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21.05.08

Sind Blogs eigentlich links?

Wenn es eines Beispiels für das Böse der Blogosphäre bedarf, muss regelmäßig 'Politically Incorrect' herhalten. Man könnte meinen, Bloghausen sei ein brauner Sumpf - die Frage sollte aber besser heißen: Sind Blogs eigentlich links?

Wenn man den Berichterstattern der Holzmedien trauen darf, gilt: Blogs sind die Heimstatt aller Kryptofaschisten und notorischen Wortmüllproduzenten, die in den Löchern des spießbürgerlichen Vorurteilswesens auf fette Beute lauern, während sie, die gebenedeiten Redakteure, wie Engel über jenem dahinduftenden Mordor tief unter ihnen schweben. Wenn sich allerdings jemand wirklich auskennt, lautet die Antwort anders.

Mit Parteipolitik hat die Blogosphäre dabei wenig zu tun. Von welcher Partei auch immer, es gibt meines Wissens bisher nirgendwo ein ernstzunehmendes Parteiblog in Bloghausen. Bezeichnenderweise. Und Angela Merkels Vlog-Versuche gleichen - recht betrachtet - eher einem Anbiederungsversuch an eine wahlstrategisch bedeutsame Zielgruppe, deshalb, weil 'man das medienpolitisch jetzt auch so macht', keineswegs aber ist es eine mediale Großtat unter der virtuellen Zirkuskuppel.

In den Augen der Blogger - Bizziniss-, SEO- und PR-Blogger bleiben vorläufig mal außen vor - steht auf der einen Seite so etwas wie 'die dunkle Macht'. Und ihr gegenüber, nämlich im virtuellen Auenland auf der grünen Wiese, da finden wir die Jungs und Deerns mit den Lichtschwertern - nämlich die Guten, auch Blogger genannt. Ob der Gegner dann Schäuble, Westerwelle, Lafontaine oder Johannes B. Kerner heißt, ist dabei ziemlich humpe. Man nennt das, was 'böse' oder 'dunkel' scheint, erst einmal 'rechts'. In Wirklichkeit ist es meist schlicht 'oben'. Denn Blogger sind eben ziemlich egalitär und anti-elitär, wenn sie nicht gerade elitär sind ...

"Salonanarchisten" stieß ein Freund mal hervor, als ich mit ihm über das Phänomen plauschte. Da ist schon was dran. Einer dieser Alpha-Blogger kam zum Beispiel mit einem goldenen Löffel im Mund auf die Welt und garniert seither luxurierend sein Leben mit viel Silberbesteck, Kandelabern und auch Zweitwohnungen, wo er dann mit nassforschen 'Entrepreneurs' und 'Start-Ups' den Boden zu wischen pflegt. Ein anderer tituliert sich 'Weltherrscher' und erfreut die Blogosphäre mit Selbstkomponiertem auf der Stromgitarre, also auf jenem Instrument, das nicht umsonst als der 'Dominator' der Klangwelt gilt. Politisch aber steht bei beiden - und es handelt sich nur um zwei Beispiele aus einer ganzen Reihe - ein eindeutig herrschaftsfreier Impetus im Vordergrund, der ökonomisch nichts Schöneres kennt, als wenn irgendein Bizziniss-Projekt mal wieder im strengen Duft verbrannten Geldes den Blog-River hinab abschifft. Die eigene Zielvorstellung lautet eher: wirkliche Kommunikation ohne PR-Gesäusel, Marktgeschrei und Nebenabsichten (wie auch immer das dann aussähe). Blogger sind gewissermaßen auf jene Art 'links' wie auch Kabarettisten 'links' sind.

Programmatische Texte dagegen gibt es nirgends (vielleicht mit einer einzigen Ausnahme, dem 'Cluetrain Manifesto'). Der Blogger, der das 'Kapital', den Keynes oder Kautsky wirklich gelesen hätte, der wäre mir jedenfalls noch nicht begegnet. Über die Zugehörigkeit entscheidet nirgendwo eine offizielle 'Parteilinie', wie bei den klassischen Taubenzüchtervereinen unseres parlamentarischen Lebens, die Zugehörigkeit ist 'Gefühlssache' an einem Ragout von 'praktischem Menschenverstand', man bewegt sich mit seinen Anschauungen in der Mitte oder am Rand der großen 'Blase' - der so genannten 'Blogosphäre'.

Ich weiß, dass dieses Bild erheblich vom journalistischen Medienbild abweicht. Dort gilt - unter Zuhilfenahme von Angstphantasien und viel Projektion - das Web 2.0 als brauner Sumpf. Prompt ertönt immer wieder triumphierend ein Name in den empörten Pamphleten: Politically Incorrect! Gemeint ist jenes Krakeelbecken aller Fremdenhasser, die sich angesichts der derzeitigen verschwörungstheoretischen Konjunktur vor allem auf den Islamismus kaprizieren, aber gern auch mal einen Schwulen brennen sehen würden.

Klar, PI ist eine eklige Veranstaltung - ist es andererseits aber nicht auffällig, dass immer NUR dieser Name fällt? Hat ganz Holzstetten denn nichts anderes zum Beweis bieten? Wo wären denn die zahllosen anderen Blogs ähnlich angebräunter Monosynapsen? Ich rede schließlich auch nicht über die Holzmedien, indem ich ständig die 'St-Pauli-Nachrichten' oder die 'Deutsche Soldatenzeitung' schwenke. Gut, die Schweiz bietet mir noch ihren 'Winkelried' als letztes Aufgebot an, der ist doch aber auch eher zum Kabarett zu zählen. Ansonsten tummelt sich alles, was rechts ist, in einigen schön 'muckelig' abgesicherten Foren und Chatrooms - mit anderen Worten: in den geschlossenen Clubs des Web 1.0., und damit in der guten alten Homepage-Zeit. Aber eben selten auf freier Wildbahn, wo die Blogger zu finden sind, und wo es was auf die Mütze gibt. Geisterfahrer-Blogs wie 'Politically Incorrect' sind daher trotz ihrer Blogform eher 'holzmediale Erzeugnisse' - oder in den Worten eines Aussteigers:

 

"Man darf PI aber auch nicht überbewerten. Es ist ein Blog. Weiter nichts. Ein bekannter Blog, allerdings verdankt man diese Bekanntheit der bewussten Provokation. Und den Medien wie der FAZ, der Taz, der SZ - die sich PI als Feindbild ausersehen haben und mit ihren Warnungen vor PI diesem Blog jedesmal neue Leser zuschanzen, die dann zuerst von der Deutlichkeit der Worte auf diesem Blog begeistert sind. Die erst später oder gar nicht merken, dass sich dort mittlerweile ein Mob tummelt, der mit Demokratie nichts am Hut hat."

Jaja, diese dienstbaren Geister, die unsere Medien riefen und päppelten ... über den Daumen gepeilt jedenfalls und mit einigen Ausnahmen sind Blogs in der Regel antitotalitär, ziemlich auf soziale Gerechtigkeit bedacht, in ihrer großen Mehrheit antirassistisch, mit einem scharfen Blick für Lächerlichkeit begabt, aller Macht gegenüber misstrauisch, geldnasenallergisch, sabbelfranzresistent und sich selbst Autorität genug. Deswegen haben es auch alle Bizziniss-Gestalten in Bloghausen so schwer: Wo der dicke Ökonomisten-Kater eingezwängt ins Micky-Maus-Kostüm und mit Sugar-Daddy-Allüren herumtappt und das Porzellan zerschlägt, da herrscht unweigerlich Aufregung im Mäuseturm. Und sei die Maske noch so 'authentisch' oder 'viral'!

Rundgelutschte Politikerwörter dagegen wie 'liberal', 'christlichsozial', 'antikapitalistisch' oder 'sozialistisch' passen auf die Bewohner von Bloghausen wie die Gabel zur Suppe. Ich greife, wenn ich Außenstehenden einen Hauch von dieser im allgemeinen höchst hilfsbereiten und kooperativen Welt vermitteln will, allenfalls zum soziologischen Kunstwort 'kommunitaristisch'. Was wiederum den Nachteil hat, dass es kaum jemand versteht, obwohl es halbwegs zutrifft ...

Hier einige bekanntere und unbekanntere Blogs, die in meinen Augen es politisch gern im Mainstream der Blogosphäre treiben. Die Analyse solcher Inhalte würde weit mehr Einsichten bringen als der ständige Fokus auf diese eine altmediale Krawallveranstaltung namens PI:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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