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29.09.07

Sorry Jürg! Sorry Thomas! Sorry Leser!

Blick und SonntagsBlick erzählen gerne, dass sie sich von den Gratiszeitungen dadurch abheben, weil sie als unerschrockene Rechercheure gesellschaftliche Missstände aufdecken. Dafür sei die riesige Redaktion da. Und darum muss man auch Geld für ihre Produkte bezahlen. Aber ist das auch wahr? Die Fälle Thomas Matter, Jürg Maurer und die Fax-Affäre deuten auf ein Nein hin.

Schauen wir zuerst die heutige Blick-Titelseite an:

Blick Titel Samstag Jürg Maurer

Screenshot blick.ch

Jürg Maurer? Das ist "der frechste Pensionskassenverwalter der Schweiz", der Ferien macht "wie ein Hollywood-Star". So schrieb es Sandro Brotz am 19.08.2006 im SonntagsBlick.

Sandro Brotz? Das ist der Journalist, der zusammen mit Beat Jost die "Fax-Affäre" zu einem grossen Luftballon aufblies, der dann aber jämmerlich platzte . Der mit seinem unterdessen gefeuerten Recherchepartner ein in der eigenen Zeitung vorgestelltes Buch verkauft, das die Story, die gar keine Story ist, zum Thema hat (hier ein Interview mit den beiden aus der Gewerkschaftszeitung Comedia Magazin, Mai 2006). Der, wie Beat Jost und der unterdessen ebenfalls entlassene SonntagsBlick-Chefredaktor Christoph Grenacher auch, 20.000 Schweizer Franken "Schmerzensgeld" erhielt, weil er zu Unrecht vor ein Militärgericht zitiert wurde.

Warum überhaupt kommt das Dementi der über Wochen fast täglich erschienenen Anschuldigungen an Maurer? Weil Jürg Maurer rechtliche Schritte eingeleitet hat. Und sich der Ringier-Verlag nicht auf einen Prozess, sondern lieber auf einen Vergleich einliess. Der Tages-Anzeiger schreibt:

«Blick» und «SonntagsBlick» entschuldigen sich dieses Wochenende auf der Frontseite bei Jürg Maurer und zahlen in seinem Namen einen hohen fünfstelligen Betrag an das Schweizerische Rote Kreuz. Auf diesen Vergleich haben sich der in der Swissfirst-Affäre in den Fokus der Medien geratene Pensionskassenverwalter von Rieter und die zwei Zeitungen aus dem Ringier-Verlag im Zivilprozess vor dem Bezirksgericht Arbon geeinigt.

Das heisst, dass wir morgen im SonntagsBlick nochmal die gleiche Schlagzeile erwarten dürfen. Interessant auch, dass nicht mal Teile der damaligen Berichterstattung wahr gewesen sind, sondern man zugibt, dass alles totaler Mist war:

Es habe keinen Anlass gegeben, Maurers Qualitäten als Verwalter der Rieter-Pensionskasse in Frage zu stellen, ihm ein dubioses oder strafbares Verhalten vorzuwerfen sowie ihn als frechsten Pensionskassenverwalter der Schweiz zu bezeichnen, heisst es weiter. Unzutreffend seien insbesondere die Unterstellungen gewesen, Maurer habe sich zu Lasten der Pensionskasse Rieter oder des Volksvermögens persönlich bereichert oder sein Vermögen auf dubiose Art erwirtschaftet.

Soll das ein Grund sein, täglich seine Boulevardzeitung zu bezahlen? Für die persönlichkeitsverletzenden Fantasien von Blick-Journalisten?

Es gibt noch einen dritten Fall. Den Fall von Thomas Matter, der in ungezählten Blick- und SonntagsBlick-Artikeln im Online-Wirtschaftsdossier "Swissfirst-Sumpf" zusammengefasst ist. Thomas Matter durfte den Kniefall des Ringier-Verlags letzte Woche entgegennehmen, und zwar am Sonntag im SonntagsBlick und am Montag im Blick, wie in einem medienlese-Kommentar von "Jean-Claude" zu erfahren ist. Online ist die süsse Homestory lustigerweise im Wirtschaftsteil zu finden.

Nebenan schreibt Marc Walder, Redaktionsdirektor Zeitungen des Ringier-Verlags, als was sich der "Swissfirst-Sumpf" herausgestellt hat:

Klar ist hingegen, dass sich die damaligen schweren Vorwürfe gegen Matter nicht erhärtet haben. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass keine Pensionskasse auf Gewinne verzichtet hat und es keine Schmiergeld-Zahlungen an Pensionskassen-Verwalter im Zusammenhang mit Swissfirst gab. Weiter war die Transaktionsstruktur beim Zusammenschluss rechtens und Matter hat keine Insidervergehen begangen. Beides hält der Bericht der EBK fest.

Die drei eben beschriebenen Geschichten gehörten zu den grössten Kampagnen von Blick und SonntagsBlick der letzten Zeit. Und nun stellt sich heraus, dass an allen nicht nur wenig, sondern offenbar gar nichts dran ist? Was kann man Marc Walder nun raten? Die Wirtschaftsredaktion in corpore rausschmeissen? Das wären 4 beim Blick und 4 beim SonntagsBlick, die vermutlich noch nicht mal daran Schuld sind. Sandro Brotz, 2003 zum Stellvertreter des Chefredaktors und Wirtschaftschef beim SonntagsBlick gekürt und ab 2004 wieder als Reporter unterwegs, ist nicht mehr dabei. Seltsam, von einem Abgang habe ich nichts gelesen.

Das wird kaum passieren, denn nach etwas Reue

SonntagsBlick hat in der Berichterstattung über die Swissfirst Fehler begangen. Dafür entschuldige ich mich bei Thomas Matter.

geht es vermutlich weiter wie bisher:

SonntagsBlick steht für harte, aber faire Recherche. Wir werden die Ereignisse in der Schweizer Wirtschaft weiterhin kritisch hinterfragen. Dies gehört zu unserem Selbstverständnis. Genauso wie Faktentreue und kritisches Hinterfragen der eigenen Arbeit.

Dass an allen von Blick und SonntagsBlick recherchierten Vorwürfen nichts dran ist, muss man nach dem Kniefall des Ringier-Verlags wohl glauben. Ob es tatsächlich so ist, bleibt weiterhin unklar. Charlotte Jacquemart und Daniel Hug von der NZZ am Sonntag haben mit ihrer Berichterstattung zur "Fusion Swissfirst / Bellevue Bank" immerhin 7.000 Franken bei der letzten Verleihung des Zürcher Journalistenpreises gewonnen. Die Begründung:

Wo schnell grosse Gewinne winken, wird oft gemauschelt. Bei der Fusion der Zürcher Banken Swissfirst und Bellevue bleiben diesbezüglich bis heute Fragezeichen, die Eidgenössische Bankenkommission spricht von «gewährswidrigem» Handeln. Charlotte Jacquemart und Daniel Hug haben den Stein ins Rollen gebracht und blieben während Monaten hartnäckig an der Geschichte dran.

Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel staunte damals und nannte die Recherchen irreführend bis falsch .

Klar ist jedenfalls, dass die demütigen Kniefälle des grössten Schweizer Verlags dieses und letztes Wochenende ein Armutszeugnis sind für den hiesigen Journalismus. Der immer mehr unter dem vom Management ausgeübten Spar- und Leistungsdruck zu leiden hat und sich einer "Unmenge von Kommunikationsberatern" bei Unternehmen und Behörden gegenübersieht, die nur die Aufgabe haben, "recherchierende Journalisten leerlaufen zu lassen". So schrieb es Kurt W. Zimmermann diese Woche in der Weltwoche (nur für Abonennten).

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise. Lesen wir Seymour Hersh im Tagesspiegel vom Freitag:

Internet und Blogs verändern viel. Und den Zeitungen in Amerika geht es nicht gut. Das Internet zieht Werbung ab, was machen die Verlage? Sie schließen Auslandsbüros, entlassen Journalisten und schränken die Berichterstattung ein. Anstatt ihr Produkt attraktiver zu machen, ruinieren sie es. Die Journalisten tragen auch selbst Schuld. Wir sind reich und bequem geworden. Als ich in den sechziger Jahren anfing, hatte ich es mit hart arbeitenden Redakteuren zu tun, die nicht vom College kamen. Das waren schlaue Typen. Heute sind die Journalisten zugleich smarter und dümmer – denken Sie nur an das Pressekorps in Washington.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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