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15.08.14

So einfach ist das nicht: Wenn Startups beteuern, dass Nutzer ihnen vertrauen können

Viele neue Apps erfordern von Nutzern, dass diese mit Datenfreigaben in "Vorleistung" gehen. Die Macher scheinen nicht mitbekommen zu haben, dass das Vertrauen von Usern in die Praktiken und Sicherheitsstandards von Online-Anbietern über Jahre gelitten hat.

BerechtigungenMit Humin erblickte gestern eine neue intelligente Adressbuch-App das Licht der Smartphone-Welt. Entsprechende Dienste gab es zwar in der Vergangenheit schon häufiger. Doch durch die Einbeziehung von “20.000 Influencern” in die geschlossene Beta-Phase, darunter diverse Prominente, ist es Macher Ankur Jain gelungen, sein Unterfangen schon vor dem Debüt gut sichtbar in der Presse zu positionieren.

Neugierig wie ich bin, lud ich mir die Anwendung testweise aus dem US-App-Store. Doch weit kam ich danach nicht: Denn um die Anwendung ausprobieren zu können, muss man nicht nur das Adressbuch freigeben (worauf ich mich in Einzelfällen einlassen kann), sondern auch den eigenen Kalender. Bei mir ist damit eine Grenze erreicht. Zumindest wenn es um eine brandneue App geht, zu deren Hintergründen und Initiatoren ich so gut wie gar nichts weiß. Auf meine in einem Tweet formulierte Skepsis folgte eine zügige Reaktion der Humin-Macher: Der Abruf der Kalender-Einträge sei notwendig, weil die App Usern Kontaktwege zu den im Rahmen von Terminen zu treffenden Personen liefere. Eine Übertragung der Kalender-Informationen auf die Server von Humin fände nicht statt. Das Team des Startups verwies noch auf eine niedlich als “Humin Rights” betitelte Liste mit vier Geboten, welche die Rechte der Anwender in Bezug auf Datenschutz betonen.

Die sofortige Stellungnahme und das Vorhandensein einer separaten Datenschutz-”Charta” sind löblich und zeigen, dass das 2013 in San Francisco gegründete Startup sich darüber im Klaren ist, dass Nutzer angesichts der erforderlichen Freigaben Bedenken haben könnten. Gleichzeitig unterstreicht die Sachlage aber auch ein Problem, das heutzutage viele Smartphone- und Tablet-Anwendungen tangiert: Sie erwarten von Nutzern sofortiges Vertrauen in die gemachten Versprechen, obwohl User in den vergangenen Jahren regelmäßig daran erinnert wurden, Web- und Mobile-Diensten möglichst kein blindes Vertrauen entgegen zu bringen.

Wie abwegig das häufig bei Apps zu beobachtende Einfordern von Vertrauen in die angeblich getroffenen Sicherheits- und Datenschutzvorkehrungen eigentlich ist, wird deutlich, vergleicht man es mit dem Verhalten von Menschen, die in ein Gespräch mit Straßenverkäufern oder Vertretern an der Tür verwickelt werden. Je mehr diese von potenziellen Kunden wollen, desto größer wäre das Misstrauen. Auch ein mit Hundeblick vorgetragenes “Sie können uns vertrauen. Ehrenwort!” ändert nichts.

Doch genau so gehen neue Apps vor, wenn sie von Usern während des Onboarding-Prozesses alle möglichen Freigaben und “Vorleistungen” (in Datenform) erwarten.

Für Nutzer ohne Know-how im Security-Bereich gibt es mindestens drei Punkte, die dagegen sprechen, sich sofort vor einem gerade gegründeten Startup “nackig” zu machen:

  • Man weiß nicht, ob die Macher einer App Daten bei der Übertragung und Speicherung ordnungsgemäß und effektiv sichern und verschlüsseln.
  • Man weiß nicht, ob die Macher ihr Versprechen halten, die Daten keinen Dritten zugänglich zu machen.
  • Mit jeder Übertragung lokaler Daten macht man sich zusätzlich transparent vor den bekanntermaßen allgegenwärtigen Geheimdiensten.

Der dritte Punkt wird leider auch nach dem Zustandekommen eines echten Vertrauensverhältnisses zwischen Anbieter und Anwender nicht ganz zu beseitigen sein. Bei den ersten beiden Aspekten dagegen kann der Anbieter schlicht durch solides Agieren über einen längeren Zeitraum für Vertrauen sorgen. User handeln nicht rational. Ich würde unter Umständen meinen Kalender mit Humin teilen, trotz existierender Bedenken. Aber eben erst, nachdem ich das Gefühl bekommen habe, dass dieses “Investment” es wert ist. Dazu könnte es kommen, würde ich die App erst einmal ohne bestimmte Freigaben verwenden dürfen.

Aus Sicht von App-Entwicklern ist das lädierte Vertrauen seitens der Nutzer in Folge von Überwachungsskandalen und Sicherheitslecks natürlich ein Problem. Damit Benutzer das volle Leistungsspektrum von Humin erleben können, müssen sie die Freigaben erteilen. Das wiederum lohnt sich für sie nur, wenn sie dafür im Gegenzug auch einen ordentlichen Mehrwert erhalten. Der bleibt ihnen jedoch verborgen, solange sie die Freigaben nicht geben.

Doch letztlich ist das eine der vielen Künste, die beherrscht werden wollen, um sich mit einer reichweitenorientierten Anwendung durchzusetzen: möglichst schnell genug Anwendervertrauen zu gewinnen, um User zu den für sie mit “Kosten” verbundenen Schritten zu bewegen, die für das Funktionieren einer App notwendig sind. WhatsApp brillierte darin. Humin dagegen hat meines Erachtens nach noch einige Arbeit vor sich. /mw

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