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08.05.14

"Software eats the world": Das Interface-Problem der Industrie

Seitdem fast alle Menschen ein mobiles, mit Touchdisplay ausgerüstetes Gerät mit sich herumtragen, haben sich die Ansprüche an benutzerfreundliche Oberflächen massiv erhöht. Die meisten Vertreter der traditionellen Industrie und Wirtschaft schaffen es nicht, darauf angemessen zu reagieren.

Interface

In seiner allseits viel Lob einheimsenden Rede auf der re:publica in Berlin konzentrierte sich Sascha Lobo auf die Totalüberwachung des digitalen Raumes. Doch an einer Stelle machte er einen kurzen Exkurs, um die Bedeutung von Software im vernetzten Zeitalter zu illustrieren (ab cirka Minute 60). Er zeigte ein Video der Bedienung des Navigationssystems vom VW-Oberklassewagen Phaeton. Lobos berechtigter Kommentar: "Es fühlt sich an wie ein Bankautomat der 90er Jahre".

Ein ähnlicher Gedanke kam mir kürzlich, als ich in einer Boeing 747 der Lufthansa flog und mich mit dem in der Rückenlehne des Sitzes vor mir eingelassenen, berührungssensitiven In-Flight-Entertainment-System auseinandersetzte. Verglichen mit dem, was wir heutzutage von Smartphones und Tablets gewohnt sind, war die gebotene Usability eine Tragödie. Vom hässlichen Interface über die verzögerte Ausführung meiner per Berührung initiierten Befehle bis hin zur Fehleranfälligkeit und Ungenauigkeit des Systems reichte die Liste an Unzulänglichkeiten. Vor der Markteinführung des iPhone im Jahr 2007 wäre mir das alles nicht aufgefallen. Wahrscheinlich wäre ich fasziniert gewesen von den neuen Möglichkeiten der Technik. Doch iOS und die daraufhin folgenden mobilen Touch-Betriebssysteme haben die Erwartungen der Benutzer radikal verändert. Daraus ergibt sich ein gigantisches Dilemma für viele Wirtschaftszweige, in denen Kunden heute Interaktionen über berührungsempfindliche Displays durchführen. Neben den erwähnten Beispielen von Navigationssystemen/Bordcomputern sowie Flugzeug-Unterhaltungssystemen gilt dies etwa auch für Fahrkartenautomaten, Pfandrücknahmemaschinen, Selbstbedienungskassen oder Ticket-Terminals. Beispiele zu finden, deren Usability bei bewussten Anwendern keinen Eindruck maßloser Rückständigkeit hinterlässt, dürfte extrem schwierig werden.

Eine Ausnahme bildet der 17-Zoll-Touchscreen des US-amerikanischen Elektro-Luxuswagens Tesla Model S. Es handele sich um das "beeindruckendste In-Car Touchscreen Multimedia System jemals", war einst zu lesen. Tatsächlich wirkt die in diesem Video gezeigte Oberfläche und Bedienung en par mit dem, was Konsumenten von heutigen Smartphone- und Tablet-Flaggschiffen kennen. Konsequenterweise urteilte das Manager Magazin jüngst, Teslas Model S sei derzeit einfach zu gut für Deutschland. "Teslas Model S ist wie ein Raumschiff aus der Zukunft in Deutschland gelandet - und es hat einen unwirtlichen Planeten vorgefunden", so das kreative, aber für den hiesigen Industriestandort hochbedenkliche Fazit des Autors.

"Ich glaube, dass VW ein Softwarekonzern werden muss, und ich glaube, dass VW das selbst noch gar nicht ahnt", konstatierte Sascha Lobo in seinem re:publica-Vortrag mit Blick auf die unbefriedigende Benutzbarkeit des Navigationssystems. Eine Aussage, die für beliebige andere Firmen gilt, deren Geschäft an irgendeinem Punkt in der Wertschöpfungskette eine digitale Interaktion mit Kunden beinhaltet.

Die Herausforderungen für die Industrie und Wirtschaft sind enorm. Ein benutzerfreundliches Interface, das den hohen Ansprüchen der mit modernen Gadgets ausgestatteten Verbraucher genüg, lässt sich nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Kooperationen mit denen, die sich damit auskennen - also etwa Apple, Google etc. - bringen andere Nachteile mit sich. Kriegsentscheidend sei nicht - wie häufig von altehrwürdigen Konzernen angenommen - die Hardware, sondern die Software, so Lobo. Als historisches Beispiel für diese These nannte er den Konkurrenzkampf zwischen IBM und Microsoft, bei dem im Endkundenmarkt schließlich der Softwarehersteller als Sieger hervorging. Ein Outsourcing der Software könnte sich also für große Konzerne auf Dauer als strategische Fehlentscheidung herausstellen.

In der Schweiz stört sich die Polizei an Teslas Riesenbildschirm. Es wird befürchtet, dass er Fahrer ablenken und zu Unfällen führen könnte. Daran mag etwas dran sein, oder auch nicht. Die Sorge zeigt aber, was für weitreichende Veränderungen gerade auf uns zurollen (von selbstfahrenden Autos einmal ganz abgesehen). Ein überdimensionaler, funktionaler Touchscreen als neues zentrales Element in einem Automobil. Die Toleranz und das Verständnis von Verbrauchern für unästhetische, komplizierte, unresponsive Oberflächen, bei denen Eingaben und Tippen zu frustrierenden Geduldsspielen werden, nimmt stetig ab. Wer darauf keine Antwort findet, wird es künftig schwer haben. /mw

Foto: Car multimedia system display on dashboard, black screen, Shutterstock

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