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25.04.11

Social Newsreader für das iPad: News.me stellt Flipboard in den Schatten

Seit Donnerstag kann News.me, der von Bit.ly und der New York Times entwickelte soziale Newsreader für das iPad, heruntergeladen werden. Er stellt eine echte Herausforderung für Flipboard dar, die bisherige Koryphäe unter den Social-News-Apps für das Apple-Tablet.

 

Mindestens drei Dinge stören mich am beliebten sozialen iPad-Newsreader Flipboard: Statt vertikalem setzt er auf horizontales, dem Umblättern in einem Magazin nachempfundenes Scrollen, er beherrscht keine automatisierte Filterung der für mich relevantesten Inhalte und er erlaubt mir nur den Blick auf meine eigene, aus den Tweets meiner Twitter-Kontakte bestehenden Timeline, jedoch nicht auf die andere Twitter-Nutzer.

So richtig bewusst wurde mir dies alles aber erst, nachdem ich den am Donnerstag veröffentlichten Flipboard-Konkurrenten News.me getestet habe. Nach einigen Tagen des Ausprobierens lautet mein bisheriges Urteil: Daumen hoch für das Gemeinschaftsprodukt von Bit.ly und der New York Times.

Als Flipboard im Sommer 2010 vorgestellt wurde, sorgte es für eine Welle der Begeisterung: Eine App, die aus dem persönlichen Twitter-Stream eine Art Magazin macht, Onlineinhalte in an das iPad angepasster Form darstellt und mit einer erfrischenden Benutzerführung aufwartet, existierte bis dato nicht.

Doch so beeindruckend Flipboard, das gerade 50 Millionen Dollar Risikokapital einsacken konnte, auch sein mag - das Konzept, auf das Erscheinungsbild einer Zeitschrift zu setzen, bei dem pro Seite eine Handvoll Artikel angerissen werden, ist für meinen Geschmack kontraproduktiv und überflüssig. Denn um sich einen Gesamtüberblick über die Informationslage zu verschaffen, ist intensives "Blättern" erforderlich.

News.me verzichtet auf eine derartige Anlehnung an das Printmedium und präsentiert von den bei Twitter gefolgten Usern empfohlene Beiträge stattdessen mit den jeweils ersten Zeilen in einem vertikal scrollbaren Listenlayout. Letztlich ist dies sicherlich eine Frage persönlicher Präferenzen, aber mir ist der News.me-Ansatz deutlich sympathischer.

[photos title="News.me in Bildern"]

Ein anderer Punkt, der mich stets daran gehindert hat, regelmäßiger Flipboard-Nutzer zu werden, ist das Fehlen einer automatischen Relevanzfilterung. Die App zeigt mir in chronologischer Reihenfolge sämtliche in meiner Timeline verbreiteten Artikel an. Eine Option, nur die Inhalte zu sehen, die eigenen Interessen und dem bisherigen Nutzungsmuster entsprechen, fehlt bisher.

News.me lässt Usern die Wahl, ob es sämtliche per Twitter von den gefolgten Usern empfohlenen Inhalte darstellen soll oder nur "Highlights". Welche Kriterien für die automatisierte Selektion zum Tragen kommen, ist mir noch nicht ganz klar - eine entscheidende Rolle spielen laut Informationen auf der Website Bit.lys interne Statistiken über beliebte Inhalte. Hier profitiert der News.me-Initiator von seinem reichhaltigen Datenschatz, den er über seinen populären Kurz-URL-Dienst anhäuft.

Mit der automatisierten Filter-Funktion bietet der Neuling unter den iPad-News-Applikationen eventuell auch eine Angriffsfläche für Kritiker: Denn News.me arbeitet eng mit einer Reihe von Presseverlagen und Inhaltenanbieter zusammen. Dass deren Content bevorzugt dargestellt wird, erscheint da nicht unwahrscheinlich. Anwender, die den Eindruck bekommen, die alleinige Darstellung von Highlights aus ihrer Twitter-Timeline diene vor allem der Reichweitenerhöhung der News.me-Partner, können das Feature aber ganz einfach abschalten.

Der für mich größte Vorteil von News.me ist jedoch die Möglichkeit, nicht nur die Artikelempfehlungen aus meiner Timeline in hübscher und lesefreundlicher Art auf meinem iPad serviert zu bekommen, sondern auch die aus den Timelines anderer Twitter-Benutzer. So erlaubt es News.me, die personalisierten Streams von ausgewählten Web-Prominenten sowie von eigenen Twitter-Kontakten zu abonnieren, die ebenfalls News.me verwenden.

In der Praxis bedeutet dies, dass ich über die oberhalb der App platzierte Personenleiste mit einem Klick den Inhaltestream von Investor Fred Wilson, von TechCrunch-Autor MG Siegler, von Huffington-Post-Gründerin Arianna Huffington oder von all den Personen aus meiner Twitter-Timeline angezeigt bekomme, die ihr Twitter-Konto mit News.me verknüpft haben.

Die abonnierbaren News.me-User und Internet-Multiplikatoren fungieren dabei als Qualitätsfilter für ihr jeweiliges Spezialgebiet. Wenn ich beispielsweise die Beiträge lese, die von den von Fred Wilson bei Twitter gefolgten Personen weiterverbreitet werden, kann ich von einer hohen Relevanz und Verlässlichkeit dieser Inhalte ausgehen. Denn Fred Wilson würde diesen Nutzer bei Twitter sonst selbst nicht folgen.

Auch einen Blick auf die Timelines meiner eigenen Twitter-Kontakte werfen zu können, gefällt mir sehr. Denn dort gehe ich ja ebenfalls von einer gewissen Glaubwürdigkeit und Kompetenz aus - sonst würden sie mich schon lange als Follower verloren haben.

Fazit

News.me macht insgesamt einen sehr guten Eindruck, zumal es Nutzern die Entscheidung darüber überlässt, ob sie Inhalte über den eingebauten Browser bei der Originalquelle oder in einem bereinigten, augenschonenden Layout lesen möchten.

Den Vergleich zwischen Flipboard und News.me wird unfair finden, wer von einer sozialen News-App mehr erwartet als einen reinen Fokus auf Twitter. Flipboard gibt sich deutlich vielseitiger, was die importierbaren Quellen betrifft: Neben Twitter lassen sich Streams von Facebook, Flickr und Instagram ebenso abonnieren wie RSS-Feeds, beliebige Twitter-User, Twitter-Listen sowie spezifische Quellen und Nachrichtenportale.

News.me stellt deutlich weniger Optionen zur Anpassung der App an die eigenen Bedürfnisse bereit. Ich finde dies jedoch gar nicht schlecht. Es berücksichtigt den Fakt, dass Twitter der für die Verbreitung von Nachrichten und Beiträgen zu aktuellen Themen zur Zeit angesagteste Social-Web-Kanal ist, es bietet einen Relevanzfilter, eine Sektion, in der sich Content zum späteren Lesen ablegen lässt, sowie eine Anbindung an Instapaper. Viel mehr benötige ich zumindest nicht.

Liebhaber von Newslettern können zudem eine tägliche E-Mail-Zusammenfassung der wichtigsten Meldungen aus der eigenen Timeline bestellen (bisher von mir nicht getestet).

Die größte Schwäche - sofern man denn eine finden will - ist letztlich wohl der Preis: Nach einer siebentägigen Testphase kostet News.me 0,79 Euro pro Woche (bzw. das Äquivalent in Schweizer Franken). Im Vergleich zum Gratis-Service Flipboard und ähnlichen Apps wie Pulse oder Zite ist das viel. Objektiv betrachtet erhält man als Nutzer aber für nicht einmal vier Euro im Monat einen sehr anwenderfreundlichen und durchdachten werbefreien Newsreader, der nicht nur bei seiner Funktionalität und Usability punkten kann, sondern seine Einnahmen mit den angeschlossenen Partnern teilt.

In diesem Kontext noch offen ist die Frage, ob beliebige Contentproduzenten ihren Teil vom News.me-Kuchen beanspruchen können. Auf dieser Seite wird beschrieben, wie Betreiber von Websites mit originären Inhalten vorgehen müssen, um diese lizensieren zu lassen.

Ich habe noch keinen endgültigen Entschluss gefasst, schließe aber nicht aus, dass ich News.me auch nach dem Ende meiner Testphase treu bleiben werde.

Wie lautet euer bisheriges Urteil in Bezug auf News.me?

Hier geht's zu News.me im App Store

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