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24.05.13

Schwieriger Umgang mit Urheberrechtsverstößen: Bezahlinhalte bedrohen die Einzigartigkeit von YouTube

YouTube startete kürzlich ein Pilot-Projekt mit kostenpflichtigen Kanälen. Wie aber wird die Bezahlschranke die Zukunft der Plattform beeinflussen?

Alexander Lohninger hat Digital Film Making in Wien und London studiert und ist als freier Autor im Bereich Film und Medien tätig. Er lebt in Wien.

YouTubeDurch die Omnipräsenz von Kameras und Bildschirmen ist das Video, insbesondere das kurze Videoschnipsel – der Clip – und mit ihm die Plattformen, auf denen sie getauscht, angesehen und kommentiert werden, ein essentieller Bestandteil unserer Welt geworden. Allen voran das 2005 gegründete und 2006 von Google gekaufte YouTube, das in den wenigen Jahren seines Bestehens zu einer ultra-demokratischen, hyperrealen Zwischenwelt geworden ist, die wie ein virtueller Schwamm digitalisierte Artefakte des Zeitgeschehens aufsaugt, sie in sich speichert und zur Schau stellt.

Bisher war der Zutritt zu diesem Paralleluniversum allen frei; jeder konnte jedes Video sehen, kommentieren, oder eigene Inhalte veröffentlichen. Seit kurzem jedoch probt YouTube den Schritt in die Kostenpflichtigkeit und veranschlagt für einige wenige Kanäle zwischen 0,99 und 2,99 US-Dollar im Monat. Es ist verständlich, dass die Verantwortlichen bei YouTube sowohl für sich als auch für die Benutzer Möglichkeiten zur Monetarisierung erschließen wollen, besuchen doch unfassbare Massen die virtuelle Plattform: Pro Monat konsumieren mehr als eine Milliarde Nutzer über vier Milliarden Stunden an Videomaterial und fügen pro Minute 72 Stunden zusätzliches Material hinzu. Im ganzen Jahr 2011 (das ist der letzte angeführte statistische Wert), hat jeder Erdenbürger durchschnittlich 140 Mal ein YouTube Video aufgerufen, was in Summe mehr als eine Billion Aufrufe ausmacht. Nebeneinander von Trivialem und kulturell Wertvollem 

Diese massive Eingliederung in den Alltag eines ganzen Planeten (schließlich erfolgen 70 Prozent der Zugriffe außerhalb der USA) hängt sicherlich mit der bisherigen Abwesenheit von Kosten und signifikanten Profitmöglichkeiten für die Benutzer zusammen: Mit dem Veröffentlichen von Videos gibt es in der gehabten Struktur kaum Gewinn zu erzielen - es sei denn ein Video hat exorbitant hohe Zugriffszahlen, was nur sehr wenigen gelingt - im Gegenzug muss jedoch auch nichts bezahlt werden. Die Werbeeinnahmen kassiert in den meisten Fällen YouTube, und für die regulären Benutzer liegt der Fokus auf dem ‚Sharing‘, wodurch die normalerweise allgegenwärtige Profitgier hinter einem geradezu altruistischen Imperativ zum Teilen verschwindet. Auf Basis dieser Prämisse ist ein unsortiertes Nebeneinander von Trivialem und kulturell Wertvollem entstanden - Berge von Katzenvideos finden sich neben den ungekürzten Prozessen Adolf Eichmanns - das von dem vorläufigen Angebot an kostenpflichtigen Kanälen zunächst unberührt bleibt; sollte YouTube diese Idee der Bezahlschranke jedoch ausweiten, könnte dieser Status Quo bald der Vergangenheit angehören.

Es steht einiges auf dem Spiel

Um zu verstehen, was tatsächlich auf dem Spiel steht, lohnt es sich zunächst, das Herzstück von YouTube näher zu untersuchen: Sicher, die Meisten nutzen YouTube für Musikvideos, Videoblogs oder berieselnde Ablenkung; jenseits dieser populären Fassade funktioniert die Seite aber vor allem als enormes Archiv, das auf verschiedene Arten verwendet werden kann; insbesondere das im weitesten Sinne ‚dokumentarische‘ Material ist potentiell enorm bereichernd. Nicht nur befinden sich schier endlose Mengen an Tutorials, also Instruktionsvideos zu allen möglichen Lebensbereichen auf den Festplatten des Videoarchives (Bereiche wie Kochen, Handwerken, Schminken, et cetera), auch historisch wertvolle Dokumentaraufnahmen erscheinen durch wenige Klicks auf dem Bildschirm. Wer zum Beispiel die Geschehnisse des 11. Septembers 2001 einigermaßen unmittelbar nachvollziehen möchte, kann sich jene von Amateuren aufgenommene, ungeschnittene Videos ansehen, die sich auf YouTube finden.

Wie bereits erwähnt, lassen sich auch die Prozesse Adolf Eichmanns in ungekürzter Länge studieren; John F. Kennedys Ermordung, Archivaufnahmen Hitlers oder einfach hochauflösende, auf der Internationalen Raumstation angefertigte Aufnahmen des Planeten sind weitere plakative Beispiele. Darüberhinaus bieten YouTubes Server Inhalte aus Film und Fernsehen, fast jedes Themengebiet abdeckend und oftmals von erstaunlicher Qualität, sogar Spielfilme (zum Beispiel das Kabinett des Dr. Caligari) sind manchmal in voller Länge verfügbar und jedem zugänglich. Das Internet im Generellen, aber YouTube insbesondere, ermächtigt den Autodidakten wie nie zuvor: Möchte man sich heute etwas aneignen, braucht man nicht unbedingt einen Kurs, einen Lehrer oder ein Institut.

Um beispielsweise ein Instrument zu erlernen, kann man sich kostenlos Tutorials auf YouTube ansehen und sich damit zumindest die Grundzüge ohne Weiteres selbst beibringen. Will man sich mit Persönlichkeiten wie Künstlern, Autoren oder Schauspielern beschäftigen, kann mittels der durch Interviews, Videoblogs oder Podiumsdiskussionen erzeugten Hyperrealität die Präsenz und Gesellschaft ebenjener Personen auf eine Art simuliert werden, wie es wohl kaum einem Text möglich ist. Schließlich unterscheidet sich YouTube von Projekten wie Wikipedia durch die immer vorhandene Bildebene, wodurch Manches viel direkter und eindrucksvoller kommuniziert werden kann, als durch reinen Text.

Dem vor zweieinhalb Jahren verstorbenen Autor Christopher Hitchens beispielsweise kommt man mittels der verfügbaren Videos mindestens so nahe wie durch seine persönlichsten Schriften; fast scheint es, als würde der Autor durch die Bemühungen mancher User, immer neue Aufzeichnungen von Hitchens aufzutreiben, in der Virtualität YouTubes unversehrt weiterleben und für kommende Generationen konserviert sein. Schlussendlich entscheidend für den Mehrwert, der aus dem vorhandenen Material gezogen werden kann, ist die kulturelle Literarizität: Garantiert findet sich in den Datenbergen einiges an Müll, aber das edukative Moment, das sich aus der schieren Quantität des Angebots und prinzipiellen Qualitäten des Videoformats erschließt, ist ein bisher unerreichtes Privileg für all jene, die mit YouTube sinnstiftend umzugehen wissen.

Urheberrechtsverstöße machten YouTube groß

Nicht ohne Grund werden diese potentiell gemeinnützigen Qualitäten öffentlich zumeist jedoch nur peripher thematisiert, schließlich berührt jede Diskussion darüber die empfindliche Grauzone des Urheberrechts und der Piraterie, über die nicht gerne gesprochen wird. Vieles, das sich momentan auf YouTube befindet, ist urheberrechtlich geschütztes Material, das offenkundig nicht von den Urhebern, sondern von regulären Benutzern online gestellt wurde. Regelmäßig führt das zu Beschwerden oder gar zu Klagen und YouTube entfernt in der Folge die betreffenden Videos; kaum ist ein Video jedoch gelöscht, erscheint derselbe Inhalt – wie frisch gewachsene Köpfe einer Hydra – oftmals an anderen Stellen aufs Neue.

Die Zuständigen kommen dem Entfernen von Clips nicht mehr hinterher, zu viel wird auf die Server geladen und die Urheber werden in eine Duldungsstarre gezwungen, die sie wohlgemerkt nur tolerieren, weil es für sie ohnehin kaum Möglichkeiten gibt, diese Inhalte zu monetarisieren. Fernsehkanäle wie die BBC oder National Geographic sehen die Fülle des eigens produzierten Inhalts auf YouTube zwangsläufig als indirekte Werbung und tragen somit zur derzeitigen Sondersituation bei, von der so viele profitieren; dennoch bleibt freilich der fahle Beigeschmack der Piraterie, die hier öffentlich und ohne jeden Deckmantel stattfindet.

Bezahlschranke bedroht Geist des "Sharings"

Sollte das Konzept der kostenpflichtigen Kanäle tatsächlich Fuß fassen, sodass Fernsehanstalten wie die BBC darin eine ernst zu nehmende Gewinnmöglichkeit sehen, wird der Druck, unberechtigterweise online gestelltes Material zu entfernen, so groß werden, dass YouTube alles daran setzen wird, ebenjenes zu löschen und das einschlägige Verhalten der Benutzer zukünftig zu unterbinden. Genau dann wird der Moment gekommen sein, wo der Geist des Sharings nicht mehr im Vordergrund stehen und die derzeitige Sondersituation zu einem Ende kommen wird. Im schlimmsten Fall verschwindet jeglicher qualitativ halbwegs anspruchsvolle Inhalt hinter einer Bezahlschranke, YouTube wird zu einem weiteren Streaming-Anbieter und übrig bleibt eine gigantische Videomüllhalde für all jene, die nichts zahlen wollen.

Nun deutet momentan nicht viel auf das baldige Eintreten dieses Extremfalls hin – welchen Weg YouTube schlussendlich einschlagen wird, hängt von der Bereitschaft der Nutzer ab, für manche Inhalte zu bezahlen, respektive von der Durchsetzungskraft der Plattform gegenüber den eigenen Usern. Allein Letzteres dürfte nicht nach Belieben funktionieren; schließlich wehren sich Benutzer schon jetzt mit allerlei Tricks: Stellenweise findet man absichtlich spiegelverkehrt hochgeladene Videos, um YouTubes Algorithmen zu entgehen, die den Inhalt sonst erkennen und sperren würden. Andere Male werden Inhalte zwar auf Englisch gelöscht, bleiben in andere Sprachen jedoch erhalten, wodurch das Urheberrecht abermals umgangen wird. Vollständig werden sich die Benutzer nicht umerziehen lassen, viel mehr werden sie irgendwann auf illegale aber ebenso zugängliche Seiten oder einfach auf eine der anderen unzähligen Videoplattformen des Internets ausweichen. Abschließend bleibt nur zu hoffen, dass den Verantwortlichen die Tragweite der potentiellen Umstrukturierungen bewusst ist und dass die Konsequenzen abgewogen werden bevor sie sich für eine Option entschließen.

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