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26.01.09

Savianos "Gomorrha" (1): Im Reich der Camorra

Mit "Gomorrha" legte Roberto Saviano eine beeindruckende Recherche über die Mafia vor – eine Reportage in Buchform. Ronnie Grob ist mitgereist, vier Blogeinträge sind das Ergebnis.

Roberto Saviano (Keystone)Zu Weihnachten habe ich ein bemerkenswertes Buch geschenkt gekriegt: “Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra” von Roberto Saviano. “Gomorrha” ist sowas wie eine einzige lange literarische Reportage, 365 Seiten, die sich mit einem Thema beschäftigen: der Camorra. 'O Sistema. Der organisierten Wirtschaftskriminalität rund um Neapel. Während es unsere Lokalzeitungen oft nicht mal wagen, sich mit den Lokalfürsten anzulegen, hat sich Saviano einen furchtbaren Gegner ausgesucht.

Gehalten ist das Buch wie ein Roman, auch wenn nirgends draufsteht, dass der Text irgendwie fiktiv ist. Auf der Homepage robertosaviano.it wird "Gomorrha" ein “Tatsachenroman” genannt. Der Autor setze “Literatur und Reportage dazu ein, Wirklichkeit zu erzählen”. Saviano selbst sieht sich als "Non-Fiction-Autor".

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Gomorrha (Taschenbuch)

Das Gegenteil von Tod

Gomorrha auf englisch

(Affiliate-Links)[/box]Lesen muss man das Buch, wenn man erstaunt werden will über die Zustände im EU-Land Italien. Geschildert wird ein Italien, in dem dauernd Gemeinderäte aufgelöst werden müssen wegen unüberwindlicher Verbindungen zur Mafia. Ein Italien, in dem dauernd Menschen sterben. Ein Italien, das vom Terror einzelner Familien beherrscht wird, die sich als Unternehmer sehen. Ein Italien, in dem der Müll aus dem umweltfreundlichen Norden in den Süden transportiert wird, um dort nicht verbrannt, sondern neu vermischt und verbuddelt zu werden.

Der Schauplatz des Buchs ist der Norden von Neapel, ein Gebiet in Kampanien, aus dem gemäss dem Buch "die kriminellen Archetypen und das Urbild des charismatischen Mafioso" entstammen, so zum Beispiel die Familie von Al Capone aus dem nahegelegenen Castellammare di Stabia. Das Buch spielt vorwiegend im Gebiet rund um Secondigliano, Scampia und Afragola, Stadtteilen nördlich des internationalen Flughafens von Neapel, Napoli Capodichino, sowie in Casal di Principe und Mondragone, Städte etwas weiter nordwestlich davon.

Das Buch ist hart, und wer schlechte Nerven hat, dem ist es nicht zu empfehlen, so sieht es auch der Schweizer Medienminister Leuenberger ("Ich habe Hemmungen, das Buch zur Lektüre zu empfehlen, denn es ist ganz happige Kost und kann einen tatsächlich um den Schlaf bringen").

Saviano hat dem Buch unter anderem dieses Motto von Hannah Arendt vorangestellt:

Kurz gesagt: Verstehen heisst, unvoreingenommen und aufmerksam der Wirklichkeit, wie immer sie aussehen mag, ins Gesicht zu sehen und ihr zu widerstehen.

Und Saviano schildert die Abrechnungen mit einer Genauigkeit, die verstört, auch wenn er schreibt, er habe sich zurückgehalten. Viel Blut fliesst, Morde und ihre Auswirkungen werden minutiös geschildert. Mit dem Sterben beschäftigt sich das Buch wiederholt und lesenswert. Auf Seite 121:

Es ist nicht wahr, dass man einsam stirbt. Unbekannte Gesichter drängen sich nahe heran, fremde Menschen berühren Beine und Arme, um festzustellen, ob der Tod eingetreten ist oder ob es sich lohnt, den Krankenwagen zu holen. Der Gesichtsausdruck von Schwerverletzten und Sterbenden zeigt die gleiche Angst. Und die gleiche Scham. Es mag seltsam erscheinen, aber einen Augenblick vor dem Ende gibt es eine Art Scham. Hier nennen sie das scuorno. Ein bisschen wie Nacktheit in der Öffentlichkeit.

Und auf Seite 123:

Man denkt, die letzten Worte eines Sterbenden seien sein letzter, wichtigster, grundlegender Gedanke, als spräche er beim Sterben aus, wofür es sich zu leben gelohnt hat. Das stimmt nicht. Beim Sterben kommt nichts ausser Angst zum Vorschein. Alle oder fast alle wiederholen denselben banalen, einfachen und selbstverständlichen Satz: “Ich will nicht sterben.”

Das Töten ist banaler Alltag im Buch, die Morde werden zu “Stücken”, was Saviano mit der industriellen Fertigung vergleicht.

Der Film zum Buch ist von Matteo Garrone und läuft in den deutschen Kinos seit dem 11. September 2008. Hier der Trailer:

[box]“Gomorrha” von Roberto Saviano erschien am 25. August 2007 im Hanser-Verlag. Sein neues Buch, “Das Gegenteil von Tod”, ist ab dem 4. Februar 2009 zu kaufen. (Affiliate-Links)[/box]

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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