<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

21.08.07

Roger Schawinski: Die TV-Falle (III) Das zornige Lehrbuch

Medienpionier Roger Schawinski war bis 2006 Senderchef bei Sat.1 in Berlin. Nun hat er über diese Zeit ein Buch geschrieben: "Die TV-Falle". Dritter und letzter Teil unserer Besprechung.

Die TV-Falle

« Zu Teil 1 der Besprechung | « Zu Teil 2

"Die TV-Falle" wird nach anfänglichem Plauderton mit jeder Seite informativer. Schawinski erklärt, dass gute Einschaltquoten nicht automatisch hohe Einnahmen bedeuten, wie, wann, warum und für wieviel Werbespots plaziert werden, und welche Rolle die Mediaagenturen spielen. Wenn er die Gesetze der Programmplanung in acht Punkten erläutert, ist das fast schon ein Lehrbuch. Eines, das auch fiese Tricks wie die "Gegenprogrammierung" beinhaltet: Dabei werden bekanntermaßen starke Sendungen genau dann angesetzt, wenn bei der Konkurrenz etwa eine neue Serie ihren Einstand feiert. Wenn deren erste Folge von wenigen Zuschauern gesehen wird, zieht das in der Regel eine schlechte Quote für die ganze Serie nach sich.

Die Konkurrenz besteht aber mitnichten nur aus dem Erzfeind RTL. Die gebührenfinanzierte Stellung der Öffentlich-Rechtlichen ARD und ZDF kritisiert Schawinski, da ganz Privatsendermann, heftig.

"Ein Weltreich wie die Sowjetunion kann implodieren. [...] doch die Welt der ARD kann nicht untergehen, komme wer oder was wolle."

 

Er beklagt etwa, dass Private bei Sportrechten nicht mehr mitkommen, wenn ARD oder ZDF bieten, oder dass die öffentlich-rechtliche Konkurrenz Spielfilme um 17.50 Uhr oder 22.15 Uhr raushaue, die in jedem Privatkanal zur besten Sendezeit laufen würden. Er wundert sich, dass nach einem Debakel wie dem gescheiterten "Einkauf" von Günther Jauch kein einziger Stuhl geräumt wurde - nachvollziehbare Empörung, wenn man auf den ersten Seiten von Schawinskis Buch gelesen hat, wie die Stars der privaten Sender umsorgt werden.

Wenn es um den Feind geht, wird Schawinski bisweilen etwas aufdringlich:

"Die kitschigsten, eskapistischsten Telenovelas finden sich bei ARD und ZDF. Ohne das geringste Feigenblatt von Relevanz werden die seichtesten Geschichten im gesamten deutschen Fernsehen erzählt, während umgekehrt Sat.1 mit Verliebt in Berlin Themen wie Hartz IV, Arbeitslosigkeit oder Mobbing am Arbeitsplatz anspricht."

So so. Dieser Schwerpunkt von Verliebt in Berlin war mir damals gar nicht aufgefallen. Ähnlich rasant schreibt Schawinski, wenn er sich über die Regional- und Kulturfenster hermacht, die die Privaten zu senden angewiesen sind. Alexander Kluges DCTP, Stefan Austs Spiegel TV Reportage und das "besonders regierungstreue" Regionalprogramm, das die Produktionsfirma TV IIIa für Rheinland-Pfalz produziert, alle würden von undurchschaubaren Verbindungen und Kuhhändeln profitieren. Schawinskis Zusammenfassung über das, was er in der deutschen Medienlandschaft erlebte:

"Haarsträubende, unsinnige Vorschriften, den direkten, ungebremsten Durchgriff der Politik ins Medienwesen, eine Kultur der Kollusion und das Heranzüchten staatlich beschützter Krypto-Unternehmer, die in der real existierenden Wirtschaft kein einziges Jahr überleben würden."

Zong. Weil die Verlage zum Teil selbst Profiteure dieser "Misswirtschaft" seien, so Schawinski, trauten sich selbst die kritischsten Journalisten nicht, so etwas zum Thema zu machen - Belege, Beispiele, Namen fehlen.

Die letzten Kapitel des Buches wirken dann etwas nachgeschoben, uneingebunden. Es scheint, da wurden ein paar nette Häppchen notiert: Wie Schawinski den Nachrichtenmann Thomas Kausch holte; wie er mit Innenminister Schäuble um den Titel der Serie GSG9 feilschte; wie er scheiterte mit seinem Versuch, an die Sat.1-Pioniertat der politischen Talkshow anzuknüpfen. Musste da ein Abgabetermin fürs Manuskript eingehalten werden? Einige Nahaufnahmen des Medienunternehmers Haim Saban folgen, über die man staunen und lachen muss, und ganz am Ende steht dann noch "Mein langer Weg zu Sat.1", ein Kapitel, das sich eher wie ein Prolog liest, und in dem Schawinski die stressigen Anfangstage in Berlin rekapituliert, als unter anderem Harald Schmidt in seiner Sendung über den neuen Senderchef herzog (youtube.com, Video, 8:45 Minuten).

"Das System Fernsehen aus der Insider-Perspektive", das schrieb kress.de über Schawinskis Buch. Dem Fazit stimmen wir zu. Enthüllungen? Keine, wegen denen man Text-Schwärzungen verfügen müsste, nein. Aber zuhauf hochinteressante Einblicke in das, was da jeden Tag über den Bildschirm flimmert, ob wir einschalten oder nicht. Das Buch bringt Schilderungen, zu denen es sicher oft noch eine andere Sichtweise gibt, ist aber nichtsdestoweniger ein lobenswert offenes Unterfangen.

Nur: Wieso genau heißt es jetzt "Die TV-Falle"?

 

Die Kapitel 5 und 15 findet man übrigens in leicht gekürzter Version bei zeit.de bzw. dasmagazin.ch. Und wer den Autor live sehen möchte, kann sich diese Termine vormerken:

27.08.2007: "Die TV-Falle" - Live-Talk Berlin, Clärchens Ballhaus, Spiegelsaal

03.09.2007: "Die TV-Falle" - Live-Talk Zürich, Kaufleuten

Zu guter Letzt: Wir verlosen unser Vorab-Exemplar des Buches unter Euch. Dafür müsst Ihr einfach unsere Preisfrage richtig beantworten, und die lautet:

Welcher nicht ganz unbekannte deutsche Blogger wird in Roger Schawinskis Buch "Die TV-Falle" erwähnt?

Bitte per Kommentar melden. Wir schließen die Verlosung in genau 24 Stunden, wenn mehrere richtige Kommentare eingehen, entscheiden wir per Los. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, Sonderbehandlungen sind es auch. Wir sind hier ja nicht beim Fernsehen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer