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30.09.10

Social News: Wie ein Hoffnungsträger überschätzt wird

Große Hoffnungen stecken in Aggregatoren, die Nachrichten auf Basis der Nutzerreaktionen im Social Web zusammenstellen. Doch nicht immer ist der "digitale Schwarm" ein verlässlicher Qualitätsindikator für Onlineinhalte.

 

Twitter sieht sich mittlerweile selbst als Nachrichtenmedium . Facebook bezeichnet sich zwar als Social Network, aber angesichts von über 500 Millionen Nutzern werden auch dort fleißig Links zu aktuellen Artikeln verbreitet - der Dienst zählt mittlerweile zu den wichtigsten Trafficlieferanten für viele etablierte Nachrichtensites.

Angesichts dieser Entwicklung wird allgemein davon ausgegangen, dass die Nachrichten- und Inhaltedistribution in Zukunft deutlich stärker von den Anwendern selbst betrieben wird, die sich gegenseitig über Twitter, Facebook und andere Social-Web-Kanäle lesenswerte Texte empfehlen. Je größer die Zahl von Anwendern ist, die sich tatsächlich in die Rolle der Mittler begeben, desto attraktiver und nützlicher erscheinen Lösungen, die aus den unzähligen Tweets und Status Updates die populärsten, wichtigsten und relevantesten Inhalte filtern und auf durchdachte Art und Weise aggregieren.

Die Hoffnungen, die auf Social-News-Diensten ruhen, sind groß. Erst gestern wurde bekannt, dass drei US-Zeitungen zwölf Millionen Dollar in einen neuen Nachrichtenaggregator mit Namen Ongo investieren wollen, der mit Google News konkurrieren und einen Schwerpunkt auf über Twitter und Facebook verbreitete Links haben soll. Auch Flipboard, die vor zwei Monaten gelaunchte iPad-Applikation, die aus Social-Web-Streams ein interaktives Magazin macht, steht für den neuen Hype der nutzergenerierten Nachrichtendistribution.Doch so spannend die Vision auch klingen mag, dass Anwender nicht mehr eng an einige wenige Medienangebote gebunden sind, die sie routinemäßig ansteuern, sondern sich lesenswerte Berichte primär von ihrem Social Graph empfehlen lassen und gleichzeitig selbst als Distributor auftreten, so gravierend sind die mit ihr einhergehenden Schwächen. Schwächen, die mich momentan am disruptiven Potenzial des Social-News-Konzepts zweifeln lassen. Was vermutlich auch ein Grund dafür ist, warum mir der gestern vorgestellte, allein auf eigenen Themenpräferenzen basierende Newsreader Genieo so gut gefällt.

Die Achillesferse der Social-News-Idee liegt in der strukturellen Eigenheit des derzeitigen Netzes, bei Medieninhalten Quantität (sowie Geschwindigkeit) gegenüber Qualität zu bevorzugen. Das heißt nicht, das qualitative, hochwertige, ausführlich recherchierte Artikel online nicht zu finden seien oder bei Lesern nicht gut ankämen. Allerdings erfüllen in Eile und mit wenig Liebe zusammengeschusterte, auf Gerüchten basierende, wenig Neuigkeitsgehalt besitzende oder stark boulevardistische Artikel häufig auch die onlinespezifischen Anforderungen ihrer Initiatoren: Page Impressions, Unique Visitors, Retweets, eingehende Links, Facebook Likes, Kommentare usw.

Viele Kriterien zur Erfolgsmessung im Web blicken allein auf Quantität, nicht auf Qualität - angesichts der Tatsache, dass es im Web im Gegensatz zum Printmedium quasi unbegrenzten Platz und eine ebenso nahezu unbegrenzte Reichweite gibt, fehlen viele der Anreize, stärker bei der Themenwahl und -qualität zu selektieren.

Und das ist per se auch nichts, über das man sich beschweren muss - mit ein wenig Selektion und Kenntnis über die wichtigsten Sites zu den eigenen Lieblingsthemen findet jeder Inhalte, die den eigenen, sehr individuellen Ansprüchen an Qualität, Tiefgang und Glaubwürdigkeit entsprechen.

Zu einem Problem wird der Hang des Webs zur Quanität jedoch, wenn die Aggregation von durch User im Netz verbreiteten Meldungen zu einem Maß für Relevanz erhoben wird. Denn die nüchterne Wahrheit ist: Das beste "Social-Media-Potenzial" besitzen häufig die Inhalte, in die am wenigsten Arbeit gesteckt wurde. Eine schmissige Überschrift, kombiniert mit einem Gerücht und ein paar Buzzwords ist ein Garant für eine maximale Verbreitung im Social Web.

Das wissen wir nicht nur aus eigener Erfahrung (nicht selten "explodieren" genau die Artikel viral im Web, von denen wir es am wenigsten erwartet hätten), sondern es ist tagtäglich bei Twitter, in Blogs und bei den großen Nachrichtenportalen zu beobachten.

So banal es klingt: Listen mit X Dingen über Thema XY, Beiträge mit mitunter substanzlosen Gerüchten rund um Apple oder Google, jede Art von Artikel zu Social Media - gerne in Listen-Form ("7 Missverständnise über Social Media"), alles rund um Facebook oder Twitter, Skandalberichte, Thesen (wie viele Artikel mit Thesen zum Journalismus der Zukunft gab es eigentlich schon?), Selbstmarketing im Internet usw - Texte dazu ziehen so gut wie immer. Und lustigerweise alle zwei Monate auf's neue.

Ich würde behaupten, dass sich der selbe, möglichst zeitlose Beitrag mit veränderter, aber polarisierender Überschrift jedes halbe Jahr neu veröffentlichen lässt und dass es stets zu vielen Reaktionen im Social Web kommen würde - bis irgendwann jemand feststellt, dass der Text schon zum vierten Mal publiziert wurde.

Inhalteanbieter richten sich nach dem Bedarf aktueller und zukünftiger Nutzer. Und der kollektive Bedarf der User im Web verlangt nicht notgegrungen nach wortgewaltigen, ausführlichen Exklusivreportagen, für deren Lektüre man eine ganze Stunde freischaufeln muss. Inhalte im Web dürfen ruhig banal, kurz, nicht hundertprozentig seriös, nicht hundertprozentig wahr, einseitig oder wiederholend sein - sie kommen auf kollektiver Basis dennoch an. Selbst wenn sie auf individuellem Niveau für viel Kritik sorgen.

Ein praktisches Beispiel aus der Welt des "Onlinejournalismus" illustriert diese Problematik: Spiegel Online bildet zu jedem beliebigen Zeitpunkt irgendwo auf der Homepage eine hübsche, womöglich nur leicht bekleidete Frau ab. Würde man einzelne User befragen, was sie davon halten, käme vermutlich viel Kritik zur Sprache. Offenbar sorgt dieses Mittel jedoch für eine rege Klickbeteiligung - sonst würde eine eigentlich renommierte Medienmarke wie Spiegel Online nicht auf eine solche Strategie setzen.

Das kollektive Nutzerverhalten des digitalen Schwarms belohnt und fördert nicht die aus objektiven Gesichtspunkten besten, qualitativsten Artikel (bekannt ist dies schon lange von den klassischen Social-News-Portalen wie Digg oder Yigg), selbst wenn auf invidiueller Basis durchaus der Anspruch existiert, als selektiver Filter bei der Nachrichtendistribution zu fungieren (ich bin mir sicher, dass viele netzwertig.com-Leser einem solchen Prinzip folgen).

Für sämtliche Anstrengungen, auf Basis des Schwarmverhaltens einen Nachrichtenaggregator zu entwickeln, bedeutet dies, dass ein quantitativer Fokus nicht genug ist. Was zusätzlich benötigt wird, ist eine gehörige Portion künstliche Intelligenz, um die Qualität von Beiträgen beurteilen zu können. Ein Tool, das nach reger Social-Web-Aktivität den jüngsten Artikel mit Gerüchten rund um ein neues iPhone nach oben spült, müsste in der Lage sein, die inhaltliche Substanz zu analysieren, z.B. das Vorhandensein von Quellenangaben oder zusätzlichen Informationen, die in einem ähnlichen Text vor zwei Tagen fehlten, oder den Sprachstil. Auch müsste eine Einordnung der Reputation und Seriosität geschehen (bestimmte Websites sind bekannt dafür, Enten zu produzieren oder einfach nur Meldungen anderer zu recyceln, schaffen es aber dennoch, bei Twitter permanent präsent zu sein).

Social-News-Dienste, die das ernsthafte Ziel verfolgen, das Social Web auf breiter Front als Quelle für relevante und aktuelle Beiträge zu nutzen und darauf ein entsprechendes Portal aufzubauen, haben ein gehöriges Stück Arbeit vor sich. Einfach nur die Anzahl der Retweets, Likes und Facebook-Erwähnungen zu Rate zu ziehen, reicht nicht aus. Das Resultat käme inhaltlich dann eher einer dynamischen Boulevardzeitung als einem seriösen Nachrichtenmedium gleich.

(Foto: stock.xchng)

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