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28.01.08

Selbstreferentialität - der dümmste Vorwurf im Web 2.0

Wenn sich Blogger und Journalisten ineinander verbeißen, dann kommt er mit Sicherheit irgendwann: der wechselseitige Vorwurf der 'Selbstreferentialität'.

Selbstreferentialität

Wir beziehen uns auf uns

Der Schreiber der FAZ mokiert sich dann über 'den Blogger, der einen anderen Blogger beim Filmen filmt' - und er vergisst beim Lachen darüber das parallele Phänomen im eigenen Beritt, wo die BILD-Zeitung für den Abdruck von Frank Schirrmachers hessischer FAZ-Wahlhilfe in ihrem Blatt zwei Seiten freiräumt, wo also der eine Journalist dem anderen Journalisten beim Veröffentlichen noch mehr Öffentlichkeit verschafft. Woraufhin die Blogger nach Herzenslust daherpolemisieren und sich wiederum über die Selbstreferentialität des alten Mediensystems lustig machen. Was die getroffenen Journalisten lauthals zetern lässt, weil ihre 'Selbstreferentialität' doch angeblich 'Seriosität' und 'öffentliche Verantwortung' heißt. Manche sagen dazu allerdings auch 'Kampagne'. Kurzum: Ohne Selbstreferentialität läuft heute nichts mehr - noch nicht einmal auf Journalistenschulen.

Ich jedenfalls wundere mich längst nur noch darüber, wie 'selbstreferentiell' der Begriff der Selbstreferentialität inzwischen geworden ist, er dient in seiner Unanschaulichkeit förmlich dazu, den Streit zwischen Journalisten und Bloggern selbstreferentiell am Köcheln zu halten. Andererseits wenden den Begriff viele in ihren Texten nach folgendem vereinfachten Verfahren an: Sagt oder schreibt irgendwo irgendwer über irgendetwas, was irgendwer anderes auch schon mal irgendwo meinte oder schrieb, dann juckt es diesen Schreiber in jedem Tippfinger, jupitergleich 'selbstreferentiell' in die Tastatur zu donnern. Schließlich gibt das Wort auch dem intellektuellen Auftritt eines Mäuschens mehr Gewicht ...

Vielleicht könnten sich alle Raufbolde ja darauf einigen, dass es sich - ob Blog oder Zeitung - bei Mediensystemen zunächst einmal um 'soziale Systeme' im Sinne Luhmanns handelt; Systeme also, die kommunikativ durch Sinngebung Differenzen zur Umwelt ausbilden und damit überlebensfähig werden. Wobei sie auf ihre sinnkonstituierenden Lego-Steinchen notwendigerweise deshalb zurückgreifen müssen, weil nur unaufhörliche Rekursivität - um hier mal den konkurrienden kybernetischen Ausdruck zu verwenden - ein System geschlossen und damit stabil erhält. Weshalb alle sozialen Systeme notwendigerweise immer selbstbezogen sind. Womit wir dann glücklich auf dem Boden der derzeit elaboriertesten soziologischen Theorie angekommen wären.

Zugleich ist der Vorwurf 'selbstreferentiell' an die Adresse eines Medienschaffenden - ob Blogger, ob Journalist, ob PR-Berater - genau deswegen einfach dämlich. Die Selbstreferentialität ist das Erzeugungsgesetz aller sozialen Systeme - und eben auch des Mediensystems. Ebensogut könnten wir einem Maurer vorwerfen, dass er Mörtel verwendet.

Jedes soziale System entwickelt dabei seinen kommunikativen Fetisch - sein 'symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium' (Luhmann): Im Falle des sozialen Systems der 'Wirtschaft' heißt dieser Fetisch 'Markt', die Wirtschaft kann eben nur über Marktgesetze, Umsatz, Cash Flow oder Rendite schwafeln, oder sie verlässt den Systembereich rekursiver Kommunikation, was destabilisierend wirken würde. Im Falle der 'Kirche' heißt der Fetisch 'Gott': eine Kirche, die nicht in Bezug auf Gott redet, wäre keine. Im Falle des Sozialsystems 'Recht' wirkt die 'Gerechtigkeit' mit 'Gesetz', 'Strafe', 'Urteil' usf. Im Falle des Systems 'Herrschaft' kommt der 'Staat' mit seinen verbalen Hilfstruppen ins Spiel. Und unsere 'Medien' wiederum tanzen um das goldene Kalb der 'Öffentlichkeit'. Das Zusammenwirken solcher sozialen Systeme wird als 'Ko-Evolution' bezeichnet. Das Resultat: die 'Gesellschaft der Gesellschaft'. (*Luhmann möge mir, einem 'terrible simplificateur', diesen theoretischen Gewaltritt verzeihen ...*)

An all diesen Sachverhalten ist aber nicht die 'Selbstreferentialität' interessant, sondern die Frage, ob ein System 'im Kern' gesund ist, ob es innerhalb jener anschlussfähigen Sinnkommunikationen verbleibt, die das System unaufhörlich von neuem erzeugen. Mit einer gewissen Malice lässt sich da sagen, dass das soziale System 'Massenmedien' in den letzten Jahren den Fokus auf seinen ureigenen 'Fetisch' verloren hat. Es bezieht seine Kommunikation, mit der es sich konstituiert, nicht länger auf die 'Öffentlichkeit', die im Zentrum seiner Seinskategorien stehen sollte, es wird zunehmend fremdbestimmt. Der Wesenskern verlagert sich, weil das Medium immer mehr auf das ökonomische und systemfremde Kommunikationsmedium des 'Marktes' bezogen wird - und zwar von 'systemblinden' Eigentümern, die das Gesetz gar nicht kennen, nach dem sie im Bereich der 'Öffentlichkeit' angetreten sind.

Folgerichtig - ganz im Sinne Luhmanns, und auch aus der Kybernetik, aus Konstruktivismus und aus der Systemtheorie zu prophezeien - zerbröselt das soziale System 'Massenmedium', es gerät in Perturbationen, in Übergangsturbulenzen, es verliert seine soziale Rolle, es ist nicht länger 'überlebensfähig', weil die Autopoiese , die 'Selbsterdichtung', plötzlich mit 'systemfalschen' Prämissen operieren soll. Wenn ein solches System irgendwann ganz 'Wirtschaft' geworden ist, wird es auch keine 'Öffentlichkeit' mehr erzeugen können, sondern zu einem Verkaufsstand mehr auf dem hypertrophen 'Markt' geworden sein.

Wann das so weit wäre? Nun, wir erkennen Marktteilnehmer an ihrer Verwendung von Selbstreferentialitäten: Würde - wovor uns Gott bewahre! - ein Massenmedium plötzlich über sich reden, als bestünde seine vornehmliche Aufgabe in 'Umsatz', 'Ertrag' oder 'Quote', statt dass es ihm um 'Aufklärung', 'politische Kontrolle', 'Sprache' und andere genuin mediale Kategorien ginge, dann wüssten wir: Hier hat ein mediales System seine besten Zeiten hinter sich. Es wird demnächst in Schönheit und Sklerose sterben - und taucht vielleicht mit gleichem Markenzeichen als Verkaufsmesse oder als ein bunter Werbeprospekt wieder auf. Glücklicherweise aber sind wir ja von solchen Zuständen weit entfernt. (*Hinweis: aus irgendwelchen Gründen schlug an dieser Stelle mein Ironiedetektor aus*)

Für die Blogger wiederum wäre systemtheoretisch eine andere, sehr viel kleinere 'Öffentlichkeit' konstituierend. Für derartige Ein-Personen-Medien - jaja, ich weiß, es gibt da auch einige größere! - ist die Öffentlichkeit viel nachbarschaftlicher gefasst, viel kollegialer, viel mehr 'community-haft'. Hier darf der Mikromedienarbeiter eben nicht tricksen und betrügen, nicht à la Schirrmacher Kampagnen vom Zaun brechen, nicht falsch Zeugnis ablegen, denn sonst verlässt er den Boden seiner eher kleinräumigen 'Salonkultur', wo idealerweise Gespräche auf Augenhöhe und ohne Hintersinn verlaufen. Damit verlöre er dann auch den Bezug zur 'partizipativen Öffentlichkeit', auch sein soziales System würde zerfallen.

Viele Missverständnisse zwischen Bloggern und Journalisten rühren in meinen Augen von solchen systemischen Unterschieden her: Makromedien und Mikromedien erfinden sich eine jeweils andere Realität, sie beziehen sich auf eine jeweils anders konstruierte 'Öffentlichkeit' - hauen sich aber die gleichen Begriffe um die Ohren ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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