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27.09.10

Selbstdarstellung im Internet: Der unterschätzte Faktor

Sich als Person im Netz zu präsentieren, ist mit allerlei Vorurteilen belegt und wird gerne kritisch beäugt. Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf Selbstdarstellung im Internet.

 

Christopher Grieser studiert Kommunikationswissenschaften und Philosophie (derzeit unterbrochen). Er lebt in Berlin und ist an Praktika im Bereich digitaler Medien und an der Mitarbeit in Forschungsprojekten interessiert. Erreichbar ist er bei Twitter unter @zrendavir oder bei Xing .

Selbstdarstellung ist etwas, das im Netz – speziell in Social Networks – meist einen negativen Anklang hat. Nicht selten fallen im selben Satz auch Begriffe wie "Profilierungssucht" oder "virtueller Exhibitionismus". Außerdem seien die Profile ohnehin nur Eigen-PR und beschönigen uns selbst. Diese Vorurteile und Missdeutungen haben allerdings dazu geführt, dass die Möglichkeit zur Selbstdarstellung im Internet ein noch weit unterschätzter Faktor ist.

Zunächst bleibt abzugrenzen, was überhaupt Selbstdarstellung ist. Der Begriff scheint selbsterklärend zu sein, doch gibt es immer noch Grenzfälle: Ist die Veröffentlichung der eigenen Geolocation Selbstdarstellung? Ist die Wahl der Kleidung Selbstdarstellung? Sind Fotos, die andere von uns schießen und bei Facebook veröffentlichen, Selbstdarstellung?

Die Frage danach, was Selbstdarstellung ist, ist mit der Frage verbunden, was denn (digitale) Identität ist. Und schon die alten Griechen erkannten Probleme bei der Frage nach der Eindeutigkeit von Identität. Entsprechend des Begriffs der digitalen Identität Selbstdarstellung als die Summe unserer digitalen Profile zu sehen wäre noch zu unkonkret. Was gehört zum Profil und was nicht?

Gastautor Christopher GrieserDie Wahl des Profilfotos ist Selbstdarstellung. Die Veröffentlichung des eigenen Aufenthaltsortes bei Google Latitude nicht? Der Irokese eines Teenagers ist Selbstdarstellung, aber die Wahl der Kleidung nicht? Das Interview, das man autorisiert, ist eine Form von Selbstdarstellung. Und die Bilder von uns, die unsere Freunde ins Netz stellen nicht?

Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass eine Definition von Selbstdarstellung nur dann widerspruchsfrei möglich ist, wenn jegliche Information über einen miteinbezogen wird. Selbstdarstellung ließe sich daher definieren als die autorisierte Freigabe von Informationen, die mit der eigenen Person verknüpft sind.

Google Latitude als auch foursquare wären damit eine Form der (automatisierten) Selbstdarstellung. Die Autorisierung geschieht bei Latitude zum Zeitpunkt der Aktivierung des Dienstes. Die Fotos auf Facebook, die von anderen hochgeladen werden, sind keine Selbstdarstellung – wohl aber, wenn man die Verlinkung akzeptiert (also "autorisiert") hat.

Schon die Street-View-Debatte hat gezeigt, dass Dinge, die in der analogen Welt als selbstverständlich akzeptiert werden (z.B. Panoramafreiheit), in der digitalen Welt als problematisch erachtet werden. Ähnlich scheinen die Reaktionen auf Selbstdarstellung offline und online zu sein: Wie häufig wird die modische Auswahl der eigenen Kleidung als "Exhibitionismus" bezeichnet? Und wie häufig wird das wiederholte Wechseln von Profilbildern bei Facebook als "virtueller Exhibitionismus" bezeichnet?

Ein weiterer Faktor ist die Kanalreduktion im Internet. Im Gegensatz zum direkten Gespräch fehlen Mimik, Gestik, Tonfall und generelle Wahrnehmung des Äußeren unseres Gesprächspartners. Dabei ist ja bekanntlich ein Großteil unserer Kommunikation nonverbal. Bei textbasierten Nachrichten haben sich daher Smileys als ein Ersatz für die nonverbale Kommunikation etabliert, um die Kommunikation zu erleichtern. Man kann sich vorstellen, dass ausführliche Profilangaben in Social Networks ein Ersatz für das fehlende physische Erscheinungsbild im Netz sind. Ähnlich den Smileys, die ein Ersatz für die fehlende Mimik sind. Das äußere Erscheinungsbild ist offline eine Erleichterung der Kommunikation, da sie uns die Situation besser einschätzen lässt: Wie alt ist die Person mir gegenüber, welches Geschlecht hat sie und welchen sozialen Stand? Analog dienen online die Profilangaben dazu, uns den Hintergrund einer Person besser einschätzen zu lassen.

Es gilt also endlich zu akzeptieren, dass Selbstdarstellung in Social Networks nichts Unnatürliches oder Negatives ist, sondern eine natürliche Notwendigkeit, um soziale Interaktion im Netz zu erleichtern. Genauso wie die Wahl der alltäglichen Kleidung eben auch nichts Unnatürliches ist.

Infolgedessen ist es nur logisch, wenn Michael Seemann dazu aufruft, das eigene Bild im Netz zu beeinflussen. Denn wenn andere unautorisiert das eigene Bild im Netz bestimmen, ist das zwar keine Selbstdarstellung, aber es steht der Funktion von Selbstdarstellung, nämlich soziale Interaktion zu erleichtern, nichtsdestotrotz entgegen.

Bleibt noch der Vorwurf der Unehrlichkeit: Wir idealisieren unser Bild im Internet um vor anderen möglichst gut dazustehen. Doch eine Studie an der Universität Mainz scheint das zu verneinen: Wir sind im Netz doch überraschend ehrlich. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass eine ehrliche Selbstdarstellung für die Erfüllung der Funktion der Selbstdarstellung förderlicher ist als eine unehrliche. Anders gesagt: Mit einer idealisierten Selbstdarstellung wird soziale Interaktion (langfristig) eher erschwert als erleichtert.

Doch diese Erkenntnisse gelten bisher nur für "klassische" Social Networks und können noch nicht auf geschäftliche Social Networks wie Xing verallgemeinert werden. Auch im Bereich Online-Dating scheint es durchaus Beschönigungen der eigenen Person zu geben.

Exemplarisch kann man auch Twitter betrachten: Trotz des Vorwurfs, nur eine Plattform zur Selbstdarstellung zu sein, hat sich Twitter etabliert, da Selbstdarstellung letzten Endes auch ein menschliches Bedürfnis darstellt.

Und das ist der Punkt, an dem Selbstdarstellung ein unterschätzter Faktor ist: Aufgrund von Missdeutungen und Vorurteilen wird die Notwendigkeit der Selbstdarstellung unterschätzt. Jede neue technische Entwicklung, die die Möglichkeiten zur Selbstdarstellung erweitert, wird skeptisch betrachtet. Warum sollte ich anderen Leuten mitteilen wollen, wie ich aussehe? Warum sollte ich anderen mitteilen, was ich gerade tue? Warum sollte ich anderen mitteilen, was ich gerade für einen Film sehe, was ich eingekauft habe? Warum sollte ich anderen mitteilen wollen, wo ich mich gerade befinde?

Doch die Frage, die man sich eigentlich stellen sollte, lautet: Warum gibt es nicht noch viel mehr Möglichkeiten für mich, mich darzustellen?

(Foto: stock.xchng)

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