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11.01.08

Sieben Thesen zum Journalismus

Ein Patt bei dieser Diskussion zwischen Bloggern und Journalisten – das war zu erwarten. Dass allerdings nicht einmal über die Ausgangssituation Einigkeit erzielt werden konnte, dass Weghören zur Königsdisziplin wurde, das war weniger zu erwarten. Ein offensichtlich notwendiger Nachtrag zur Mediensituation von Klaus Jarchow.

Sieben Thesen zum Journalismus

Herrgott, sie stehen mitten in einer Medienrevolution - und sie merken es nicht! Die Diskussion zum Journalismus im Web 2.0, veranstaltet vom DJV am Donnerstag, dem 11. Januar, ließ mich einigermaßen ratlos zurück (Aufzeichnung hier). Ratlos deshalb, weil ich mir das Unwissen gewisser Mitglieder der journalistischen Zunft nicht so groß vorgestellt hätte. Vielleicht aber waren es auch nur besonders vorsintflutliche Exemplare, die jetzt den guten, alten Presserat, der schon bei den Holzmedien nicht funktionierte, als Qualitätsinstrument ins Netz transferieren möchten.

Eine Kurzkritik des Abends, bevor es an die Thesen geht: Generell redeten die Blogger links vom Moderator und die Steinzeit-Fraktion rechts vom Moderator aneinander vorbei (erste Ablaufschilderungen gibt es hier und hier und hier). Da hatten wir links Don Alphonso, Thomas Knüwer und Michaela May , die ebenso freundlich wie vergeblich versuchten, den Herren vom Druckgewerbe klar zu machen, dass die fehlende Recherchetiefe und mangelnde Qualität doch in den Printmedien zum Dauerzustand würde, wofür es handfeste ökonomische Gründe gäbe, die auch bei einer immer renditegeileren Verlagsseite zu suchen seien, und dass die Blogs also - im Gegenzug - eher als eine Art qualitatives Korrektiv wirken würden. Blogs seien unter anderem eben auch eine Folge defizitärer Altmedien.

Daraufhin tönte dann der Herr Jörges vom Stern, dass er über Blogs überhaupt nicht zu reden wünsche. Nach seinem Verständnis ginge es ja um Kommentare in den Foren, zum Beispiel bei stern.de, also um diese Schmieranten, deswegen sei er auch hier, solche Texte steckten nun mal voll ekelhafter Besserwisserei und Neonazitum. Was ja alles so sein mag, was von mir aus auch viel über den Charakter des durchschnittlichen Stern-Lesers aussagen dürfte. Aber was, bitte schön, hätte stern.de mit dem Web 2.0 und mit dem Titel der Verstaltung zu tun? Stern.de ist ein schlichtes Online-Portal, also Web 1.0 ...

Ferner agitierte dort dann noch ein Professor Donsbach, dessen Uhr mir medienwissenschaftlich irgendwo Anno Habermas stehen geblieben zu sein schien. Der teilte die Blogger in drei Kategorien ein, die ich auf der Stelle wieder vergessen habe. Ein Herr Michael Konken vom DJV ritt auf seiner bekannten Rosinante, der angeblichen Anonymität im Netz, herum, erwähnte als Beweis erneut irgendwelche Blogs der 'Süddeutschen', war vollständig merkbefreit und wollte partout nicht begreifen, dass die Süddeutsche gar keine Blogs hat, sondern nur eine Online-Ausgabe. Jedenfalls forderte er, so jedenfalls verstand ich seinen Gallimatthias, wegen all der Unverantwortlichkeit im Netz zertifizierte Blogs, am besten wohl mit einem hauseigenen DJV-Stempel. Ansonsten fielen oft Begriffe wie 'Presserat' und 'Ethik', als ob die Blogosphäre ein Moralproblem hätte. Und der Björn Sievers vom Focus.de versuchte als Bewohner zweier Welten einigermaßen ausgleichend und entdämonisierend zu wirken.

So ungefähr hat sich das Ganze bei mir im Gehirn verewigt. Erfrischend wirkte auf mich allein der Herr Pfeffer von der DPRG, der sich zum Schluss aus dem Publikum zu Wort meldete und wirklich etwas von der Dimension des Vorgangs begriffen zu haben schien: Für seinen Verband erklärte er, dass in dieser beginnenden Medienrevolution die Public Relations aufhören müssten, ständig und gewohnheitsmäßig zu lügen. Sonst stünden sie schon bald ganz ohne Publikum da. Große Worte - mir fehlt allerdings ein wenig der Glaube, auch beim Anblick seiner Homepage. Aber immerhin. Hier jetzt einige Thesen.

EinsNetzbewohner sind vor allem anderen Leser
Das klingt zunächst einmal banal. Es hat aber für die Rezeption von Texten im Netz durchaus Konsequenzen. Für Journalisten heißt das nämlich, dass sie im Web 2.0 primär an ihrer Kernkompetenz arbeiten müssen, wollen sie noch ein Publikum finden: am Schreibenkönnen also. Ihr Stil ist der erste qualitative Prüfstein, also ihr 'schriftstellerisches Können', erst an zweiter Stelle vielleicht Ethik oder Recherche. Denn ein guter Mensch, der recherchieren kann, produziert noch lange keinen lesenswerten Text.

ZweiNo Gatekeeping anymore
Das Internet hat keine Tore. Es gibt auch keine Marktplätze. Und es ist unendlich groß. Niemand muss irgendwo vorbeikommen. Es ist ein Pull-Medium, kein Push-Medium - um mich für Marketingleute mal verständlich auszudrücken. No matter how big you are - im Netz bist du nur noch ein kleiner Fliegenschiss unter vielen, da kannst du noch so laut bimmeln oder Coca Cola heißen. Du gehst nicht zu den Leuten, wenn du Glück hast (und Können) kommen die Leute zu dir - sonst eben nicht. Dafür benötigst du vor allem gute Ware. 'Mutabor' - das gilt daher für allen Journalismus und alles Schreiben im Netz: Weg vom Gatekeeper, weg vom autoritären Journalisten und Welterklärer hin zum journalistischen Autor, der vor allem gut erzählen und auch unterhalten kann.

DreiIn einer Welt aus Mikromedien ist nichts groß
Ein, zwei großmediale Säulen mögen übrig bleiben. Das Netz benötigt kein zweites Google, und es benötigt ebensowenig ein zweites Spiegel Online. Dieses eine Portal wird wohl, vermute ich jedenfalls, als akzeptiertes Dokumentationszentrum der allgemeinen Großnachrichtenlage übrig bleiben - und daneben noch 'tagesschau.de' oder ein 'Independent Medium', vielleicht 'Stefan Niggemeier', etwas in der Art - oder ein deutsches 'Techcrunch' (wer macht es?). Das sind dann aber keine journalistischen Monumente mehr, zu denen der gemeine Netzbewohner aufschaut wie zu den Sternen. Sie hätten eine Funktion ähnlich der von Stripteasestangen in einer Nachtbar: Jedes Muttermal wird kommentiert. 'Godlike'-Tollenwerfer und größenwahnsinnige Agenda-Setter dagegen werden von einem demokratisch gestimmten Publikum ausgelacht, denn wer will sich von einer Hupfdohle schon die Welt erklären lassen. Ein gewisses Bajazzotum ist also gefragt, eher Harald Schmidt als Wolf Schneider ...

VierDas Internet ist glatt wie eine Billardkugel
Blank und eben, nirgends Hochgebirge. Höchstens Maulwurfshaufen kommen noch vor. Und diese Medienwelt wird sich weiter gnadenlos fragmentieren. Immer mehr Maulwurfshaufen. Es gibt keine medialen Schlachtschiffe mehr, um die gnädigerweise auch ein paar mikromediale Beiboote herumkreuzen dürfen, wie dies in der Diskussionen einige Old-Media-Leute zu erwarten schienen. Es gibt schon bald nur noch Beiboote. Selbst das 'Special Interest' zerfällt wiederum in zahllose Unterthemen. Leserscharen werden künftig eher nach Hunderten gezählt, nicht mehr nach Hunderttausenden, obwohl die Zahl der Leser in der Summe nicht abnimmt. Was das für die bisherigen Vertriebs- und Werbemodelle heißt? Ja, bin ich Nostradamus?

FünfObjektivität ist nicht 2.0
Im glattgeschmirgelten Bürokratenstil etablierter Printmedien klangen sogar abgeschriebene PR-Artikel 'objektiv'. Objektivität gilt aber gerade deshalb nicht länger als 'wahr', sie wirkt auf Menschen einfach nur kalt oder zynisch. Das Web 2.0 ist aber 'ein warmes Medium'. Ein Journalist im Web 2.0 muss wieder wissen, 'wofür' er schreibt, früher sagte man mal, er muss 'mit Herzblut' schreiben. Klingt kitschig, ich weiß.

SechsVielfalt ersetzt heilige Einfalt
In der Welt der alten Medien konnte - cum grano salis - niemand mehr die Artikel aus der Süddeutschen, aus der FAZ, dem Tagespiegel, der Welt, oderoderoder auseinanderhalten. Ideologisch wie stilistisch war alles 'ein Brei' geworden. Der größte Unterschied war noch der Zeitungstitel. Hierin - in der großen Langeweile - liegt eine der Hauptursachen für die Flucht der Leser ins Netz. Wenn sie die Texte, die sie mögen, in den Zeitungen nicht mehr finden, dann schreiben sie sich die eben selber. Die Folge: Die Rückkehr der Person in den Text. Schreiber sind nicht mehr beliebig austauschbar. Ein Mikromedium lebt und stirbt mit seinem Autor. Auch darin unterscheidet es sich von einem Massenmedium.

SiebenAbschied von gesellschaftlichen Lenkungsfunktionen
Massenmedien hatten durchaus auch eine politische Aufgabe: Sie sollten die Masse formieren durchs Informieren, Leitideen 'implementieren' und die Einstellungen der Menschen bewahren oder ändern. Was aus der Defunktionalisierung dieser Aufgabe durch Fragmentierung folgt, ist auch mir nicht klar. Jeder erfährt zwar noch immer quantitativ gleich viel, aber alle erfahren etwas anderes. Niemand gibt mehr - soziologisch gesehen - eine 'Agenda' vor. Wird das nun eine 'führungslose' oder eine 'selbstorganisierende Gesellschaft'? In gewisser Weise stellt die Antwort auf diese Frage die These von der 'Schwarmintelligenz' auf die Probe.

*to be continued* (am besten von den anderen in den Kommentaren)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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