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27.06.13

Readly: "Spotify für Zeitschriften" plant rasante Expansion

Das schwedische Startup Readly will für Zeitschriften wiederholen, was Spotify mit Musik gelang. Offen ist aber, ob ein All-you-can-eat-Buffet für Magazinleser überhaupt attraktiv ist.

Es ist eine spezielle Situation: Weil Schweden mit Spotify in einem äußerst schwierigen, von zahlreichen unterschiedlichen Interessen geprägten Markt einen international erfolgreichen Abo-Musikdienst hervorgebracht und dabei wichtige Pionierarbeit geleistet hat, existiert nun unter Branchenbeobachtern die latente Vermutung, dass sich dieses Kunsstück in anderen Segmenten des Mediensektors wiederholen ließe; und dass Startups aus dem hohen Norden prädestiniert dafür seien. Voddler galt kurzzeitig als das "Spotify für Video", verpasste es dann jedoch, die für diese Analogie essentielle Wachstumskurve zu erreichen. Magine feilt derzeit an einem "Spotify für Fernsehen" und soll gemäß Plan noch in dieser Woche in Deutschland starten.

Mit Readly taucht nun der nächste blau-gelbe Akteur auf der Bildfläche auf, der sich anschickt, in Spotifys große Fußstapfen zu treten. Das Startup aus dem südschwedischen Växjo will das, was sein konzeptionelles Vorbild aus Stockholm im Musikbereich vollbracht hat, für Magazine wiederholen. Wer weiß, wie Spotify funktioniert, dürfte damit auch die Funktionsweise von Readly bereits erahnen: Für eine monatliche Pauschale von im Heimatmarkt umgerechnet rund elf Euro erhalten Nutzer von Readlys iOS- und Android-App unbeschränkten Zugang zu einer Vielzahl von Zeitschriften, die sich für Phasen ohne Internetverbindung auch offline lesen lassen. 70 Prozent der Umsätze fließen nutzungsabhängig verteilt an die Verlage. USA-Start im August

Rund 80 Titel stehen momentan für User in Schweden zur Auswahl. 53 waren es zum Debüt im März. Readly erlaubt den Abruf aktueller sowie vergangener Ausgaben. Anstatt frühzeitig eine Einstiegsbarriere in Form einer Zahlungsaufforderung aufzubauen, gestattet Readly allen mittels E-Mail-Adresse oder Facebook registrierten Nutzern das Stöbern innerhalb des Angebots und das kostenfreie Schmökern in jeweils einem "Heft" eines Titels. Ganz in der Tradition von Spotify und den meisten anderen schwedischen Startups plant das junge Unternehmen aus Småland die schnelle internationale Expansion. 25 Märkte habe man im Blickfeld, in einigen wollte man zeitnah Verlage kontaktieren, hieß es im März. Eine Registrierungsseite ist bereits online. Im August soll eine US-Version scharf geschaltet werden, ein Büro auf der anderen Seite des Atlantiks wurde gerade eröffnet. Die Mittel für die rasante Internationalisierung kommen zu einem nicht unwesentlichen Teil aus der Tasche des Readly-Gründers Gründers Joel Wikell, der von schwedischen Medien als einer der "größten Gewinner der Dotcom-Blase" bezeichnet wird.

Readly

Zu viel Qual der Wahl?

Das Produkt, das optisch und von der Usability einen soliden Eindruck macht, sowie die offensichtliche Zielstrebigkeit des 20-köpfigen Readly-Teams, lassen wenig Zweifel daran, dass man von dem Unternehmen in den nächsten Monaten häufiger lesen wird. Offen bleibt allerdings noch die Frage, ob ein All-you-can-eat-Buffet an Magazinen auf Konsumenten eine ähnlich anziehende Wirkung entfaltet wie eines an Musik. Schon beim Musikstreaming klagen manche User darüber, dass die enorme Auswahl sie überfordere und sie deshalb gar nicht wüssten, was sie hören sollen. Mein erster Eindruck beim Ausprobieren von Readly ging in diese Richtung: "So viele Hefte (über 700 derzeit) - und ich habe so wenig Zeit". Zudem fehlt anders als bei Musikabos eine contentspezifische Suchefunktion. Es handelt sich schlicht um digitale Varianten der Druckausgaben, deren Artikel (bisher) nicht verschlagwortet oder indexiert werden.

Inhalte aus digitalen Zeitschriften konkurrieren außerdem mit der schier unbegrenzten Lektüre, die Tag für Tag im Netz publiziert wird - und die mittels eleganter Lese-Apps wie Flipboard auf Tablets dem Magazine-Gefühl in Nichts nachsteht. Wenn sie diesem nicht sogar überlegen ist. So haben sich Leser von Onlineinhalten daran gewöhnt, lesenswerte Beiträge anderen zugänglich machen zu können. Mit originärem Webcontent geht dies, mit Readlys Magazinen nicht.

Es gibt Konkurrenz

Das Urteil der Jury bleibt also erst einmal abzuwarten. Ganz allein sind die Skandinavier mit ihrem Vorhaben auch nicht: Der aus Paris stammende Dienst Lekiosk funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip und wird momentan in Italien, Frankreich und Großbritannien bereitgestellt. In den USA bietet der von einer Reihe von Verlagen gemeinsam angeschobene Service Next Issue für zehn Dollar einen pauschalen Zugang zu knapp 100 Zeitschriften. Eine Differenzierung über das Produkt wird für Readly also kein leichtes Unterfangen.

In Deutschland ist uns kein Anbieter im Stile von Readly bekannt. Am nächsten kommt der Idee die verlagsübergreifende News-App niuu, die sich jedoch auf tagesaktuelle Inhalte aus Zeitungen beschränkt. Mit iKiosk betreibt der Axel Springer außerdem ein Angebot für iOS und Android, das E-Paper von 350 Zeitungen und Zeitschriften - auch von anderen Verlagen - im Einzelverkauf und Abo anbietet. Allerdings handelt es sich nicht um eine Flatrate, zudem wirkt der Service von der Präsentation her eher rudimentär. /mw

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