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02.03.09

Reputation Management: Die Weißwäscher kommen

Überwachen, Kontrollieren, Regulieren: Reputation Management verspricht Maßnahmen gegen unliebsame Inhalte im Web 2.0 – wenn das nur so einfach wäre.

Was uns zu Revolvermann als erstes einfällt (daveparker, cc-Lizenz)

"Revolvermänner" nennt sich unmissverständlich eine Essener Agentur für 'Reputation Management', die im Auftrag von Privatpersonen und bedrohten Firmen ein schnelles und "permanentes Controlling im Internet" durchsetzen will. Manches klingt in meinen Ohren allerdings wie ein Werbetext von 'Moskau Inkasso', verfasst also von jenen unmissverständlich freundlichen, wohlgebauten Herren mit den Blumenkohlohren und der gewissen Beule unter der Achsel: "Im Fall einer Schädigung Ihrer Online Reputation haben wir für jede erdenkliche Situationen einen praxiserprobten Maßnahmenkatalog, der schnell und effektiv greift". So werben Revolvermänner des Netzverkehrs heutzutage für sich.

Worum geht es? Der Laie glaubt, es ginge beim Reputation Management vor allem um den 'guten Ruf' einer einzelnen Person oder einer zu Unrecht angegriffenen Institution. Vorgeschoben wird meist jener junge Wirtschaftsstudent, der auf einer Party mal Arm in Arm mit einer leicht bekleideten Blondine an einem Whiskey genippt haben soll und der dabei - oh Schreck! - auch noch fotografiert wurde. Was ihm Jahre später sein zukünftiger Chef dann per Flickr oder studiVZ beim Vorstellungsgespräch unter die Nase reibt. Weshalb er - "ach, hätte ich das damals doch gewusst!" - zur Strafe nie in den Genuss von jenen satten Jahres-Boni und übermotorisierten Dienstwagen kommen wird, auf die er doch eigentlich Anspruch hat.

So etwas ist Biographismus für Doofe, für Leute, die auch an den Weihnachtsmann glauben und daran, dass jener Chef noch nie selbst einen Whiskey Sour gekippt und von einer Blondine genascht hätte. Kurzum - derartige Geschichten sind Bullshit, Sonntagsschultraktate für angehende Gelfrisuren und Wirtschaftselitessen, sowie für gutgläubige Journalisten, die derartiges dann mit dicken Backen ausposaunen dürfen.

In der Realität geht es vor allem um Unternehmen und um ihre handfesten Wirtschaftsinteressen - und um die Gefährdung durch 'Whistle Blower' und 'Blogger': "CGM (Consumer Generated Media) verbreiten sich im Internet über Blogs und Foren wie ein Flächenbrand. Ihr Ruf, den Sie sich über Jahre aufgebaut haben, kann innerhalb weniger Minuten vollständig zerstört werden. ... Reputation Management bedeutet, den Markt zu überwachen, Mitbewerber zu kontrollieren und damit frühzeitig regulierend eingreifen zu können".

Überwachen, Kontrollieren, Regulieren - das also sind die angebotenen Dienstleistungen des Reputation Management, und es geht bei der Korrektur von Aussagen keineswegs um ein bloßes 'Richtigstellen'. Also nicht darum, bloß die Lügen oder Unwahrheiten aus der Welt zu schaffen, sondern darum, jedwede Kommunikation über ein nicht erwünschtes Thema ein für allemal zu unterbinden. Mit welchen Methoden das geschieht, das mag sich jeder angesichts des jeweils kontraktierten Firmennamens dann selbst ausmalen.

Nicht alle Webreputation-Dienstleister kommen gleich so krawallig wie die Revolvermänner daher. 'Junghans & Radau' heißt bspw. - allerdings auch hier fast drollig bezeichnend - jene Kanzlei, die im Auftrag der Berliner Firma WebReputation entfleuchte Informationshäppchen wieder einzufangen trachtet: " Meinungsfreiheit oder nicht ist für Laien nicht auf den ersten Blick zu erkennen ", heißt es bei dieser arg litotisch verknödelten Vorstellung einer exklusiven Dienstleistung, die den ebenso schönen wie zutreffenden Namen 'webex' trägt. Denn diese Ahnungslosigkeit des Laien ist für den abmahnenden Anwalt ja außerordentlich praktisch, weil er dann darauf vertrauen darf, dass seine paragraphengespickte Drohkulisse von einem solchen Trottel gar nicht als Potemkin'sches Märchenschloss weit draußen im juristischen Niemandsland erkannt wird.

Das Löschen, Umdichten, Rausdrängen, Niederquatschen oder Eliminieren unliebsamer Äußerungen, ganz unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt - das ist im Kern ein weiteres Ziel des Reputation-Management. Manche haben so etwas übrigens schon Zensur genannt:

"Unsere Dienstleistungen und Redakteure unterstützen Sie bei Löschung, Korrektur oder Beantwortung von kritischen Postings in Internet-Foren oder Blogs. Optimieren Sie mit positiven Kommentaren Ihre Online-Reputation oder lassen Sie bestimmte Artikel aus dem Netz löschen".

Der Begriff 'Reputation Management', der im Grunde noch feucht hinter den Ohren ist, der hat außerordentlich schnell Karriere gemacht, er lässt sich in Deutschland bereits rund 800.000mal ergurgeln. Zuvor hatten die Firmen mit eher pflegeleichten Journalisten und deren Gegendarstellungskultur zu leben gelernt. Jetzt kommt aber eine Jedermann-Publistik auf den Markt, die durch Liebes- und Anzeigenentzug nicht so leicht zu beeindrucken ist, die darüber hinaus auf ergoogelbare Ewigkeiten Anspruch macht, weil sie eben nicht - wie die Zeitung und holzmediale Informationen - nach 24 Stunden im Papierkorb landet.

Das Reputation Management ist die Antwort auf eine reale Bedrohung durch allzu viel Faktisches im Web 2.0, das sich deshalb allein schon jeder Kontrolle entzieht, weil es unkontrolliert durchs Netz vagabundiert. Hiergegen ist das Reputation Management eine publizistische Waffe in der Erprobungsphase, es handelt sich um eine Methode, die jenes Prinzip konsequent verletzt, das sie angeblich verfolgt: Wie groß wäre denn die 'Glaubwürdigkeit' eines Unternehmens noch, das bei jedem Hauch öffentlicher Kritik gleich den Hammer des 'Reputation Management' auspackt, um das Netz wieder besenrein zu kehren? Das also jede Wahrheit über sich eliminiert - außer der eigenen?

Die haben es wohl nötig, denkt sich da doch der Laie.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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