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18.03.08

Satellitenchaos bei der ARD: Qualitätsangriff auf die Bildschirme

Die ARD führt einen weiteren Transponder für DVB-S - digitales Satellitenfernsehen - ein, um die übertragbaren Bitraten zu erhöhen. Leider wird bei einigen Zuschauern der Bildschirm ab Juni schwarz bleiben.

Satellitenempfänger (Bild Keystone)
Wo funkt's? (Bild Keystone)

RTL, 9Live & Co. können aufatmen: Die Programmqualität ist mit der von der ARD ausgerufenen sogenannten Qualitätsoffensive (Offensive: milit. Angriff) nicht gemeint, nicht sie sind also Ziel der Attacke, sondern die ARD selbst, genauer: die Sendetechnik. Ein neuer Satellitentransponder soll ab dem nächsten Mittwoch, dem 19. März 2008, mehr Bandbreite bringen und damit die auf den großen Flachbildschirmen mittlerweile sichtbare "Kästchenbildung" des Digitalfernsehens reduzieren.

Das ist erfreulich. Mancher könnte allerdings ab Juni ein ganz kästchen- und auch inhaltsfreies Bild erhalten, so er Eins Extra, Eins Festival, Eins Plus, Arte, Phoenix oder Radio Bremen TV sehen will. Auch BR-alpha wird umgestellt, doch wird hier erst ein Jahr später der heutige Kanal abgeschaltet.

 

Der neue Satellitentransponder 51 hat die folgenden Kenndaten:

 

Satellit: Astra 1 KR, 19, 2 Grad Ost

Transponder: 51

Downlink-Frequenz (GHz): 10,74375

Symbolrate: (MSym/s): 22,000

Fehlerschutz (FEC): 5/6

Polarisation: horizontal

Das unerwartete Problem liegt hierbei in der Downlink-Frequenz - diese liegt im sogenannten Lowband. Der TV-Satellitenempfang teilt sich nämlich in insgesamt vier Sendebereiche auf:

  • 10,7 GHz bis 11,7 GHz horizontal polarisiert

  • 10,7 GHz bis 11,7 GHz vertikal polarisiert

  • 11,7 GHz bis 12,75 GHz horizontal polarisiert

  • 11,7 GHz bis 12,75 GHz vertikal polarisiert

Diese Einteilung resultiert einerseits daraus, daß die Empfänger meist nur etwa 1 GHz Bandbreite verarbeiten können - deshalb wird bei 11,7 GHz das LNC umgeschaltet, sodaß es den höheren Bereich empfängt. Andererseits kann man mit horizontaler und vertkaler Polarisation den Frequenzbereich zweimal belegen.

Solange man an einer Satellitenschüssel nur einen Fernseher anschließt, ist dies kein Problem, solange das LNC den gesamten Frequenzbereich empfangen kann. Alte LNCs für Analog-Sat-TV empfingen nur den unteren Bereich, im oberen wuden dann Digital-Sat-TV untergebracht. Die heutigen Universal-LNCs können beide Bereiche.

Schwieriger wird es, wenn an dieser einen Schüssel mehrere Teilnehmer angeschlossen werden sollen. Dann müssen die alle denselben Frequenzbereich und dieselbe Polarisation wählen, andernfalls benötigt man Mehrfach-LNCs, mehrere Kabel und eine Umschaltmimik.

Sogenannte Einkabel-Verteilsysteme haben sich auf oberes Band, horizontal festlegelegt, ähnlich den US-Sat-TV-Systemen, die in einem Land, in dem im Haushalt oft ein halbes Dutzend Fernseher stehen, anders nicht akzeptiert würden.

Doch auch, wer seine eigene Sat-Schüssel hat und an diese einen Empfänger mit Twin-Tuner hängt, kann nur dann auf beiden Tunern verschiedene Frequenzbänder oder Polarisationen empfangen, wenn er ein Mehrfach-LNC und mehrere Kabel anschließt.

Die Sender der ProSiebenSat1-Gruppe haben daher als letzte in Deutschland vor mehr als einem Jahr von einem Transponder mit vertikaler auf horizontale Polarisation gewechselt, um nicht mehr aus der Reihe zu tanzen.

Mit HDTV war absehbar, daß nun Transponder aus dem Lowband, die bislang für analoge Übertragung benutzt wurden, eingesetzt würden. Überraschend ist nur, daß dies bei der ARD eben gerade nicht für HDTV der Fall ist, das auf Transponder 101 über Ostern getestet wird, sondern für Programme in Standardauflösung, obwohl auch auf Transponder 71 gerade Platz geschaffen wurde.

Nun ist die Frage, wie es weitergeht:

  • Öffentlich-rechtliche TV-Stationen ins Lowband, kommerzielle ins Highband? Dies würde die öffentlich-rechtlichen Sender aus eigener Schuld benachteiligen.

  • SDTV ins Lowband, HDTV ins Highband? Wer keinen Lowband-Empfang hat, soll auf HDTV umsteigen?

  • Wo kommt dann der ARD-Radiotransponder hin, Low oder High?

  • Oder wird die ARD mit dem Fernsehen wieder ins Highband zurückkehren, sobald sie einen freien Transponder anmieten kann?

Obwohl den Verantwortlichen die Problematik bekannt ist, konnte medienlese.com von der ARD noch keine Antwort erhalten. Wen ständige Laufschriften im Bild nicht weiter stören, der kann bis zum Juni auch ohne Umstellung weitergucken. Dann ist es ja warm genug für eine Dach- und Wandoffensive, um ein zweites Kabel zu verlegen.

Oder auf Arte zu verzichten und nur noch RTL II zu gucken.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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