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23.09.08

Reporterlyrik: Mutmaßlich unwissend

Mal Terrorhelfer, mal mutmaßlicher Unterstützer: Der Stern hat nicht viel zu schreiben über Ömer Ö. - und tut es trotzdem.

Früher hätte ein Journalist geschrieben, der Verhaftete sei dieser oder jener Tat "verdächtig". Aber in Zeiten von Al Qaida erlebte das Wörtchen "mutmaßlich" seine unausweichliche Renaissance. Jedenfalls stößt es mir immer öfter auf, dort, wo alle kollektiv im Nebel eines Muslimismus der strikten Observanz herumstochern. Mit ihm lässt sich eine Urteilsvorwegnahme suggerieren, ein Verdacht hat sich mit dessen semantischer Hilfe immer schon bestätigt. Wie im Falle eines gewissen Türken, den das BKA mit Hilfe des Stern baut, weil dem Verdächtigen Ömer Ö. wohl radikalislamische Ideen in seinem krausen Kopf herumspuken.

Spielt jetzt mutmaßlich World of Warcraft auf von Ömer Ö. besorgtem Laptop.

"Mutmaßlicher al-Qaida-Helfer verhaftet" - mit dieser Schlagzeile in Bezug auf die Intentionen des Mannes erfreut uns das Hamburger Magazin von seinem Affenfelsen hinab, dort, wo die Redaktion vor den Augen des erstaunten Publikums allwöchentlich den Eiertanz zwischen altem Anspruch und Sensationsbegierde vollführt. Das, was in der Headline noch 'mutmaßlich' hieß, also einen minimalen Restbestand des 'In dubio pro reo' enthielt, das ist ratzfatz in der Subhead dann zur vollendeten Tat gediehen: "Schwäbischer Terrorhelfer" heißt es dort schlicht, so als wären alle Akten schon geschlossen.

Aus diesem Artikel entnehmen wir dann, dass der Stern-Reporter gute Kontakte ins BKA hinein hatte, was aber in diesem Fall nicht viel heißen muss, wenn nämlich das BKA auch nicht allzu viel weiß. Zumindest reicht der Kern des Tatvorwurfs kaum, um mit Ömers logistischer Hilfe die Al Qaida in eine schlagkräftige High-Tech-Armee zu verwandeln:

 

"[D]er 30-jährige Ömer Ö. [steht] im Verdacht, von Anfang 2005 bis Anfang 2007 in Deutschland Bargeld sowie eine schusssichere Weste und einen Laptop für die Kämpfer der al-Qaida beschafft zu haben."

Donnerwetter - einen kompletten Laptop sogar! Und dann noch Geld! Nun ja - genauer gesagt, hat der Ömer dies alles auch gar nicht für die Al Qaida beschafft, sondern für einen Diamantenhändler namens Aleem N.. Und dieser Diamantenhändler wiederum, der soll dann diese fürchterlichen Kriegswaffen nach Pakistan verschoben haben, wo seither der Osama in seinem Bergversteck auf dem neuen Laptop mit schusssicherer Weste World of Warcraft spielen kann.

Ins Verderben geschnackt habe der Ömer O. aber auch Kämpfer für die Al Qaida, erzählt der Mann vom BKA dem staunenden Journalisten, was vor allem wohl bedeutet, dass er hierzulande Leute zu rekrutieren versucht haben soll, die blöd genug wären, in der vagen Hoffnung auf die Freuden des Paradieses sich mit einem Sprengstoffgürtel um den Bauch in Hackfleisch zu verwandeln. Ganze zwei solcher Trottel habe er gefunden, von denen einer unterwegs aber wohl ideologieflüchtig wurde:

 

"Zwei Personen seien daraufhin in Terror-Ausbildungslagern gereist, wobei nur einer dort angekommen ... sei."

Auch die Geschichte von Ömers Kontakten zu den ominösen drei "Sauerland-Attentätern" - die sind übrigens noch gar nicht recht verurteilt, beste Frau Stern, und ein Attentat haben sie höchstens GEPLANT, aber nicht BEGANGEN! - auch diese Geschichte gleicht derjenigen von den zehn kleinen Negerlein. Die DREI hätten nämlich 'Angriffe auf usbekische Einrichtungen in Deutschland' geplant (welche mögen das nun wieder sein? - Volkstanzgruppen?), weshalb die BEIDEN deutschen Konvertiten zwölf Fässer mit einem Haarbleichmittel angeschafft hätten, welches - alle Platin-Blondinen seien gewarnt - die gewaltige Sprengkraft von 410 kg TNT entwickelt hätte haben können, weshalb der Ömer sich dann zweimal mit EINEM aus der "Sauerland-Zelle" getroffen haben soll. Seltsamer Schwund übrigens - der Focus hievte uns damals noch 550 kg TNT-Sprengkraft auf den deutschen Boulevard.

Zurück zum Thema: Was haben die beiden denn bei diesen Treffen gemacht? Nun, erst einmal tranken sie einen Kaffee, das andere Mal saßen sie, wiederum in Stuttgart, unter einem schattigen Baum im Schlossgarten herum und richteten sich danach ein E-Mail-Konto ein, straferschwerend auch noch 'unter fiktivem Namen', aber wohl unverschlüsselt (die Deppen!), weshalb das BKA mitlesen konnte, dass ein geplantes drittes Treffen ausfiel.

Ich vermute jetzt mal, das MUTMASSLICH die Anklage gegen Ömer Ö. auf den ersten hundert Metern mit Getöse zusammenbrechen wird, weil sie schlicht auf tönernen bzw. BKA-Füßen steht. Jeder bessere Anwalt veranstaltet auf Beweise dieser Güte ein wahres Tontaubenschießen. Auch dann, wenn der Ömer Ö. noch so oft mit einem Kumpel zusammen den islamischen 'Wachtturm' vor den Augen des empörten Bischofs in Ulm verteilt haben sollte:

 

"Beide hätten in Ulm die Zeitschrift "Denk mal islamisch" verteilt, eine Publikation des ehemaligen Islamischen Informationszentrums (IIZ), das Verfassungsschützer als Treffpunkt radikaler Muslime ansahen."

Um nicht missverstanden zu werden: Ich halte den Ömer Ö. - wie alle anderen religiösen Knallchargen auch - nicht für eine sympathische Figur der Zeitgeschichte. Aber etwas mehr an Beweiskraft dürfte es schon sein. Doch woher nehmen? Über das, was unser Verfassungsschutz von der radikalislamischen Szene weiß, da mache ich mir jetzt keine großen Illusionen mehr. Erzählerisch ist übrigens der Kollege vom Stern schon viel weiter, obwohl auch sein Artikel komplett auf den On-Dits des Verfassungsschutzes beruht. Er 'macht' nur mehr daraus.

Ach ja, das Forum Tagesschau führt das Adjektiv 'mutmaßlich' übrigens als Unwort ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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