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18.08.10

Social Web: Wenn individuelle Schicksalsschläge öffentlich werden

Mit den Möglichkeiten des Social Web wächst unser Netzwerk. Je mehr lose Verbindungen wir besitzen, desto häufiger werden wir "Zeuge" von individuellen Schicksalsschlägen.

Über die Qualität der Kontakte im Web lässt sich vortrefflich streiten. Weitgehender Konsen besteht hingegen zu dem Aspekt, dass die Zahl der Verbindungen, die Menschen mit Hilfe von Social Networks und anderen digitalen Tools eingehen und pflegen, deutlich größer ist als in der Prä-Internet-Ära, in der es schlicht nicht möglich war, mit Hunderten von Menschen in Kontakt zu bleiben, ohne sich aus den Augen zu verlieren.

Thomas Knüwer hatte dieses Phänomen und die Folgen für Mensch und Gesellschaft Ende Juli sehr schön in dem Artikel "Der Sieg der schwachen Verbindungen" erklärt.

Doch das enorme Netzwerk, das aktive User von Facebook, Twitter, Xing, LinkedIn und anderen Services besitzen und das ihnen in verschiedensten Lebenslagen mit Rat, Tat und Unterstützung zur Seite stehen kann, bringt gleichzeitig eine neue Herausfordung mit sich: Nämlich die, sehr viel häufiger mit persönlichen Schicksalsschlägen konfrontiert zu werden und damit richtig umzugehen.

Es ist einfachste Statistik: Je mehr Kontakte unterschiedlichster Stärke man besitzt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer dieser Personen etwas Unvorhersehbares geschieht, von dem man anschließend per Status-Update, Tweet oder Blogeintrag erfährt.

Dabei kann es sich um Lappalien wie einen verschütteten Kaffeepott oder ein Loch in der Hose handeln, aber auch um ernsthaftere Vorfälle wie Ein- oder Beinbrüche, oder eben um äußerst tragische Schicksalsschläge, von denen jeder gerne verschont bleibt, die aber unweigerlich zum Leben dazugehören.

Anlass zu diesem Artikel sind zwei aktuelle Ereignisse bei Twitter, deren "Zeuge" ich wurde. So erfuhr ich gestern über einen Retweet, dass ein User, den ich von Twitter "kannte", kürzlich durch einen Unfall seine Freundin verloren hat. Obwohl wir uns noch nie begegnet sind und auch sonst keinerlei direkten Austausch haben, traf mich diese Nachricht stärker, als wäre ich einem Fremden auf der Straße begegnet, der den gleichen Verlust zu beklagen hat. Ich habe ihm daraufhin in seinem Blog mein Beileid ausgedrückt.

Vor ungefähr einer Woche hörte ich (ebenfalls durch einen Retweet) von einer anderen Tragödie (wenn auch mit gutem Ende): Ein Twitter-Nutzer kündigte bei dem Microbloggingdienst an, sich das Leben nehmen zu wollen. In einem Tweet veröffentlichte er seine Handynummer mit dem Aufruf, man solle ihn überreden, seine Entscheidung zu ändern. Und tatsächlich gelang es einem Follower, ihn von dem Suizidversuch abzuhalten und rechtzeitig Alarm zu schlagen.

Das Gefühl, als ich die entsprechenden Tweets der betreffenden Person durchlas, lässt sich kaum in Worte fassen. Sein Twitter-Stream wurde quasi zu einem chronologischen Tagebuch, in dem man das sich anbahnende Ungemach (rückblickend) erahnen konnte. Plötzlich war ich Teil eines menschlichen Schicksals, ohne zu dieser Person vorher irgendeine Bindung gehabt zu haben. Nicht einmal eine schwache. Unsere einzige Gemeinsamkeit: Beide nutzen wir Twitter...

Ich vermute, einige von euch haben vergleichbare Erfahrungen gemacht. Die Frage, die ich mir nun stelle: Wie verändert uns die häufiger eintreffende Notwendigkeit einer emotionalen Anteilnahme an individuellen Schicksalen?

Errichten wir um uns herum unbewusst eine Art emotionale Mauer, um uns vor dem steigenden Risiko zu schützen, dass die eigene gute Laune durch einen unvorhergesehen Todesfall bei einem entfernten Web-Bekannten zerstört wird? Oder entspannt sich gar die in den von Krieg und anderen Katastrophen verschont gebliebenen westlichen Ländern anzutreffende tabuisierte Einstellung zum Thema Tod durch die Zunahme von Gelegenheiten, in denen unsere Anteilnahme gefragt ist? Welche anderen Auswirkungen auf unsere Psyche und unser Wohlbefinden könnte es geben?

Wie geht ihr mit der Thematik um?

(Illustration: stock.xchng)

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