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12.10.10

Googles Roboterauto: Der Preis des technischen Fortschritts

Roboterautos sind ein Meilenstein der technologischen Entwicklung. Doch die Idee eines sich selbst steuernden Fortbewegungsmittels ignoriert die Tatsache, dass die Bedienung von Gaspedal und Lenkrad ganz einfach Spaß macht.

 

Wie gestern erwähnt hat Google am Wochenende Einblick in ein Testprojekt gegeben, in dessen Rahmen es unbemannte, sich selbst steuernde Fahrzeuge auf kalifornische Straßen schickt (unbemannt insofern, als dass niemand das Gaspedal betätigt - aus Sicherheitsgründen befindet sich immer ein Google-Ingenieur an Bord).

Über 140.000 Meilen haben die "Roboterautos" zusammen bereits auf dem Tacho. Im Lichte dieser Neuigkeit erscheint auch klarer, was genau Google-Boss Eric Schmidt meinte, als er vor zwei Wochen auf der TechCrunch-Disrupt-Konferenz davon sprach, dass es ein "Bug" sei, dass das Automobil vor dem Computer erfunden wurde. "Ein Auto müsse in der Lage sein, von alleine zu fahren", so Schmidt.

In US-Tech-Kreisen schlug die Meldung von den Geisterfahrzeugen ein wie eine Bombe und sorgte für überaus positive Reaktionen. Von einer Revolution war die Rede, von einer Möglichkeit zur radikalen Reduzierung der Zahl der Verkehrstoten sowie von einem Schritt, im Straßenverkehr verloren gegangene Zeit zurückzugewinnen (die dann natürlich für das Google-zentrischen Surfen genutzt werden kann). Techmeme gibt einen guten Überblick über die Reaktionen aus der US-Blogosphäre und -Medienwelt.

Und in Deutschland? So richtig wollte der Funke nicht überspringen. Zwar listet Google News eine ganze Reihe von Artikeln zum Thema, aber zu Titelmeldungen (wie z.B. im Falle von Google Street View), zahlreichen aufgeregten Blogposts oder einem Sturm der Begeisterung/Entrüstung bei Twitter führte die Meldung von den Roboterautos nicht - was nicht nur von mir mit Verwunderung zur Kenntnis genommen wurde.

Blendet man die Tatsache, dass sich selbst steuernde Automobile - egal ob von Google oder im Rahmen anderer Projekte - tatsächlich einen Meilenstein des technischen Fortschritts markieren, so handelt es sich bei dieser Entwicklung auch um eine Art Novum, was die Konsequenzen einer Errungenschaft betrifft:

Denn bisher dienten neue Technologien vorrangig dazu, dem Menschen Arbeiten abzunehmen, die er ungern oder aufgrund biologischer Begrenzungen nur mit bescheidenen Erfolgen erledigte. Oder sie ermöglichten völlig neue Prozesse, welche sich positiv auf unsere Lebensqualität auswirkten, ohne dabei bestehende Vorgänge zu ersetzen.

Es gibt sie zwar sicher, aber mir fallen keine Beispiele ein, bei denen der technische Fortschritt ein Verfahren überflüssig gemacht hat, das zwar einem spezifischen Zweck diente, gleichzeitig jedoch vielen Menschen Freude bereitete und für Millionen sogar Hobby und Lebensinhalt darstellte. Das Automobil fällt genau in diese Kategorie. Zumindest in Deutschland.

Ich habe keine statistischen Zahlen dazu, aber ich lehne mich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass ein signifikanter Teil der Besitzer eines Führerscheins Spaß daran empfindet, ein Auto zu fahren. Zum einen dient das Automobil dazu, sich von A nach B zu bewegen. Zum anderen jedoch erfüllt es viele (nicht alle!) von uns gleichzeitig mit einem Gefühl von Freude, wenn wir auf einer gut ausgebauten Straße mit angenehmer Musik bei Sonnenschein durch die Landschaft rollen und die volle Kontrolle über das Gefährt haben.

Fahrspaß ist keine Erfindung des Automobil-Marketings. Und das gilt speziell für Deutschland, dem Land, aus dem die bekanntesten Automarken der Welt stammen und in dem auf zahlreichen Autobahnen keine Tempolimits existieren. Das Auto ist für viele Menschen mehr als nur ein simples Fortbewegungsmittel. Aus diesem Grund glaube ich, dass es Roboterautos hierzulande selbst in einem Stadium der Serienfähigkeit schwer haben werden, sich in der Bevölkerung Akzeptanz zu verschaffen.

Dass die Reaktionen auf das Google-Projekt in den USA anders ausfallen, verwundert mich nicht: Zumindest nach meinen Erfahrungen ist das Führen eines Kfz dort weit weniger unterhaltsam: Statt dem manuellen Schaltgetriebe dominiert Automatik, die Geschwindigkeitsbegrenzungen sind niedrig, die x-spurigen Straßen geradlining und ohne Herausforderungen - und speziell in den Städten dazu sehr voll. Zudem sind die US-Amerikaner aufgrund eines unterentwickelten öffentlichen Nahverkehrssystems sowie der Weitläufigkeit von Städten und Vorstädten ständig gezwungen, sich hinter das Steuer zu setzen.

Während das Autofahren in den USA eher ein notwendiges, aber bisher kaum hinterfragtes Übel ist, wird es in Deutschland deutlich stärker zelebriert (was Österreich und die Schweiz betrifft, kann ich mich nicht äußern), so mein Eindruck.

Die Frage, die sich mir damit stellt, und die nicht nur für Googles Roboterauto gilt: Welche Durchsetzungsfähigkeit haben Technologien, die uns ein positives emotionales Gefühl rauben? Reichen die potenziellen Vorteile wie ein geringes Unfallrisiko, ein besserer Verkehrsfluss sowie ein Zuwachs an produktiv verwendbarer Zeit aus, um uns von den Vorzügen der neuen Technik zu überzeugen und uns mit dem Gedanken des Gaspedals und Lenkrads als Relikte aus der Vergangenheit anzufreunden? Vielleicht genießen es eines Tages selbst einst passionierte Autofahrer, sich nicht mehr all dem Stress und der Aggresivität im Straßenverkehr auszusetzen, die ja als Nebenprodukte des Fahrspaßes nicht von der Hand zu weisen sind?

Ich bin unsicher, weiß jedoch, dass ich es sehr traurig fände, nicht mehr selbst hinter dem Steuer zu sitzen. Was meint ihr? Sofern ihr einen Führerschein besitzt, nehmt bitte an der folgenden Umfrage teil und verratet uns, ob ihr euch vorstellten könntet, in Zukunft einem Roboterfahrzeug das Fahren zu überlassen.

 

Hier geht’s zum Zwischenstand.

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Foto: Vimeo/Ben Tseitlin

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