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14.10.10

Social Search: Die 5 Facetten des Bing-Facebook-Deals

Microsofts Suchmaschine Bing hat zukünftig etwas, das Google bisher verwehrt blieb: Zugriff auf Facebook-Likes und den Social Graph der Nutzer. Die Kooperation ist gleich aus mehreren Perspektiven von großer Bedeutung.

 

Facebook und Microsofts wiedererstarkende Suchmaschine Bing haben eine Kooperation bekannt gegeben, in deren Rahmen die Bing-Suche mit sozialem Kontext aus Facebook angereichert wird. In einem Blogbeitrag beschreibt Facebook-Mitarbeiter Bret Taylor die Funktionsweise des neuen Features:

So werden zu Suchergebnissen passende Sites serviert, die von Personen aus dem persönlichen Facebook-Netzwerk zuvor per Klick auf den Like-Button favorisiert wurden. Bing zeigt dazu auch die jeweiligen Kontakte inklusive eines verkleinerten Profilbildes an. Zudem berücksichtigt eine Personensuche den eigenen Facebook-Social-Graph - wer nach Michaela Müller sucht, erhält zuerst Ergebnisse zu Sites über Personen mit diesem Namen, die dem eigenen Kontaktnetzwerk nahe stehen, beispielsweise Bekannte der eigenen Facebook-Freunde.Für die meisten Nutzer im deutschsprachigen Raum hat die Vernetzung von Bing und Facebook zur Zeit keinerlei Bedeutung: einerseits, weil die neue Funktionalität vorerst nur in der US-Version von Bing zur Verfügung steht, und andererseits, weil der Marktanteil von Bing hierzulande ohnehin verschwindend gering ist.

Dennoch ist der Schritt aus mindestens fünf unterschiedlichen Perspektiven hochinteressant und einen genaueren Blick wert:

1. Facebook forciert Instant Personalization

Das neue Bing-Feature basiert auf Facebooks umstrittenem Instant-Personalization-Programm. Ausgewählte Partner-Websites können Besuchern personalisierte Inhalte auf Basis ihrer Facebook-Kontakte und -Aktivitäten präsentieren, ohne dass Anwender dafür zuvor die entsprechende Website autorisieren müssen. Wer bei Facebook eingeloggt ist und eine Site ansteuert, die Teil des Programms ist, erhält automatisch ein personalisiertes Benutzererlebnis.

Instant Personalization ist das in diesem Jahr wahrscheinlich meist kritisierte "Feature" von Facebook, unter anderem auch deshalb, weil es nach seinem Start im Frühjahr für alle Nutzer als Standard aktiviert war. Vollständig abschalten lässt sich die Funktion über Konto > Privatsphäre-Einstellung > Anwendungen und Webseiten (unten links) > Umgehende Personalisierung. Bei mir steht an dieser Stelle allerdings derzeit "Hinweis: Die umgehende Personalisierung steht dir noch nicht zur Verfügung."

Neben Bing sind zum aktuellen Zeitpunkt auch Rotten Tomatoes, Docs.com (wie Bing von Microsoft), Pandora, Yelp (seit kurzem auch in Deutschland aktiv), and Scribd Teil des Instant-Personalization-Projekts - Rotten Tomatoes und Scribd kamen erst kürzlich hinzu. Bing ist damit Partner Nummer 6 und lässt keinen Zweifel daran, dass Facebook trotz aller Kritik an diesem aus Usersicht in Frage zu stellenden Programm festhält und es sukzessive für weitere Partner öffnet.

2. Microsofts Investment in Facebook zahlt sich immer mehr aus

Vor drei Jahren beteiligte sich Microsoft mit 1,6 Prozent an Facebook und legte dafür stattliche 240 Millionen Dollar auf den Tisch. Die Bewertung von 15 Milliarden Dollar klang damals mitunter völlig überzogen. Abgesehen von der Tatsache, dass der geschätzte Wert von Facebook mittlerweile bei bis zu 35 Milliarden Dollar liegt, bekam Microsoft durch sein Investment bei Facebook einen Fuß in die Tür, was in der Folge zu einer Zusammenarbeit an verschiedenen Fronten führte:

Microsoft bzw. Bing ist als Suchmaschine bei Facebook integriert, zeigt auf bing.com öffentliche Status-Updates aus dem Facebook-Universum an und hilft außerdem bei der Vermarktung des Social Networks. Mit dem Zugriff auf den Like-Stream besitzt es nun außerdem ein Privileg, das anderen Suchmaschinen und vor allem natürlich Google bisher verwehrt blieb. Wäre all dies auch geschehen, wenn Microsoft nicht frühzeitig mit einer Kapitalspritze deutlich gemacht hätte, dass es lieber gemeinsam mit als gegen Facebook arbeitet? Vielleicht. Sicher ist das jedoch nicht.

3. Google unter Druck

Apropos Google: Der Bing-Facebook-Deal verdeutlicht einmal mehr die verzwickte Situation, in der Google sich gerade befindet. Denn Bing besitzt durch die enge Einbindung der Facebook-Welt nun einen entscheidenden Produktvorteil, was nicht zuletzt zur Förderung des eigenen Ansehens eingesetzt werden kann. Auch Google platziert seit einiger Zeit Status-Updates von verschiedenen Diensten in seinen Suchergebnissen und experimentiert mit "Social Search", ist aber, was Facebook betrifft, auf die öffentlichen Status-Updates beschränkt.

Spätestens wenn der Fall eintritt, dass sich Bings soziale Suche bewährt und einen wirklichen Nutzen für User bietet, wird Google extrem unter Druck geraten. Denn dann kann es sich als Suchmaschinen-Marktführer ganz einfach nicht mehr leisten, den Anwendern eine Anreicherung der Suchergebnisse mit Kontext aus einem nutzerstarken Social Network vorzuenthalten. Und sofern nicht noch ein Wunder geschieht, kann dessen Name nur Facebook lauten.

Mark Zuckerberg hat deutlich gemacht, dass die Übereinkunft mit Microsoft nicht exklusiv und er für weitere Kooperationen dieser Art offen ist. Ganz offensichtlich würde ein solcher Schritt für Google aber nicht billig werden. Gerade weil er sich bei einem durchschlagenden Erfolg der Bing-Implementierung als alternativlos erweisen könnte.

4. Soziale Suche auf dem Weg in den Mainstream

Soziale Suche oder Social Search gilt seit langem als der nächste Evolutionsschritt von Suchmaschinen. Abgesehen von kleineren Experimenten und der erwähnten Platzierung von Status-Updates in Echtzeit irgendwo neben den eigentlichen Website-Ergebnissen ist bisher jedoch nicht wirklich viel geschehen - zumindest nichts, was aus Usersicht große Bedeutung hatte. Google Instant war da für Benutzer ein deutlich signifikanteres Ereignis, hat allerdings mit "social" überhaupt nichts zu tun. Mit der Verknüpfung des Facebook Social Graph und der Bing-Suche kommt das Thema nun endlich richtig ins Rollen. Erstmals verschmelzen die auf Algorithmen basierenden Suchergebnisse mit den Empfehlungen der eigenen Facebook-Kontakte. Das Resultat aus dieser Symbiose klingt vielvesprechend.

5. Bing wird cool

Wenn ein populäres Unternehmen gemeinsame Sache mit einer anderen Organisation macht, dann wirkt sich der gute Ruf der erstgenannten Firma auch positiv auf den Partner aus. Im Marketing nennt man dies "Imagetransfer". Genau das erlebt Microsoft mit Bing, indem es sich mit Facebook zusammentut. Bing wird cool. Auch das ist eine Facette der jüngsten Neuerung. Eine mit potenziell langfristigen Folgen für den Suchmaschinenmarkt.

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