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27.09.13

Serienmarathon: Ein neuer Volkssport verändert die Fernsehbranche

Millionen Menschen verbringen mittlerweile ganze Wochenenden und Urlaubstage mit dem Anschauen kompletter Serienstaffeln. Der von Online-Videodiensten angetriebene Trend verändert die Fernsehbranche.

SerienmarathonJede Ära hat viele für sie charakteristische Merkmale. Stilprägend für die frühe digitale Epoche sind zum Beispiel "Selfies" und virale Mems. Leicht übersehen kann man in der Betrachtung ein anderes, sich derzeit rasant ausbreitendes Phänomen: Auf Englisch "Binge viewing" genannt, wäre die genaue deutsche Übersetzung "Sehgelage" oder "Sehorgie". Geeigneter und auch geläufiger ist jedoch "Filmmarathon" oder "Serienmarathon", je nach dem, was gerade über einen längeren Zeitraum auf dem heimischen Fernseher, Tablet oder Notebook flimmert. Denn nichts anders beschreibt der Begriff: Das marathonartige Anschauen einer Filmreihe oder Serienstaffel. Zumeist geht es um Letzteres, worauf ich mich in diesem Beitrag auch konzentriere.

Solche Marathons sind freilich in der Theorie schon seit der Erfindung der Videokassette möglich und wurden einfacher, seit Fans bereits ausgestrahlte Serien als DVD-Boxen erwerben konnten. Doch zum Massenereignisse avancierte der Trend des ununterbrochenen Konsumierens einer vollständigen Serienstaffel, seit diese bequem per Mausklick oder Bildschirmberührung über das Internet heruntergeladen oder gestreamt werden kann. Hinzu kamen einige andere äußere Umstände, die in Kombination dazu führten, dass Millionen ihr Fernsehkonsumverhalten radikal verändern. Serienknüller und VoD treiben die Entwicklung an

Neben den immer mehr Akzeptanz findenden Video-on-Demand-Diensten (VoD) wie iTunes, Netflix, Hulu und Amazon Prime - die letztgenannten drei leider nicht im deutschsprachigen Raum verfügbar, dafür adressieren in Deutschland  Watchever und Maxdome die Serienfans - sorgt eine wahres Feuerwerk an hochkarätigen US-Serien für gestiegenes Interesse bei den Zuschauern. Ob Lost, Breaking Bad, Homeland, Dexter, Game of Thrones oder House of Cards - zahlreiche mit Preisen überhäufte, unglaublich spannende Produktionen führen beim Publikum zu einer massiv gestiegenen Nachfrage. Die Verfügbarkeit kompletter Serienstaffeln in Tauschbörsen und auf nicht autorisierten Videoplattformen, die allgemeine, ebenfalls unser Zeitalter prägende Ungeduld der digitalen Konsumenten sowie die immense Aufmerksamkeit, die Topserien in sozialen Medien erhalten, sind weitere Zutaten, die ausgiebige Seriensessions bei vielen Unterhaltungswilligen zu einer beliebten Wochenendbeschäftigung machen. In den USA gelten mittlerweile 88 Prozent der über 30 Millionen dortigen Netflix-Nutzer und 70 Prozent der Abonnenten von Hulu Plus als "Binge Viewer".

Netflix manifestiert den Serienmarathon

Manifestiert wurde dieser Wandel im Medienkonsumverhalten spätestens, als Netflix die komplette erste Staffel seiner hochgelobten Exklusivproduktion House of Cards auf einmal zugänglich machte und damit regelrecht zu einer sonntäglichen "Serienorgie" einlud. Während die bisherigen Primärdistributeure von Serien, nämlich die TV-Sender, die Ausstrahlung ihrer Highlights über Monate strecken, um die Beachtung der Werbeblöcke sicherzustellen oder Pay-TV-Kunden mit Minimaleinsatz bei Laune zu halten, hatte der progressive Streamingdienst kein Problem damit, dass seine Abonnenten sämtliche Folgen der ersten Staffel am Premierentag verschlangen. Und das trotz Produktionskosten von mehr als 4,5 Millionen Dollar pro Folge. Mittlerweile findet der Netflix-Ansatz auch anderswo Nachahmer: Bei der ersten Staffel der YouTube-Serie "Mortal Kombat" wurden die Folgen noch scheibchenweise über viele Wochen verfügbar gemacht. Von der zweiten Staffel stehen sofort sämtliche Folgen bei YouTube bereit.

Anbieter folgen dem Zuschauerverhalten

War es bisher so, dass die Sympathisanten des Serienmarathons auf die TV-Ausstrahlung der letzten Folge warten und sich vor "Spoilern", also vor von Freunden oder im Social Web verbreiteten Hinweisen zur Handlung, abschirmen mussten, steigt zumindest bei den rein interntbasierten Serienproduzenten jetzt die Einsicht, dass sie ihre Perlen auch gleich in einem Batzen ins Netz stellen können. Anders als bei TV-Sendern dienen für Netflix die eigenproduzierten Serien primär der Bindung existierender Kunden, nicht der Akquisition neuer Nutzer. Das traditionelle Modell der ausgedehnten Ausstrahlung würde da eher kontraproduktiv sein. Allerdings, so erläuterte jüngst ein Bericht, könnte die selbst für Netflix unerwartete hohe Popularität der eigenproduzierten Serien und der zügige, marathonartige Konsum der Nutzer dazu führen, dass das Unternehmen die Serien bilanztechnisch schneller abschreiben müsse als ursprünglich geplant, was wiederum den Aktienkurs belasten könnte.

Der Trend zum Serienmarathon wird nicht so schnell wieder vorübergehen. Die Zuschauer, einmal angefixt, lieben es, die Dienste im Netz richten ihre Angebote danach aus, und laut Wall Street Journal planen nun auch die großen US-Kabelnetzbetreiber, ihre eigenen Video-on-Demand-Angebote auszubauen, um Netflix & Co nicht den ganzen Binge-Viewing-Kuchen zu überlassen.

Bedenken nicht ausgeräumt

Fragezeichen bleiben dagegen, was die ökonomische Seite dieses radikalen Wandels im Sehverhalten angeht; alles Pulver auf einmal zu verschießen und zehn Euro oder Dollar pro Monat zahlende Zuschauer damit an den Bildschirm zu fesseln, mag nur dann eine gute Idee sein, wenn ständig frischer Nachschub kommt. Dieser ist nicht gerade billig. Auch gibt es Stimmen, die beim zur Norm werdenden Serienmarathon genau das vermissen, was ihnen die TV-Sender bisher aufzwangen: die sich steigernde Spannung und Freude beim Warten auf den nächsten Abschnitt. Andere sorgen sich um die Selbstdisziplin der "Serienjunkies" und befürchten, der nach vielen Stunden des Versinkens in eine fesselnde Handlung eintretende Trance-Zustand könnte sie dazu bringen, wichtige Erledigungen aufzuschieben.

Verlierer des neuen Volkssports Serienmarathon sind die Fernsehsender, denen ein Teil ihrer wichtigen werberelevanten Zielgruppe verloren geht. Und die Familien und Freunde derjenigen, die sich in abgedunkelten Räumen dem ausgedehten Seriengenuss hingegeben und sich der Außenwelt zumindest für einige Zeit entziehen.

Der Winter 2013/2014 wird für viele zweifellos der Winter des Serienmarathons. /mw

(Illustration: vintage television isolated with clipping path, Shutterstock)

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