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31.10.12

Schicksal der gedruckten Tageszeitung: Wie man sich die Zukunft schönreden kann

Deutsche können nicht auf die gedruckte Tageszeitung verzichten, so das Ergebnis einer repräsentativen Untersuchung im Auftrag des Handelsblatts. So einfach kann man seine Sorgen ausblenden.

"Die gedruckte Tageszeitung ist für viele unverzichtbar", so titelt das Handelsblatt in einem Artikel, der die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Online-Marktforschungsinstituts Mafo im Auftrag des Handelsblatts wiedergibt. 64 Prozent der befragten Deutschen "legen immer noch Wert auf eine Tageszeitung aus Papier", so die Kernbotschaft. Besonders populär sei die Printzeitung bei den Lesern zwischen 46 und 65 Jahren, wo fast 70 Prozent das Papier nicht missen wollen. Und war das noch nicht genug Balsam für die gescholtene Printseele, dann ist es hoffentlich die Anmerkung, dass die Printaffinität mit dem Bildungsgrad zunimmt. Nur ein Drittel der Menschen, die weniger als einen Realschulabschluss vorzuweisen haben, legen Wert auf eine gedruckte Zeitung.

Selten sieht man eine überflüssigere Umfrage. Sicherlich spricht nichts dagegen, im Rahmen regelmäßiger Untersuchungen zum Medienkonsum auch die Präferenzen zu Print unter die Lupe zu nehmen. Aber extra eine separate Studie in Auftrag zu geben, die nur Ergebnisse zu Tage fordert, die ohnehin Allgemeingültigkeit haben, ist eigenartig und legt unweigerlich die Vermutung nahe, dem Handelsblatt ginge es allein darum, sich das eigene Schicksal schönzureden. Oder der Artikel wirkt einseitiger, als die vollständigen Studienresultate es sind.

Dass noch immer viele Menschen in Deutschland gerne die Tageszeitung in Printform lesen, lässt sich schlicht an den Auflagenzahlen erkennen. Diese gehen zwar kontinuierlich zurück, aber sind noch nicht da angekommen, wo man die grundsätzliche Sympathie der Deutschen für das gedruckte Papier in Frage stellen muss. Dass ältere Generationen, deren Medienkonsum besonders stark von über Jahrzehnte lang praktizierten Routinen geprägt ist, der Papierzeitung in besonderem Maße die Treue halten, ist ebenso logisch und ohne Neuigkeitswert, wie dass in den "bildungsfernen Schichten" weniger Zeitung gelesen wird.

Beim Lesen des relativ kurz gehaltenen Beitrags drängt sich der Verdacht auf, das Handelsblatt versuche, die Augen vor der Realität zu verschließen und die durch den technischen Fortschritt ausgelösten Marktentwicklungen möglichst weit aus dem eigenen Wahrnehmungsfeld und dem der treuen Leser zu schieben. Doch wenn Printleser tatsächlich die besondere Intelligenz mitbringen, welche die Studie ihnen attestiert, dann sind sie vielleicht darüber informiert, dass unzählige Indikatoren zur Zukunft des Printjournalismus und von Print allgemein nur in eine Richtung zeigen. Nach unten. Zur Erinnerung:

Es geht mir mit diesem Sammelsurium an Anekdoten und Ereignissen, welche die grundsätzliche Tendenz rund um Printprodukte illustrieren, nicht darum, den Freunden des gedruckten Papiers ihr Produkt madig zu machen. Überhaupt nicht. Was ich jedoch kritisiere, ist, wie eine einseitige, eindimensionale und eigenen Interessen dienende Veröffentlichung solcher Studienergebnisse einen völlig falschen Eindruck erweckt. Nämlich, als reiche die Sympathiebekundung von Bundesbürgern für Print im Jahr 2012 aus, um alle Bedenken über die Zukunft des gedruckten Mediums aus dem Weg zu räumen. Das Handelsblatt muss sich die Frage gefallen lassen, wieso es sich nicht einmal die Mühe macht, die Resultate in einen objektiven Kontext zu stellen und historische Entwicklungen der Zahlen mit aufzuführen.

Bleibt zu hoffen, dass Leser nicht dem Trugschluss erliegen, die Zahl derjenigen, welche die gedruckte Zeitung nicht vermissen können, müsse erst auf Null fallen, bevor die letzte Druckmaschine abgeschaltet wird.

Wer gerne eine gedruckte Zeitung am Frühstückstisch oder in der Bahn liest, soll dies tun, solange sich diese Möglichkeit bietet. Das Handelsblatt aber wäre besser beraten, sich auf eine printfreie Zukunft einzurichten, anstatt sich, den Print-Werbekunden und den Lesern den Bauch zu pinseln.

 

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