<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

23.06.08

Sommer 2008: Die Overhyped/Underhyped-Liste

Alle Jahre wieder im Sommerloch ist die Zeit der unterhaltsam lückenbüssenden Top-10-, In-und-Out- und sonstigen Listen in vielen Publikationen. Da wollen wir nicht zurückstehen und bringen unsere eigene Liste,

die schon letzten Sommer für viele Diskussionen gesorgt hat: die am meisten überschätzten und unterschätzten Themen der Internet-Branche.

Eine innovative Branche wie das Internet lebt ein Stück weit vom Hype, also vom Hochjubeln neuer Ideen, Konzepte und Firmen. Ohne Enthusiasmus entsteht nichts Neues, und ohne Rummel setzen sich interessante neue Ideen kaum durch. Aber oft erhalten nicht die besten Ideen die meiste Aufmerksamkeit. Es gibt umjubelte Superstars unter den Konzepten, die sich später als Flops herausstellen, und umgekehrt werden ein paar wesentlich bescheidenere Ideen erst später unvermittelt zu Grosserfolgen.

Die folgende Liste ist ein Versuch, diese beiden Kategorien auseinanderzudividieren. Wir identifizieren Ideen und Firmen, die mehr Aufmerksamkeit kriegen, als sie verdient haben ("Overhyped"), und umgekehrt wollen wir auf Dinge hinweisen, die deutlich mehr Bewunderung verdient hätten ("Underhyped"). Unnötig zu erwähnen: Das ist alles strengstens subjektiv.

Aber kommen wir zur Liste, die diesmal in sieben Kategorien aufgeteilt ist:

Microblogging

Overhyped: Twitter

Ja, natürlich ist es nicht gerade elegant, auch noch in das gerade beliebte Twitter-Bashing mit einzustimmen. Aber nicht die technischen Probleme von Twitter sind das eigentliche Problem des Dienstes, sondern seine Nischenorientierung. Vielleicht ist es für ein paar hundertausend Geeks attraktiv, sich mit so einer Plattform auseinanderzusetzen, aber im Leben des Durchschnittsusers hat ein solcher Nischendienst kaum Platz. Dafür ist der Nutzen zu gering und der Lärmpegel viel zu hoch.

Underhyped: Statusmeldungen überall

Aber wer sich mal auf Facebook, Skype oder Xing umschaut, sieht schnell, wie immer mehr Leute aktiv ihre Statusmeldungen setzen. Diese Grundidee von Twitter, dass man seinem Umfeld seine gerade aktuellen Tätigkeiten, Stimmungen oder Beobachtungen mitteilt, ist im Kern brillant. Bisher hat sie aber noch niemand so richtig gut umgesetzt, denn all diesen Diensten fehlt die Nachvollziehbarkeit und historische Perspektive. Vielleicht kommen da Konsoldierungsplattformen wie Friendfeed zu Hilfe, aber nicht als eigenständiges Produkt, sondern als Komponente in einem grösseren Dienst. Die Friendfeed-Leute sind ja eh Ex-Googler, da könnte der Suchmaschinenriese ja auch wieder akquisitionsmässig zuschlagen.

Applikationsplattformen

Overhyped: Facebooks Plattform und Open Social

Der Kampf zwischen Facebooks pionierhafter Plattform für Social-Network-Applikationen und Googles Open-Social-Initiative konsumiert immer noch viel Aufmerksamkeit. Was sich dabei kaum jemand auszusprechen traut: Die resultierenden Applikationen sind nicht nur mehrheitlich eher wenig nutzbringend, sondern auch noch äusserst schlecht zu kommerzialisieren. Natürlich sind Social Networks vom Traffic her sehr wichtig, aber bisher hauen die darauf aufgebauten Applikationen niemanden wirklich vom Stuhl. Die Möglichkeiten sind einfach zu eingeschränkt. Und tatsächlich: schon verlieren erste Entwickler die Lust daran. Und die User sowieso .

Underhyped: Amazon EC2 und Google App Engine

Anders bei den universell einsetzbaren Applikationsplattformen von Amazon und Google: Beide stellen Infrastruktur zur Verfügung, die das Bauen hochskalierbarer, universell einsetzbarer Web-Anwendungen ermöglicht. Das ist eine echte Revolution, denn damit werden zum Beispiel Startups von der Notwendigkeit entlastet, ihr Kapital für teure Infrastrukturanschaffungen verwenden zu müssen. Allerdings sind beide Plattformen auch deutlich komplexer und anspruchsvoller als Facebook & Co. und eignen sich darum nicht so gut für reisserische Hype-Stories. Aber langfristig werden ihre Auswirkungen dramatisch sein.

Mobiltelefonie

Overhyped: Multimedia-Produktion mit dem Handy

Es ist ja toll, dass es inzwischen schon Mobiltelefone mit 10-Megapixel-Kameras gibt. Aber leider ist die Bildqualität trotzdem noch weit von dem entfernt, was man sich von einer echten Kamera wünschen würde. Und auch toll ist, dass man jetzt Video vom Handy mit Diensten Wie Qik oder Kyte sogar live streamen kann. Aber im Ernst: Wer bitte ausser den allergrössten Fans von Robert Scoble schaut sich diese wackligen, pixeligen Machwerke dauerhaft an? Kameras in Mobiltelefonen sind und bleiben Notnägel.

Underhyped: GPS in Mobiltelefonen

Beinahe unbemerkt hingegen finden sich immer mehr echte GPS-Empfänger in Mobiltelefonen. Das ist die wirkliche Revolution, denn damit wird nicht nur Routenplanung jederzeit möglich, sondern ganz neue location-based Applikationen. Das ist schon lange ein heiliger Gral der Mobilfunkbranche, aber scheiterte bisher an technischen Unzulänglichkeiten. Mit GPS überall und zu jeder Zeit wird dieses Potential endlich Wirklichkeit.

Online-Werbung

Overhyped: Werbung in Social Networks

Zwar haben Facebook, Myspace und Co. beeindruckende Traffic-Zahlen, aber mit der Kommerzialisierung hapert es weiterhin. Wenn man Marktforschern glauben darf, machen zwar die grössten Social Networks durchaus absolut gesehen ansehnliche Umsätze (im dreistelligen Millionenbereich), aber angesichts der enormen Zahlen an Pageviews überzeugt die Kommerzialisierung trotzdem noch gar nicht. Noch schlimmer sieht es bei Widget-Herstellern aus, die mit geschätzten Totalumsätzen von $40 Mio. für 2008 eher noch in die Kategorie "Kleinkram" fallen. Bisher hat noch niemand rausgefunden, wie man das Wissen über Useridentitäten wirklich in klingende Münze umsetzen kann. Die meisten aktuellen Meinungen dazu beschränken sich auf ein etwas verzweifeltes "Das muss doch irgendwie gehen".

Underhyped: Behavioral Targeting

Für Online-Werbung ist es nicht unbedingt so interessant, was ein User an ganz allgemeinen Interessen und Kontakten hat, sondern wofür er sich jetzt im Moment interessiert. Diese Erkenntnis hat Google zu enormer Profitabilität verholfen. Die nächste Welle könnte das "Behavioral Targeting" sein, das das Userverhalten über mehrere Sites hinweg verfolgt und massgeschneiderte Werbung präsentiert. Wer sich zum Beispiel gerade viel auf Auto-Websites aufhält, kriegt mehr Autowerbung zu sehen. Bisher krankt diese Methode noch daran, dass sich natürlich allerlei kritische Fragen hinsichtlich Datenschutz stellen, aber wenn da erstmal mehr Klarheit herrscht, dürfte diese Form der Werbung abheben -- und vielleicht sogar den Social Networks zu mehr Umsatz verhelfen.

Suchtechnologie

Overhyped: Semantic Search

Google hat die Websuche mit dem PageRank-Algorithmus revolutioniert, und allerlei Startups suchen seither nach dem Geheimrezept für die nächste Revolution. Aktueller Favorit: Semantische Suche, also Algorithmen, die dank künstlicher Intelligenz die Inhalte "verstehen" und so bessere Relevanz und gar Interpretation der Resultate bieten. Allerdings sind die Produkte einschlägiger Firmen wie PowerSet bisher weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Nicht nur sind die abgedeckten Bereiche sehr klein (z.B. nur Suche in Wikipedia statt im ganzen Web), die Resultate sind auch nicht wirklich besser als die klassischer Suchmaschinen. Viel Aufwand für wenig Nutzen.

Underhyped: Menschliche Intelligenz

Ein offenes Geheimnis ist, dass die erfolgreichsten Suchmaschinen ihre Algorithmen laufend manuell tunen. Menschen sind eben doch besser im Verständnis von Inhalten als Maschinen. Google beschäftigt angeblich gar ganze Heerscharen menschlicher Tester, die laufend die Relevanz von Suchresultaten prüfen und anpassen. Als Hilfe werden zwar auch Algorithmen mit künstlicher Intelligenz verwendet, aber der Schlüssel ist eben immer noch der menschliche Input. Das hören KI-Hardliner nicht gern, aber es ist die Realität. Und Dienste wie Amazons Mechanical Turk machen solche menschlichen Leistungen sogar für Startups erschwinglich.

Online-Video

Overhyped: User-generated Video

Youtube ist die mit Abstand grösste Videoplattform, und die meisten Leute denken in diesem Zusammenhang an "User Generated Content" -- jeder Benutzer sein eigener Regisseur. Aber wie viele der der beliebtesten Videos stammen wirklich von Amateuren? Nicht mehr viele. Abgesehen von ein paar komisch lachenden Babies sind fast alle der Top-Videos auf YouTube inzwischen professioneller Content, primär aus dem Musikbereich. Youtube hat MTV als Musikvideo-Abnudelkanal ersetzt. Zeitverschwendung ist mit professionell produzierten Inhalten auf die Dauer wohl doch schöner als mit amateurhaften Mini-Filmchen.

Underhyped: Profi-Content

Die grösste Überraschung im amerikanischen Internetmarkt dieses Jahr war vielleicht der Erfolg von Hulu, einer von den Medienriesen NBC und Fox gestarteten Videoplattform, die sich durch Werbung finanziert. Zum Start wurde Hulu von mit Hohn und Spott übergossen, jetzt sind die Kritiker angesichts der beeindruckend steigenden Trafficzahlen ziemlich still geworden. Kein Wunder, bei Top-Inhalten wie "The Office", "The Daily Show" oder "Saturday Night Live". Anders als die Youtube-Konkurrenz verkauft Hulu auch noch wirklich überall Werbung. Das zeigt, dass "Old Media" eben doch noch Erfolge hinlegen kann, wenn die Mischung stimmt.

Informationskonsum

Overhyped: RSS

Dank RSS kann sich jeder seine Informationskanäle selbst auswählen und zusammenstellen, ohne Filterung durch Redaktionen, so die Theorie. Und das machen ja auch viele Early Adopter und Informationsjunkies. Nur: Wer heute noch mit der hohen Zahl der RSS-Feeds angibt, die er in seinem Reader abonniert hat, macht sich nur noch lächerlich. Denn was viele RSS-User schnell gemerkt haben: Masse ist nicht gleich Klasse. In der durch RSS möglich gemachten Informationsflut geht Wichtiges schnell mal unter. Und Mainstream-User haben RSS bis heute nicht akzeptiert, denn die meisten Menschen fühlen sich durch die Informationsflut des modernen Lebens eh schon überfordert und wollen nicht noch mehr Content konsumieren.

Underhyped: Gezielte Informationsfilterung

Was weiterhin fehlt, sind gute, automatische Informationsfilter. Umso erstaunlicher, dass die wenigen, die es wenigstens im Ansatz gibt, immer noch eher ein Schattendasein finden. Im englischsprachigen Raum macht Techmeme mit seinen Schwestersites Memeorandum und We Smirch einen guten Job, und zwar einen besseren als z.B. Google News. In der deutschsprachigen Welt gibt es unter anderem Rivva als vielversprechende Imitation. Aber all diesen Diensten fehlt noch eine weitgehendere Konfigurierbarkeit auf persönliche Ansprüche. Da ist noch viel Raum für innovative Startups.

(Mit Dank an das netzwertig.com-Team und Bettina Hein für Ideen)

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer