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10.01.08

Satire-Blog gemobbt: Ordnung in Österreich

Ein österreichischer Medienkünstler bloggt als virtueller Doppelgänger eines Zeitungsherausgebers und muss nach kurzer Zeit sein satirisches Blog einstellen – aus Furcht, in Grund und Boden geklagt zu werden. Wo liegen die Grenzen von Meinungsfreiheit und Medienvielfalt in Österreichs hochkonzentrierter und monopolisierter Medienlandschaft?

Kronen-ZeitungÖsterreichs erster Skandal um ein Weblog war nach einem Monat wieder vorbei: In einer Pressekonferenz vor österreichischen Medien gesteht der 25-jährige Wiener Medienkünstler Philip Drössler, dass er der Fälscher ist. 24 Einträge umfasst sein Blog "Aus österreichischer Sicht", in dem er als vermeintlicher Chefredakteur der meistgelesenen Tageszeitung ?Gedanken zu den Ereignissen in unserem schönen Land? bloggte. Das Original, Kronen Zeitung-Herausgeber Hans Dichand, hatte seinem virtuellen Doppelgänger zuvor gedroht , ihn auszuforschen und ?zu zwingen, mit dieser einmaligen verbotenen Handlung aufzuhören?.

 

Doch hätte Dichand sein bloggendes Alter Ego nicht selbst sowohl im eigenen Weblog als auch in der Kronen Zeitung erwähnt , hätte die satirische Arbeit des Medienkünstlers wohl nie die Aufmerksamkeitsschwelle der österreichischen Medienwelt überschritten. Es war Dichand höchstpersönlich, der die Internetaktion zum Skandal gemacht hat. Und damit hat er erneut genau das bestätigt, worauf der Drössler mit seinen authentischen Einträgen aufmerksam machen wollte. Denn vor dem Medienmenschen Dichand habe er ?größten Respekt?, problematisch jedoch findet der Blogautor den Einfluss des Zeitungsherausgebers:

Mit der Machtperson habe ich Probleme, Dichand hat einen Einfluss, bei dem man aufpassen muss

Wie groß der Respekt vor Dichand ist, zeigt die Tatsache, dass Drössler trotz umfangreicher Maßnahmen zum Schutz seiner Identität nach so kurzer Zeit die Notbremse zog und das Projekt auf Eis legte. Dabei ließ sich Drössler sogar von einem Anwalt beraten, vermied jegliche persönlichen Beleidigungen und wies am Ende des Blogs darauf hin, dass die Beiträge satirische Fälschungen seien:

Die hier geschriebenen Beiträge verwenden das Stilmittel der Satire. Sie haben nicht die Absicht, jemanden zu beleidigen oder sonst wie zu schädigen, sondern dienen alleine der Unterhaltung. Keiner der Texte wurde vom österreichischen Journalisten Hans Dichand oder einem anderen Mitarbeiter der Kronenzeitung verfasst.

Worauf sich die Macht des 86-jährigen Krone-Herausgebers gründet, veranschaulicht Natalie Borger Dokumentation ?Kronen Zeitung – Tag für Tag ein Boulevardstück?. Der 2002 produzierte Film der Belgierin blickt hinter die Kulissen der kleinformatigen Zeitung, die täglich über drei Millionen Menschen erreicht. Bei acht Millionen ÖsterreicherInnen ist die Krone mit einer Reichweite von 43,8% eine der erfolgreichsten Zeitungen weltweit. Nachdem Arte den Film ausgestrahlt hatte, verbannte die Krone den Sender aus seinem täglichen Fernsehprogramm. Der ORF sendete den Film bisher nicht.

Was in der Krone zum Thema gemacht wird, sorgt für Gesprächsstoff bei Alt und Jung, in Arbeiterhaushalten und intellektuellen Kreisen, beim Studenten ebenso wie bei der Pensionistin – und macht öffentliche Meinung. Der Einfluss der Krone gehe soweit, dass ?viele österreichische Politiker überlegen, ob das, was sie sagen, ?Kronen-Zeitung-kompatibel? ist.?, behauptet sogar Kurier-Chefredakteur Christoph Kotanko, dessen Zeitung immerhin ebenso wie die Krone im Mediaprint-Verlag erscheint.

Politik mitzugestalten, das ist für die Krone ein Hauptanliegen und zwar auf eine Art, die LeserInnen und Betroffene schnell verstehen, sagt Krone-Außenpolitik-Redakteur Kurt Seinitz:

Wir sehen unsere Rolle auch darin, Politiker, die sehr leicht auf den Wolken dahinschweben und den Boden zur Realität verlieren [?] wieder auf den Boden der Realität zurückzuholen. Das machen wir mit unseren Kommentaren und gelegentlich müssen wir einen scharfen Ordnungsruf erteilen, wie in der Sonntagszeitung mit den doppelt/dreifachen Auslandsreisen und dem Gerangel um die besten Auslandstermine zwischen Bundespräsident, Bundeskanzler und Außenministerin. Der Titel ist kurz und bündig: ?Klestil, Schüssel, Ferrero: So blamieren sie uns im Ausland?.

Doch ist die publizistische Macht der Krone tatsächlich so groß? Seit der Regierung von Wolfgang Schüssel (2000-2006) scheint das Credo zerstört, dass man nicht gegen das Kleinblatt regieren kann. Die jahrzehntelang einzementierte Vormachtstellung der Krone versucht seit einem Jahr auch Österreich zu durchbrechen. Bewegung in den hochkonzentrierten (17 Tageszeitungen) und regionalisierten österreichischen Zeitungsmarkt hat die Neugründung von Marketinggenie Wolfgang Fellner auf alle Fälle gebracht.

Erbittert kämpfen nun zwei zur Selbstinszenierung neigende Persönlichkeiten um die Vorherrschaft bei Leserschaft, Themenführung und Sensationsberichterstattung. Nicht zu vergessen sind auch die regionalen Platzhirschen in den westlichen Bundesländern und die Styria Medien AG im Süden. Denn anders betrachtet dürfte die gefühlte Macht der Kronen Zeitung ihren realen Einfluss weit überflügeln.

Die größere Gefahr für die österreichische Medienlandschaft besteht wohl eher darin, dass sich die regionalen Marktführer am Zeitungsmarkt sowohl in den Privatradios einkaufen als am Onlinesektor kräftig expandieren. So kommt es zu einseitigen Informationsmonopolen, wie man Beispiel der Styria beweisen kann: In der Steiermark besitzt die Styria sowohl die meistgelesene Tageszeitung (Kleine Zeitung), die wichtigsten Gratiswochenzeitungen (der Grazer, die Woche) und das reichweitenstärkste Privatradio (Antenne Steiermark).

Zuoberst thront in allen Bundesländern freilich noch der ORF mit seinen reichweitenstarken Bundesländerradios und den landesweiten Fernsehkanälen ORF 1 und ORF 2 sowie dem Internetportal orf.at, das in der Webanalyse stets alle anderen Nachrichtenportale abhängt. Neben ORF und den bundesländerspezifischen Verlagshäusern bleibt allerdings wenig Platz für andere massentaugliche Medienangebote.

Und auch wenig Platz für andere Meinungen. Dass ein Medienkünstler sogar befürchtet, von einem einflussreichen Zeitungsherausgeber wegen eines satirischen, schlecht besuchten Blogs in Grund und Boden geklagt zu werden, das ist gleichsam ein treffendes Statement zur Meinungs- und Medienvielfalt in Österreich.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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