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23.01.12

Selektives Abonnieren: Wieso das Follower-System von Pinterest Maßstäbe setzt

Pinterest erfreut sich zunehmender Popularität. Das von dem US-Dienst zum Speichern und Teilen von Fotos, Bildern und Videos eingesetzte Follower-System mit der Möglichkeit zum selektiven Abonnieren einzelner Nutzerinteressen setzt Maßstäbe.

Einer der in den letzten Wochen in der US-Tech-Presse am meisten bejubelten Dienste ist Pinterest. Der im März 2010 von Paul Sciarra, Evan Sharp und Ben Silbermann gegründete Service aus dem kalifornischen Palo Alto erlaubt das Bookmarken von Fotos und Videos, auf die Nutzer während ihrer Reise durch das Netz stoßen. Anwender können einander folgen und mit wenigen Klicks die Fundstücke anderer Nutzer auf ihre eigene Pinterest-Pinnwand übernehmen.

Im Gegensatz zum üblichen Muster, bei dem ein Startup aus dem Silicon Valley von den lokalen Blogs "hochgeschrieben" wird, hat sich Pinterest nach einem ruhigen Start aus eigener Kraft eine loyale Nutzerschaft aufgebaut, die anders als bei jungen Social-Web-Angeboten üblich, zu einem großen Teil aus Frauen besteht. Mittlerweile gehört Pinterest zu den zehn führenden Social-Networking-Sites in den USA und kann seit Sommer 2011 auf ein exponentielles Wachstum der Anwenderzahlen blicken.

Seitdem Pinterest in den Fokus der Tech-Berichterstattung gerückt ist, erhält es auch in Deutschland verstärkte Aufmerksamkeit - nicht zuletzt wegen der Urheberrechtskonflikte, die angesichts der bei dem Dienst erfolgenden Kuration von häufig urheberrechtlich geschütztem Material aus dem Web programmiert sind.

Pinterest hat Mainstream-Potenzial

Trotz der Tatsache, dass der Name Pinterest in den letzten Wochen permanent auf meinem Radar erschien, habe ich den Service bisher nicht aktiv verwendet. Dienste, um Fotos und Bilder aus dem Netz online zu bookmarken, existieren mit We Heart It oder FFFFound schon länger und sind letztlich lediglich eine Abwandlung des altehrwürdigen Social Bookmarkings von Links. Das jedoch ist über den Nischenstatus nie hinaus gekommen. Pinterest hingegen scheint eine derartig stimmige Kombination aus Funktionalität, Viralität, Design und Benutzerfreundlichkeit gefunden zu haben, dass für das Angebot ein nachhaltiger Durchbruch in den Internet-Mainstream immer wahrscheinlicher wird.

Granulares Abonnieren der Themenbereiche einzelner Nutzer

ReadWriteWeb hat nun am Wochenende auf eine interessante Eigenheit des Vernetzungs- und Filterprinzips von Pinterest hingewiesen, worauf ich auch gleich die Gelegenheit beim Schopfe packte und meine einst angeforderte, bisher aber nicht verwendete Einladung zu dem Service angenommen und mich registriert habe:

Die Kategorisierung der lieb gewonnenen Fotos erfolgt bei Pinterest über so genannten "Boards". Dabei handelt es sich um themenspezifische Ordner wie "Mode", "Einrichtung" oder "Reisen", in denen dann passende Fundstücke abgelegt werden können. Abonniert ein User einen anderen Pinterest-Nutzer, tauchen fortan sämtliche von diesem bei dem Service gespeicherten Fotos und Videos in der Sektion "Pinners you follow" auf.

Wer aber nicht an allen Boards des abonnierten Nutzers interessiert ist, der kann einzelne Boards ganz einfach kündigen. Auch andersherum funktioniert dies: Wer ein Personenprofils besucht, kann spezifischen Boards einer Person folgen. Pinterest trägt mit diesem Ansatz der Tatsache Rechnung, dass es viele Überschneidungen bei den Interessengebieten der Anwender gibt, dass diese meist aber nicht alle Präferenzen anderer Menschen teilen.

Einfacher als Google+, effektiver als Twitter

Der ReadWriteWeb-Beitrag bezeichnet den Pinterest-Mechanismus als umgedrehte Variante der "Kreise" von Google+. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Beschreibung treffend ist, stimme Autor Jon Mitchell aber in seinem Lob des gewählten Ansatzes zu. Das Kreise-Prinzip von Google+ ist komplex und nicht intuitiv, während das einfache asymmetrische Followerprinzip von Twitter zwar jedes Kind versteht, es aber den Nachteil hat, dass man entweder alle Tweets eines anderen Menschen abonnieren muss oder gar keine.

Die Pinterest-Methode - die genau das darstellt, was Michael Seemann einst für Google+ vorgeschlagen hat und die in ähnlicher Form auch beim Microbloggingangeobt Subjot zu finden ist - gibt den Followern die Entscheidungshoheit darüber, welche Inhalte sie beziehen möchten, ohne dass Neulinge mehr als ein paar Sekunden benötigen, um die Dynamik zu verstehen.

Die Kreise bei Google+ erfüllen eine doppelte Rolle: Sie sind sowohl Filter- als auch Privatsphärewerkzeug. Bei Pinterest existieren keine Tools zur Verwaltung der Privatsphäre - alle dort abgelegten Inhalte sind öffentlich, weshalb ein direkter Vergleich der zwei Ansätze nur bedingt fair ist. Dennoch glaube ich, dass die Methode von Pinterest Schule machen und künftig auch bei anderen, auf das Follower-Prinzip bauenden Angeboten anzutreffen sein wird.

Zusätzlicher Aufwand durch Kategorisierung

Entscheidend ist die Frage, inwieweit Anwender bereit sind, beim Publizieren jeweils eine mit Arbeit verbundene, bewusste Kategorisierung vorzunehmen. Bei 140-Zeichen-Botschaften, von denen Twitter-Nutzer mitunter Dutzende täglich publizieren, wirkt dies wie ein nicht angemessener Aufwand. Für Content mit einer etwas geringeren Veröffentlichungsfrequenz oder einem besonders hohen wahrgenommenen Nutzen der Verschlagwortung/Kategorisierung jedoch existiert auf der Seite des Senders eine Bereitschaft für diesen zusätzlichen Schritt, wie Pinterest beweist.

Mittlerweile machen Gerüchte die Runde, Google sei einer Übernahme von Pinterest gegenüber nicht abgeneigt. In jedem Fall sollte sich der Internetkonzern überlegen, ob man die von Pinterest gewählte Lösung zum selektiven Abonnieren für Google+ einsetzen und damit die Kreise ablösen könnte - auch auf die Gefahr hin, die ausgefeilten Privatsphäre-Optionen zu verlieren. Damit würde Google nicht nur die Funktionsweise von Google+ vereinfachen, sondern sich auf erfrischende Art von Twitter und Facebook abheben und außerdem von Menschen kuratierte, semantische Informationen über Websites und Onlineinhalte sammeln, die es für die Verfeinerung der Suche verwenden könnte. Ob Benutzer eines auf die breite Masse ausgelegten Social Networks die Fähgkeit zum selektiven Abonnieren einzelner Themenkomplexe zu schätzen wissen, ist zwar offen. Doch nur wer es ausprobiert, erhält eine Antwort auf diese Frage.

Wer sich bei Pinterest registrieren möchte, benötigt eine Einladung. Diese kann man direkt auf der Site anfordern, einige Tage später sollte sie in eurem Posteingang liegen.

Link: Pinterest

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