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23.06.11

Romantisierung von Print: Das Hoffen auf die ewige Kraft des Papiers

Werden Zeitungs- und Zeitschriftenmacher zur Zukunft von Print befragt, neigen sie zu einer Romantisierung des Papiers und Ignoranz der technischen Entwicklung. Ein wenig mehr Offenheit wäre wünschenswert.

 

Foto: stock.xchng

Gründerszene hat heute ein kurzes Interview mit Gabriele Fischer veröffentlicht, der Gründerin und Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins Brand Eins. Die monatlich erscheinende Zeitschrift verkauft rund 100.000 Exemplare pro Ausgabe und erfreut sich auch in sonst eher den digitalen Medien zugewandten Kreisen einer großen Beliebtheit. "Den Blattmachern gelingt es, altbekannte Themen aus einer anderen Perspektive zu präsentieren", so beschrieb imgriff.com-Kollege Thomas Mauch einst die Stärke der Brand Eins.

Zum Abschluss des Interviews wollte Gründerszene-Autor Justin Wimmer von Brand-Eins-Chefin Fischer wissen, welche Printprodukte auf lange Sicht noch mit dem Internet mithalten können. Und hier tat Fischer, die Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik studiert und unter anderem als stellvertretenden Chefredakteurin beim Manager Magazin gearbeitet hat, was andere Medienmanager auch nicht lassen können: Romantisieren und Leugnen.

Fischer hebt zwar die positiven Aspekte des Internets hervor ("Wir bei Brand Eins haben das Internet nie als Gegner, sondern immer als Partner betrachtet"), aber nur, um anschließend darauf hinweisen zu können, in welchen Punkten Print den digitalen Angeboten überlegen sei:

"Aber wir lernen gerade von unseren internet-affinen Lesern auch, dass sie es nach allem Chatten, Googeln und Bildschirm-Arbeiten genießen, sich in ein Magazin wie Brand Eins zu vertiefen. Das Internet ist schnell, bunt, vielfältig und unschlagbar bei News, beim Bewegt-Bild, beim Vernetzen, beim Suchen und Hilfe finden. Print dagegen ist, wenn es gut ist: Ruhe, Konzentration, Vertiefung – und eine Wundertüte, in der man auch findet, was man gar nicht gesucht hat."

Auch wenn diese Aussage wahrscheinlich von vielen Seiten bedächtiges Nicken erhält, so ist sie nichts weiter als eine Romantisierung des Papiers und ein Leugnen der unaufhaltsamen Entwicklung hin zu digitalen Medien. Von der Macherin eines Titels, der inhaltlich gerne seinen eigenen Weg beschreitet, auch Netzthemen behandelt und vielseitige Perspektiven der heutigen Wirtschaftswelt beleuchtet, hätte ich eine besser reflektierte, aufrichtigere Äußerung erwartet.

Denn was Gabriele Fischer als einzigartiges Alleinstellungsmerkmal von Print verkauft, lässt sich bereits heute für elektronische Medien reproduzieren. Auch E-Book-Reader und Tablets geben die Gelegenheit zur "Ruhe, Konzentration und Vertiefung" beim Lesen. Noch handelt es sich dabei zwar um relative Nischenprodukte, aber ich nehme Blattchefin Fischer nicht ab, dass sie Tablets und E-Book-Reader in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht zu Massengütern aufsteigen sieht.

Und auch die angesprochene "Wundertüte" erscheint mir nicht sonderlich Print-exklusiv - erst recht nicht im Hinblick auf die zahlreichen Newsreader-Applikationen für das iPad, die ebenfalls Inhalte zusammenstellen, nach denen man nicht direkt gesucht hat.

Selbst wenn "Digital Natives" und passionierte Gadget-Freunde heute noch die ein oder andere Zeitschrift im Papierabo beziehen, so existiert kein Indiz, das gegen ein stetiges Schrumpfen von deren Zahl in den nächsten Jahren spricht. Irgendwann werden bis auf einige wenige Sammler alle Konsumenten über die Pro-Print-Argumente aus der Zeit des digitalen Wandels schmunzeln.

Solange die Verantwortlichen der Printbranche diese Entwicklung mit einem Verweis auf die vermeintlichen Vorteile von Print wegwischen und dabei unter den Tisch fallen lassen, dass diese bereits jetzt vom technischen Fortschritt bei digitalen Lesegeräten eliminiert werden, solange fällt zumindest mir eine moralische Unterstützung des Wandlungsprozesses der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage schwer.

Wie erfrischend wäre dagegen eine klare und offene Ansage à la "Wir werden unsere Printleser so lange wie möglich bedienen, aber gehen davon aus, dass es unser Produkt eines Tages nur noch digital geben wird"?! New-York-Times-Herausgeber Arthur Sulzberger Jr sowie DPA-Infocom-Geschäftsführer Meinolf Ellersacht haben es vorgemacht, bisher jedoch kaum Nachahmer gefunden. Das Hoffen auf die ewige Kraft des Papiers scheint vielen im Weg zu stehen.

(Foto: stock.xchng)

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