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28.04.14

Simon Specka von ZenMate: "Wir wollen das Norton Antivirus für den Online-Schutz werden"

Derzeit bietet der aus Berlin stammende Dienst ZenMate nur ein Chrome-Plugin zum anonymen und verschlüsselten Surfen. Doch das Startup hat eine große Vision: Es will mindestens 100 Millionen Nutzer erreichen und sich als eine der bekanntesten Marken im Segment von Online-Privacy und -Security etablieren.

ZenMateDass sich Simon Specka, einer der zwei Gründer des aus Berlin stammenden Startups ZenGuard, im Segment der Online-Privatsphäre niederließ, überrascht, hört man ihn über seinen bisherigen Werdegang sprechen: Angesichts von BWL-Studium, einem Praktikum bei Rocket Internet und diversen anderen Projekten mit starker betriebswirtschaftlicher Prägung, einige in Südostasien, wäre es nicht verwunderlich, hätte Specka seine Idee und Laufbahn als Entrepreneur an den Werten angelehnt, die man bei einschlägigen Inkubatoren und Klonfabriken findet. Doch wie er erkärt, sagt ihm das in diesen Kreisen typische Streben nach extremer Risikominimierung ganz und gar nicht zu. "Die größten Fortschritte im Technologiesektor wurden mit Vorhaben erreicht, die auch das größte Risiko mit sich führten", so Specka. Deshalb hielt ihn nichts davon ab, sein Unternehmen in einem Umfeld anzusiedeln, in dem sich die Rahmenbedingungen stetig und schnell ändern können, und in dem Best-Practice-Beispiele nicht auf dem Silbertablett serviert werden. Knapp drei Millionen Nutzer in neun Monaten

Im vergangen Sommer schickten Specka und sein Co-Founder Markus Hänel den ersten und vorläufig einzigen von ihrem Startup entwickelten Dienst ins Rennen: ZenMate. Dabei handelt es sich um ein bislang nur für Chrome angebotenes Browserplugin, das derzeit komplett kostenfrei den Datenverkehr zwischen Usern und aufgerufenen Websites verschlüsselt und anonymisiert. ZenMate funktioniert vom Prinzip her ähnlich wie eine VPN-Verbindung, zeichnet sich aber durch eine derartig einfache Bedienung aus, dass es im Gegensatz zu Profi-Werkzeugen wie VPNs oder Tor auch ohne Probleme vom Otto-Normal-Nutzer verwendet werden kann. Fast drei Millionen Anwender haben sich seit dem Debüt Mitte 2013 bei ZenMate registriert - deutlich mehr, als Specka und Hänel in diesem Zeitraum erwartet hätten.

Physische Server statt Nutzung der Cloud

Simon Specka

Das Duo und die mittlerweile 15 bis 20 Teammitglieder, davon rund die Hälfte festangestellt, haben ein Netz aus bald 200 Servern in fünf Ländern aufgebaut, zu denen sich User per ZenMate-Plugin verbinden, um daraufhin sicher und anonym zu surfen. Die Hauptstädter mieten dedizierte Server bei führenden Hostern an, die sie dann mit ihrer Verschlüsselungssoftware ausstatten, um auf diese Weise eine virtuelle Infrastruktur aufzubauen. Unter anderem aus Datenschutzgesichtspunkten sowie Kostengründen ziehen die ZenMate-Macher die Serveranmietung der Nutzung einschlägiger Cloudgiganten vor. Die Amazon-Cloud wäre für ZenMate gemäß Specka hundert Mal so teurer wie der Betrieb des derzeitigen Systems. Der Nachteil des gewählten Verfahrens liegt in den fehlenden Optionen zur Autoskalierung im Falle plötzlicher Trafficspitzen. Diese treten vermehrt ein, oft im Zuge politischer Turbulenzen in bestimmten Ländern, etwa zuletzt, als auf einen Schlag viele Nutzer aus der Türkei oder Ukraine ZenMate installierten. Ab und an sei es deshalb in der Vergangenheit zu Performanceproblemen gekommen. Ernsthafte Ausfälle habe es aber nicht gegeben.

ZenMate protokolliert keine Nutzungsdaten

Einer der Vorteile der Anmietung physischer Server gegenüber der Nutzung von Cloudservices ist laut ZenMate-Chef Specka auch das hohe Maß an Kontrolle, die das Unternehmen damit über die Technik erhält. Dieser Aspekt wiederum stellt einen essentiellen Teil des ZenMate-Versprechens dar, das besagt, dass keine Anwender- oder Nutzungsdaten erhoben werden. Der 26-Jährige betont, dass der Dienst abgesehen von der bei der Registrierung anzugebenden E-Mail-Adresse weder weiß, wer ihn nutzt, nochh mitschneidet, welche Websites mittels ZenMate angesteuert werden. Zusätzlich verweist das Unternehmen auf die strengen deutschen Datenschutzgesetze, die für Anwender als vertrauensfördernde Maßnahme dienen sollen.

Grundsätzlich kann ZenMate seine Server überall betreiben, selbst in Ländern mit einem weniger restriktiven Schutz der Privatsphäre - wie in den USA, wo die Berliner auch mit Server präsent sind. Da die hergestellten Verbindungen nicht protokolliert werden, würde selbst bei einer Beschlagnahmung der Server für Anwender kein Risiko existieren, erklärt Specka. Im schlimmsten Fall müsste das Unternehmen damit rechnen, in einem bestimmten Markt aufgrund juristischer Attacken keine Server mehr betreiben zu können. Auch eine landesweite Blockade von ZenMate sei möglich, allerdings besitze das Unternehmen genug technisches Know-how, um derartige Maßnahmen zu umgehen. Dennoch wollen Specka und seine Kollegen darauf verzichten, explizite Marketingkampagnen in Ländern durchzuführen, in denen die Freiheit des Internets nicht garantiert ist. Wohl auch, um sich nicht unnötig in die Schusslinie zu begeben. Zumal Mundpropaganda hinreichend effektiv ist.

Ambitionen weit über das Chrome-Plugin hinaus

Blickt man auf den heute von ZenMate angebotenen Service, läuft man Gefahr, die Chancen des Dienstes zu unterschätzen. Zumindest kann man zu diesem Schluss kommen, hört man Specka über die mittel- bis langfristigen Ziele der Firma plaudern: "Die Vision ist viel größer, als nur ein 'VPN'-Plugin zu bauen", sagt der junge Gründer. "Wir wollen mindestens 100 Millionen Menschen erreichen und uns als eine der großen Marken im Endkundenbereich für Online-Privacy-Security-Lösungen etablieren", beschreibt er die Ambitionen. ZenMate solle die gleiche Bekanntheit und Reputation im Bezug auf Onlineschutz bekommen wie einst Norton Antivirus bei der Desktop-Sicherheit.

Monetarisierung hat Zeit

Vorläufig geht es den Berlinern darum, im hohen Tempo viele weitere Millionen Nutzer für sich zu begeistern. Die notwendige Erweiterung auf zusätzliche Plattformen wird eine der Maßnahmen sein, um die Wachtumskurve zu steigern. In ein bis zwei Monaten sollen mobile Apps für iPhone und iOS lanciert werden, zudem werde ZenMate auch für den Firefox entwickelt. Der Plan ist außerdem, ZenMate nach und nach um zusätzliche Features zu ergänzen, wie beispielsweise das Verstecken des Browser-Fingerabdrucks, das Management von Tracking-Cookies, die Kompression von Daten (für mobile Geräte) oder das Blockieren von Anzeigen. Erst wenn all dies implementiert wurde und auf verschiedenen Plattformen verfügbar ist, werde die Monetarisierung durch kostenpflichtige Premium-Accounts in Angriff genommen, beschreibt Simon Specka die Roadmap. Er hofft, bis dahin die Marke von zehn Millionen Usern durchbrochen zu haben.

Um diesen ehrgeizigen Plan verwirklichen zu können, ist über die knapp eine Million Euro Kapital hinaus, die das Startup bislang von Business Angels sowie Project A Ventures eingesammelt hat, weiteres Geld erforderlich. Derzeit ist das Unternehmen dabei, die nächste Finanzierungsrunde in die Wege zu leiten. Gefragt, wie sehr die Kosten für Datenverkehr und Infrastruktur ins Gewicht fallen, deutet Specka an, dass dieser Posten trotz der enormen Datenmengen, die schon jetzt mittels ZenMate generiert werden, im Vergleich zu den Ausgaben für Personal recht unbedeutend ist. Pro aktivem User fallen pro Monat maximal niedrige einstellige Centbeträge an - eine Folge rasant gesunkener Kosten für Traffic sowie konsequenter Optimierungen der ZenMate-Technologie.

Auch wenn vollmundige Parolen von Startups oft Szenarien beschreiben, die nie eintreffen, scheint ZenMate gute Erfolgsvoraussetzungen zu besitzen. Denn aktuell sieht es nicht danach aus, als würden die persönlichen Rechte der Nutzer im globalen Netz in nächster Zeit signifikant gestärkt werden. Damit gewinnen Dienstleistungen wie die, auf die ZenMate sich spezialisiert, stetig an Bedeutung. /mw

Link: ZenMate

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