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28.07.14

Selbstfahrende Autos: Baidu legt Finger in die Wunde von Google

Um autonome Fahrzeuge auf die Straße zu bringen, benötigt es nicht nur erhebliche technologische Innovation. Auch in den Köpfen von Autofahrern muss einiges bewegt werden. Der chinesische Google-Konkurrent Baidu deutet an, dies besser zu verstehen als sein US-Rivale.

Foto: YouTube-Clip, Google

Google ist dafür bekannt, ungaubliche technologische Herausforderungen zu meistern. Gleichzeitig hat sich das Unternehmen insbesondere mit seinen wiederholten Misserfolgen im Bereich des Social Networkings den Ruf erarbeitet, Menschen und ihre Stimmungs- und Gefühlslagen nicht richtig zu verstehen. Könnte sich dieser Schwachpunkt im sonst so starken Leistungsspektrum des Konzerns auch als Hürde bei der Etablierung selbstfahrender Autos erweisen? Der chinesische Internetriese Baidu scheint dieser Überzeugung zu sein. Dies lässt sich der Ankündigung entnehmen, dass der Gigant aus Fernost ebenfalls an einem autonomen Fahrzeug arbeitet.

Im Gegensatz zu Google verzichtet Baidu auf die aktive Positionierung als "selbstfahrendes Auto". "Wir nennen das Produkt nicht so", erklärte Baidu-Manager Kai Yu im Gespräch mit The Next Web. "Ich bin der Meinung, dass ein Auto Menschen behilflich sein und nicht den Menschen ersetzen sollte. Deshalb bezeichnen wir das Vorhaben als 'hochautonomes Auto'".

Was im ersten Moment nach einem nur nominellen Unterschied klingt, kann am Ende die Differenz zwischen Massenerfolg und Flop ausmachen. Denn für viele Menschen ist das Autofahren eine emotionale Angelegenheit. Es macht ihnen einfach Spaß. Ginge es ausschließlich um die möglichst bequeme Fortbewegung, dann würden Autofahrer in Europa und anderen Erdteilen nicht noch immer das manuelle Getriebe bevorzugen.

Indem Google bei seinem Prototyp Lenkrad und Gaspedal einfach weglässt, läuft es Gefahr, zu viele Schritte auf einmal zu gehen und damit bei theoretischen Sympathisanten des "Autopilots" im Fahrzeug eine Abwehrreaktion zu provozieren. Denn während jeder regelmäßige Führer eines KFZ gelegentlich Interesse daran haben dürfte, sich einmal zurückzulehnen und dem Wagen das Manövrieren durch den Stop-and-Go-Verkehr zu überlassen, garantiert ein kategorisches Entreißen der menschlichen Kontrolle den Widerstand aller Autofahrer, die dem Herumkurven wenigstens manchmal Freude abgewinnen können. Gemäß einer Umfrage aus dem vergangen Jahr sind dies ganze 90 Prozent. Der Slogan-Klassiker eines deutschen Autoherstellers kommt nicht von ungefähr.

Von daher erscheint eine sanfte Evolution des Automobils anstelle einer einschneidenden Disruption als der weitaus klügere Ansatz. "Sobald Fahrer die Kontrolle wieder übernehmen möchten, können sie dies tun", so Baidus Deep-Learning-Direktor Yu zu der geplanten "Arbeitsverteilung" im Fahrzeug. "Es ist eher wie das Reiten auf einem Pferd, statt in einem Auto zu sitzen, das lediglich einen Knopf hat", erläutert er die Philosophie hinter dem Projekt. 2015 soll ein erster Prototyp präsentiert werden.

Speziell weil es sich bislang bei den meisten Experimenten mit selbstfahrenden Autos um frühe Entwicklungsstadien handelt, hat jeder Anbieter die Chance, den besten Feature-Mix in Erfahrung zu bringen. Dass Google derzeit auf die für die Bedienung durch den Menschen erforderlichen Steuerungselemente verzichtet, bedeutet nicht, dass diese auch zum offiziellen Marktstart fehlen werden.

Dennoch werfen die von Baidu abgefeuerten PR-Salven das Scheinwerferlicht auf ein altbekanntes Google-Problem. Sollte man bei dem Unternehmen die Weiterentwicklung des Automobils ausschließlich als technische Innovation betrachten, dann droht ein Flop. Denn autonome Autos verändern das Leben von Fahrzeugführern auf ganz bedeutsame Weise. Ihr Ziel ist es zwar, Personen mehr Freiheit zu bieten, indem diese nicht kostbare Zeit mit der Konzentration auf den Verkehr verbringen müssen. Doch die dafür geplanten Maßnahmen können von Autofahrern ironischerweise leicht als Eingriff in ihre Freiheit gewertet werden.

Auf lange Sicht spricht wenig dafür, dass das vollautonome Fahrzeug von der Mehrheit der Bevölkerung nicht als enorme Erleichterung und Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität angesehen wird. Doch auf dem Weg dorthin müssen einige mentale Barrieren bei Seite geräumt werden. Das benötigt Zeit und die Empathie der Unternehmen, die in diesem Segment entwickeln. Für Google besteht die größte Herausforderung deshalb nicht darin, die Technik zur Marktreife zu bringen, sondern, Autofahrer wirklich zu verstehen. /mw

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