigenen Blickwinkel hat, bringen mehr Meinungsvielfalt als ein fader Einheitsbrei.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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