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08.10.14

Schädliche Ideologie des Wettbewerbs: Wieso Peter Thiel Monopole verteidigt

Politiker, Unternehmer und der Volksmund scheinen sich einig zu sein: Konkurrenz belebt das Geschäft. Der renommierte Technologie-Unternehmer und Investor Peter Thiel glaubt, dass Volkswirtschaften sich mit diesem Dogma die Zukunft verbauen.

Die besten Fachbücher sind die, bei denen es den Autoren gelingt, die Perspektiven der Leser zu grundsätzlichen Fragen zu verändern und als unerschütterlich geltende “Wahrheiten” mit schlagfertigen Argumenten anzuzweifeln. Peter Thiel, dem ikonenhaften Silicon-Valley-Entrepreneur und Investor mit deutschen Wurzeln, vollbringt dieses Kunststück in seinem neuen handlichen Buch “Zero to One” gleich mehrfach. Besonders bei einem Aspekt schafft es der für seine großen Ziele und polarisierenden Feststellungen bekannte Unternehmer, zum Nachdenken anzuregen: das dogmatische Streben nach Konkurrenz und Wettbewerb, das die meisten modernen Wirtschaftssysteme kennzeichnet. In Deutschland wird dies durch die bekannte Floskel “Konkurrenz belebt das Geschäft” verkörpert und von Generation zu Generation weitergereicht.Zero to OneThiel sieht in der kategorischen Fokussierung auf den Wettbewerb, die von Firmen und CEOs genauso vorgelebt wird wie von Politikern und Kartellbehörden, einen gravierenden Fehler. Seiner Ansicht nach hält der ständige Blick darauf, was Rivalen machen, Unternehmen vom Verfolgen gewaltiger Visionen und vom Erreichen ganz großer Würfe ab. Anstatt radikal neue Ideen zu realisieren und damit den Wettbewerb in einem uninteressanteren Markt stehen zu lassen, fokussieren sich Wirtschaftsakteure und Entrepreneure darauf, existierenden Angebote nachzubauen und auf inkrementelle Weise zu verbessern. Auch aus Angst davor, ein Monopol aufzubauen. Sie verschwenden viele wertvolle Ressourcen auf den oft auch egogetriebenen, von medialer Kriegsrethorik begleiteten “Kampf” gegen Kontrahenten. Ressourcen, die dann bei der Schaffung revolutionärer Produkte fehlen. Thiel nennt als Beispiele den Konkurrenzkampf zwischen Google und Microsoft, der es Apple erlaubte, die Konzerne in Sachen Marktkapitalisierung zu überflügen, sowie die Fehde zwischen Oracle-Gründer Larry Ellison und Tom Siegel von Siegel Systems in den 90er Jahren.

Der gebürtige Hesse, der es in der US-amerikanischen Internetwirtschaft und darüber hinaus zu viel Ruhm und Erfolg brachte, bezeichnet die Fixierung auf Wettbewerb als eine Ideologie, die unser Denken beeinträchtigt und uns in einer gedanklichen Falle festhält. Dass dieser Befund durchaus Substanz hat, zeigt die in Deutschland anhaltende netzpolitische Debatte über Begrenzungen von Googles Marktmacht. Obwohl der Internetriese seinen Suchanteil von über 90 Prozent allein mit einem qualitativ überragenden System erreicht hat und auch heute jede Konkurrenz weit hinter sich lässt, existiert in gewissen Kreisen politischer Entscheider die Vorstellung, dass man das gefährliche Monopol Google bändigen müsse. Gefordert wird von dem Unternehmen unter anderem, dass es seine Algorithmen offenlegt. Selbst von einer Zerschlagung ist die Rede.

Dass in einem Szenario, in dem Google sein aus eigener Innovationskraft erreichtes Alleinstellungsmerkmal durch regulative Maßnahmen genommen wird, User wahrscheinlich nicht durch noch bessere Suchergebnisse profitieren würden und dass es womöglich sogar zu einer Phase der absoluten Stagnation käme - weil sich kostspielige Investitionen in Forschung aufgrund der Angst vor weiterer Regulierung nicht lohnen - interessiert die Befürworter einer Google-Zähmung nicht. Sie glauben an ihre Universalweisheit, nach der Wettbewerb zwangsläufig im Interesse der Allgemeinheit liegt, und sie ignorieren, dass Googles Suche über die Jahre immer bessere Resultate lieferte - ohne dass es ernstzunehmenden Wettbewerb gab.

Sicherlich darf man aus Thiels Plädoyer für eine Abkehr vom unkritisch propagierten Wettbewerbswahn nicht den Schluss ziehen, dass Monopole grundsätzlich nicht an ihrer Ausbreitung gehindert werden sollen. Die Versuchung, eine marktbeherrschende Stellung auszunutzen, ist immer eine reale Gefahr und sie erfordert weiterhin ein wachsames Auge der zuständigen staatlichen Organe. Auch bei Google.

Der Appell des Autors richtet sich aber sowieso nicht an die Politik. Thiel adressiert Ingenieure und Entrepreneure. Diesen legt er nahe, sich nicht darauf zu versteifen, existierende Märkte mit inkrementell verbesserten Produkten und Diensten aufmischen oder - wie es so schön im Branchenslang heißt - “disrupten” zu wollen. Er rät stattdessen dazu, sich durch Ansätze und Technologien, die auf elementare Weise mindestens zehnfach besser sind als die Lösung des nächstliegenden Anbieters, in einem zu Anfang kleinen Markt eine monopolistische Stellung zu erarbeiten, die in einer zweiten Stufe dann sukzessive ausgebaut wird.

Durch eine positivere Sicht auf "kreative Monopole" (also solche Monopole, die durch überlegene Produkte entstehen) und ein Ende des Wettbewerbseifers würde sich, so hofft Thiel, der unternehmerische Fokus in den entwickelten Volkswirtschaften weg vom Nachbauen und Modifizieren bestehender Technologien hin zur Verwirklichung von komplett neuen Ideen verlagern. Diese hält er für erforderlich, um die heutigen Gesellschaften über den Punkt hinauszubringen, an dem sie nur noch an der Optimierung des erreichten Wohlstands arbeiten. Thiel wünscht sich, dass die Menschheit wieder weitreichende, utopisch anmutende Visionen verfolgt, anstatt nur am Status Quo zu schrauben. Ein Ende der Stigmatisierung von Monopolen gehört in seinen Augen zu den Instrumenten, die zum Erreichen dieses Ziels zum Einsatz kommen sollten. Eine Meinung, die nicht ohne Widerspruch bleiben wird. Das ist auch gut so. Denn es geht nicht darum, wer Recht hat (vermutlich beide Seiten ein bisschen), sondern dass man gelegentlich Konventionen und Theorien hinterfragt und auf ihre Zeitgemäßheit abklopft. /mw

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