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08.08.08

Schrebergarten Deutschland: Nur 11 Prozent der deutschen Startups starten international

Nur eines aus 10 Startups aus Deutschland startet nicht auf Deutsch. Das ist zwar oft verständlich und nicht per se schlecht, es fördert aber die Einpendelung des Ökosystems aus Gründern, Investoren und Usern auf eher niedrigem Niveau.

Ich habe den Relaunch von Delicious für mich als Anlass genommen, einmal meine Bookmarks etwas aufzuräumen. Dabei ist mir ein Umstand aufgefallen, der mir in diesem Ausmass nicht deutlich war:

Derzeit kenne ich 1509 Webdienste aus Deutschland. Davon sind

  • ~88,9% (1341) in Deutsch, aber nur
  • ~11,1% (168) in Englisch

Meine Methodologie genügt sicher keinen wissenschaftlichen Ansprüchen. Wenn ich über eine neue Webanwendung aus der Schweiz, aus Österreich oder aus Deutschland stolpere, dann bookmarke ich sie und tagge sie üblicherweise mit dem Land und mit der primären Sprache der Anwendung. Einerseits kenne ich also sicherlich viele, aber bei weitem nicht alle Webdienste. Andererseits erfasse ich damit nicht, ob die jeweilige Anwendung lokalisierbar und also auch in anderen Sprachen verfügbar ist. Viel mehr sind es aber nicht.

Trotzdem ist die Diskrepanz zwischen Startups, die auf einen internationalen Markt abzielen, und Startups, die sich auf den deutschen Markt beschränken, eklatant und es stellt sich die Frage, warum das so ist. Woher kommt diese statistische Anspruchslosigkeit, die 95% des Weltmarktes ignoriert? Sind deutsche Gründer Schrebergärtner, die sich denken 'warum in die Ferne ziehen, wenn das Gute liegt so nah'?

Es scheint ja nicht so zu sein, dass Gründer, die den internationalen Markt im Auge haben, hierzulande verpönt sind. Ganz im Gegenteil. Deutsche Startups hat vor kurzem eine Beliebtheitsumfrage gemacht und alle der 10 wichtigsten Webgründer sind mit ihren Produkten direkt auf Englisch gestartet, oder haben zumindest eine Gemischtstrategie:

Xing ist primär international und unterstützt mehrere Sprachen; Sevenload konzentriert sich auf den deutschen Sprachraum, gibt es aber auch auf Englisch und hat auch Italien, Frankreich, Spanien, die Türkei usw. im Visier; mymuesli hat vor kurzem einen Ableger im UK gestartet; amiando und cellity sind beide primär international; auch qype expandiert seit einiger Zeit, wie auch construktivs Mister Wong, wobei construktiv die meisten kleineren Dienste direkt auf Englisch lanciert. Sogar das StudiVZ hat zarte Versuche unternommen, den Erfolg etwa in Frankreich zu wiederholen.

Mir liegt es fern, mit dem Finger auf einzelne Startups zu zeigen und anzudeuten, die gibt es nur, weil sie hier mit einem suboptimalen Produkt/Klon durchkommen, oder irgendwie zu implizieren, sich nicht auf den deutschsprachigen Raum zu konzentrieren wäre grundsätzlich besser. In vielen vielen Fällen gibt es viele gute Gründe das zu tun.

Das Problem sehe ich eher im Ökosystem aus Gründern, Entwicklern, Investoren und Usern, das sich wegen dieser Disposition auf eher niedrigem Niveau einpendelt. Nicht weil den Gründern und Entwicklern die grundsätzlichen Fähigkeiten fehlen, sondern weil das Benchmarking gegenüber dem, was im Restweb state of the art ist, nicht oder nur kaum stattfindet.

Wenn 90% aller Startups auf deutsch für Deutsche entwickeln und nicht den Blick nach links, rechts oder nach vorne wagen, während sich das Web mit Riesenschritten weiterentwickelt, dann fehlen natürlich auch die Feedbackschleifen, die damit verbundenen Lernprozesse und die Mechanismen, allgemein anerkannte gute Praktiken zu etablieren bzw. innovative Geschäftsmodelle jenseits des dumpfbackigen AAL-Prinzips zu entwickeln.

Also: Macht mal was Verrücktes und startet die nächste Anwendung in Englisch.

(Illustration: Everaldo Coelho via Iconfinder)

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