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08.04.13

Rätselhafte Strategie: Das Ende der VZ-Netzwerke wird weiter hinausgezögert

Der neue Betreiber der VZ-Netzwerke glaubt nach eigenem Bekunden tatsächlich an einen Neubeginn. Wieso das Social Network nicht endlich in Rente geschickt wird, bleibt im Dunkeln.

vzAktualisiert

Die VZ-Netzwerke wollen einfach nicht aufgeben. Bild Online (Springer-Link, via) liefert einen kleinen Statusbericht aus dem Büro des im September 2012 an eine von Bebo-Chef Adam Levin geführte Investmentfirma verkauften Social Networks, das nach einer temporären Marktführerschaft in Deutschland einen recht einzigartigen Niedergang erlebte: Binnen drei Jahren verlor die Site 98 Prozent ihrer täglichen Besucher.

Statt hunderten Mitarbeitern sind nun noch genau ein Dutzend Personen für das Unternehmen tätig, welches laut Bild-Artikel wieder wie ein Startup geführt wird. Die Zügel in der Hand hat ein gewisser Joseph Nejman, laut LinkedIn-Profil ein Entrepreneur und "Digital Media Grinder" . Gemäß der Zeitung mit den großen Buchstaben kommt er aus San Francisco und wohnt in Berlin in wechselnden Airbnb-Apartments. Nejmans Aufgabe laut Zeitung: Er soll die verbliebenen 1,2 Millionen Nutzer auf den Plattformen StudiVZ, MeinVZ, SchuelerVZ halten. Und das, obwohl sie nicht mehr weiterentwickelt sondern nur noch von einem externen Dienstleister "verwaltet" werden. Das zwölfköpfige Team befasst sich stattdessen mit der Lancierung neuer Apps, welche die Plattform hinter den sozialen Netzwerken öffnen sollen. Den Anfang macht Bildervz.net, eine Art Pinterest-Verschnitt, bei dem man sich mit VZ- oder Facebook-Logindaten anmelden kann.

Doch wozu das seit Ewigkeiten im Sterben liegende Social Network nochmals lebensverlängernde Maßnahmen erhalten, bleibt völlig unklar. Eine Möglichkeit wäre, dass Neubesitzer Levin der Ansicht ist, dass man die noch 1,2 Millionen Besucher der drei Sites nicht einfach so wegwerfen könne. Also versucht er, sie schrittweise auf neue Projekte zu leiten. Bildervz soll nicht die einzige Neuentwicklung bleiben, heißt es.

Eine andere - meines Erachtens nach gar nicht so unrealistische - Theorie wäre, dass Levin von der bisherigen VZ-Besitzerin Holtzbrinck den Auftrag mit auf den Weg bekommen hat, das endgültige Ende des Angebots noch möglichst weit hinauszuzögern und mit einfallslosen Nebenprojekten den Eindruck von neuem Optimismus zu wecken.

Für Holtzbrinck ist das konsequente Herunterwirtschaften von VZ und die langjährige Ignoranz der globalen Marktsituation (alias Facebook) nach der für damalige Verhältnisse teuren Übernahme peinlich genug. Anstatt selbst den Stecker ziehen und damit offiziell eine Niederlage eingestehen zu müssen, suchten sich die Stuttgarter lieber jemanden, der für eine unbekannte Summe bereit ist, VZ noch ein wenig künstlich zu beatmen. Wenn dann irgendwann 2013 oder 2014 für immer das Licht ausgeht, dann wird in der kollektiven Erinnerung zumindest ein Stück weit verblasst sein, wer die hundertprozentige Verantwortung für das Scheitern trägt. Nicht Levin - der vorsichtshalber gar nicht mit dem Kauf von VZ in Verbindung gebracht werden möchte - sondern Holtzbrinck.

Nachtrag 22:00 Uhr: Etwas im Widerspruch zu den Angaben im Bild-Artikel hat schülerVZ bekannt gegeben, zum 30. April die Tore zu schließen. Das ist auch deshalb überraschend, weil schülerVZ von den drei Netzwerken bisher als das einzige mit noch einigermaßen nennenswerter Nutzeraktivität galt.

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