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04.06.09

Siegeszug des Internets: Die Elite hat Angst

Die Anfeindungen zwischen Netz-Kritikern und Web-Enthusiasten erreichen neue Höhepunkte. Warum scheint die Debatte in Deutschland größere Ausmaße anzunehmen als zum Beispiel in den USA?

Die Elite hat AngstIm Wochentakt werden wir Zeuge von engstirnigen, pauschalen und unqualifizierten Rundumschlägen gegen das Internet. Urheber sind zumeist Journalisten, Professoren, promovierte Medienexperten oder Politiker. Während das grundsätzliche Bestreben, auch in der digitalen Welt ein friedliches und faires Miteinander sicherzustellen, keineswegs abwegig ist, kann man die Vorgehensweise und Argumentation in den meisten Fällen als völlig kontraproduktiv und fehl am Platz bezeichnen.

Intensiv hat die deutsche Netzgemeinde in den vergangenen Monaten versucht, sich mit den unterschiedlichsten Attacken ihrer Kritiker auseinanderzusetzen und diese zu widerlegen.

Was mir aber schon seit einiger Zeit keine Ruhe lässt, ist die Frage nach dem Warum. Warum hat es den Anschein, dass die Anfeindungen zwischen Web-Enthusiasten und -Skeptikern in Deutschland erheblich größere Ausmaße annehmen als z.B. in den USA, wo der neue Präsident Barack Obama das Internet von Beginn an als Chance angesehen hat, oder in Schweden, wo ich seit drei Jahren lebe?

Ich bin kein Soziologe und werde meine Aussagen nicht mit Studien oder wissenschaftlichen Experimenten belegen. Aber ich habe eine Leidenschaft dafür, zu beobachten und zu analysieren, was um mich herum geschieht. Zudem hilft mir die nach einigen Jahren im Ausland entwickelte Distanz, Prozesse in meinem Heimatland objektiver zu beurteilen.

An den zahlreichen Debatten der letzten Zeit wird deutlich, woran es hapert: Die Elite in Deutschland hat Angst vor dem Web. Sie, also Entscheider, Gestalter und Menschen mit Einfluss auf die Gesellschaft, haben enorme Probleme damit, die Web-Phänomene zu verstehen, die gerade eine Revolution vorantreiben. Eine friedliche und digitale Revolution. Eine Revolution, bei der sich Machtverhältnisse verändern, bei der Menschen ohne Einfluss plötzlich Gehör finden und andere, die bisher viel zu sagen hatten, sich schlagartig mit deutlich weniger Aufmerksamkeit begnügen müssen oder aber stärkeren Gegendwind erfahren.

Nun könnte man fragen: Wieso machen es die führenden Personen hierzulande nicht ganz einfach wie Barack Obama und andere US-Amerikaner? Warum versuchen sie nicht, das Web für ihre Zwecke zu nutzen und die Möglichkeiten darin zu sehen, statt eine grundsätzliche Abneigung gegen das Netz zu entwickeln? Deutschland hat zwar nur knapp ein Drittel so viele Einwohner wie die USA, aber mehr als die Hälfte derer lassen sich online erreichen.

Die Antwort, so glaube ich, liegt in der hiesigen Zusammensetzung dessen, was ich gerade als Elite bezeichnet habe.

In den USA gibt es viele gebildete Menschen, einflussreiche Wissenschaftler, Professoren und Autoren. Doch mindestens den gleichen Stellenwert wie der intellektuelle Status hat Unternehmertum. Wer in den USA etwas aufbaut, eine Firma gründet, damit aufsteigt, Jobs schafft und zugleich Geld verdient, ist hochangesehen. Ganz ähnlich ist die Situation hier in Schweden.

In Deutschland aber garantiert traditionell etwas anderes hohes Ansehen: Klassische Bildung, so beispielsweise exzellente Kenntnis deutscher Geschichte, Konflikte, Dichter, Philosophen und Literaten. Wer dieses Wissen beherrscht und ein ausführliches Universitätsstudium vorweisen kann, braucht sich nicht davor scheuen, im Rampenlicht zu stehen, und hatte bisher gute Chancen, Einfluss und Macht zu erlangen. Folgt man hingegen seinem unternehmerischen Drang oder ist gar darauf aus, viel Geld zu verdienen, muss man sich mit weit weniger Status abfinden - selbst wenn dabei Jobs entstehen und mitunter positiv auf die zukünftige Entwicklung des Landes eingewirkt wird. Und überhaupt: Reich zu sein, gehört in Deutschland bekanntlich nicht zu den Dingen, von denen man stolz seinem Nachbarn berichtet.

Die Elite in Deutschland kann nicht - wie ihr Pendant in den USA oder in Schweden - offen auf das Netz zugehen, sich vorurteilslos mit ihm auseinandersetzen und versuchen, die Vorteile für sich und für die Gesellschaft zu erkennen und zu nutzen. Sie definiert sich nämlich zu einem großen Teil über klassische Bildung, über ihren intellektuellen Stand. Das Internet beendet dessen Tauglichkeit als Alleinstellungsmerkmal.

Heute lässt sich viel leichter in den Genuss der Privilegien kommen, die bis dato ausschließlich Personen mit Macht und Einfluss vorbehalten waren. Jeder kann Inhalte publizieren, jeder kann sich eine Folgschaft erarbeiten, jeder kann gemeinsam online Dinge erreichen und sich organisieren, jeder kann in wenigen Sekunden das nachschlagen, wofür andere Jahre lange studiert haben - und dieses Wissen auch noch selbst ergänzen. Was für die Netzjünger das Faszinierende darstellt, schafft bei den an der Vergangenheit festklammernden Skeptikern Missgunst und Furcht.

Das ursprüngliche Privileg der deutschen intellektuellen Elite hat sich zum Instrument der Masse entwickelt. In anderen Ländern wie den USA oder Schweden ist dies kein so großes Problem. Dort reichte der Stolz auf die eigene, akademischer Ausbildung allein sowieso nie aus, um sich eine Position an vorderster Front zu verschaffen.

In Deutschland aber bangt gerade eine ganze Reihe von bisher mit Ansehen und Einfluss ausgestatteten Personen darum, ihre Legitimierung als Bildungselite zu verlieren. Das Ergebnis ist ein Kampf zwischen früheren und zukünftigen Machthabern. Gerne würde ich auf solche Kriegsrhetorik verzichten, doch die für offene, global denkende und zukunftsorientierte Menschen vollkommen unverständlichen, permanenten Querschüsse einiger Vertreter der beschriebenen Gruppen lassen einem keine andere Wahl.

Dabei braucht es eigentlich nicht viel, um diesen Kampf zu entschärfen: Ein wenig mehr Offenheit, ein wenig mehr Verständnis und ein klarer Blick nach vorne statt nach hinten. Das wünsche ich mir von all denen, die sich momentan auf Kriegsfuß mit dem Internet befinden.

(Foto: Flickr/stuartpilbrow, CC-Lizenz)

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