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07.12.09

put.io: Wie die Medienbranche Raubkopien monetarisieren könnte

put.io aus der Türkei ist ein neuer Dienst, der die Herzen von Power-Leechern mit Affinität für Filme und Alben höher schlagen lassen dürfte - und der die Fantasie darüber anregt, wie Inhalteanbieter illegale Downloads monetarisieren könnten.

put.io

Seit dem Aufkommen des Internets kämpft die Inhalteindustrie gegen digitale Raubkopien - wie wir alle wissen, vergeblich. Klagen, Abmahnungen und Drohgebärden haben es nicht geschafft, User im großen Stil vom Herunterladen urheberrechtlich geschützten Materials abzuhalten. Und mit jedem P2P-Dienst oder Torrent-Tracker, der sich den Aufforderungen der Medienfirmen zur Schließung beugt, kommen zwei neue.

Was würde passieren, wenn Musik- und Filmkonzerne ihre Einstellung zur Content-Piraterie komplett verändern würden? Wenn sie einsähen, dass der Kampf gegen Raubkopien einem Kampf gegen Windmühlen gleicht, der nicht zu gewinnen ist. Was wäre, wenn daraus die Erkenntnis wüchse, dass es für das Geschäft besser ist, Piraterie indirekt zu monetarisieren, anstatt weiter ergebnislos gegen sie anzukämpfen?

All diese Fragen drängten sich mir auf, nachdem ich mich am Wochenende ausführlich mit einem neuen Cloud-Anbieter namens put.io auseinandergesetzt habe. Dank TechCrunch Europe konnte ich am Freitag einen Invite für die geschlossene Beta-Phase des türkischen Dienstes erlangen, der es Usern erlaubt, Inhalte aus dem Netz in den put.io Webspace zu laden, und von dort auf die eigene Festplatte.

Unter anderem ermöglicht put.io den Download von Torrents und agiert dabei eigenständig als Client, der einen beliebigen Torrent im Hintergrund herunterlädt und zum http-Download oder -Streaming bereitstellt. Auch lassen sich Dateien vom in Filesharer- und Downloader-Kreisen beliebten One-Click-Hoster  Rapidshare downloaden (laut Alexa weltweit auf Rang 23 der besucherstärksten Seiten). Selbst mehrere Archive lädt put.io problemlos parallel herunter (eigentlich ein Privileg für zahlende Rapidshare-Anwender), entpackt sie automatisch und stellt die fertige Datei zum Download, Streaming sowie iPhone-Abruf bereit.

Wer halbwegs mit dem Web vertraut ist, dem wird angesichts dieser Beschreibung einleuchten, dass put.io sich nicht (nur) auf eine Zielgruppe fokussiert, die sich Urlaubsvideos in HD herunterlädt. put.io dürfte sich zu einem Tummelplatz für Freunde des unkomplizierten Herunterladens von urheberrechtlich geschütztem Material entwickeln - zumal man seine aus dem Netz gesaugten Schätze auch gleich mit anderen Nutzern teilen kann.

put.io Oberfläche

Auch wenn die Zukunft des Dienstes aufgrund des beschrieben "Konfliktpotenzials" mit den Contentanbietern mehr als ungewiss erscheint, regt die Idee hinter put.io zum Nachdenken an. Das Startup will seinen Service nach dem Ende der Testphase ausschließlich als Bezahldienst anbieten. Statt auf ein Freemium-Modell zu setzen, hoffen die put.io-Macher, dass der vorhandene Mehrwert bestehende Beta-Tester sowie Neunutzer direkt zum Griff in das Portemonnaie animiert. Wenn ich mir Funktionen und Benutzerfreundlichkeit ansehe, könnte diese Rechnung aufgehen.

Diese Erkenntnis führte mir vor Augen, wie die Industrie mit einer veränderten Haltung Raubkopien monetarisieren könnte: Indem sie das macht, was put.io tut; indem sie gegen eine monatliche Gebühr eine Plattform bereitstellt, über die sich Torrents und Rapidshare-Dateien auf beschriebene Art und Weise herunterladen lassen.

Was auch mir im ersten Moment völlig absurd erschien, wäre aus vielerlei Hinsicht ein äußerst interessantes Experiment. Denn auch wenn put.io das Herunterladen vereinfacht, so bedarf es dennoch gewisser Grundkenntnisse über Torrents, gesplittete .rar-Archive etc. Es bestünde also keine Gefahr, dass ein von der Contentbranche unterstützter Service à la put.io im großen Stil technisch unbeschlagene Nutzer zu Power-Leechern machen würde.

Gleichzeitig jedoch könnte man von einer großen Zahl an Torrent- und Rapidshare-Freunden eine monatliche Gebühr kassieren und damit illegale Downloads monetarisieren. Voraussetzung wäre natürlich, dass man Usern glaubhaft versichern kann, ihnen nicht im Nachhinein doch eine Klage aufzubrummen. Die Einnahmen ließen sich anschließend entweder pauschal an nationale Verwertungsorganisationen ausschütten oder nach Anzahl der Downloads direkt an die Urheber.

Für knappe Güter oder Dienstleistungen zahlen lassen - was in Zeiten der Digitalisierung für legitime Geschäftsfelder gilt, kann ebenso in den Grauzonen des Internets funktionieren: Mit einem in Komfort, Funktionsumfang und Benutzerfreundlichkeit den zum nicht autorisierten Download von urheberrechtlich geschütztem Material bisher eingesetzten Tools weit überlegenen Service ließe sich ein potenziell signifikanter Anteil an Usern aus der Illegalität herausholen und zu zahlenden Kunden machen - die nicht für die Inhalte bezahlen, sondern für eine Dienstleistung rund um den Bezug selbiger.

Ob es jemals so weit kommen wird? Wahrscheinlich nicht. Neben der Notwendigkeit eines kompleten Sinneswandels auf Seiten der Wirtschaft dürfte auch das Problem des fehlenden Vertrauens der Nutzer in die Ernsthaftigkeit einer solchen Idee einem derartigen Projekte im Wege stehen. Oder was meint ihr?

Wir haben zehn Invites für put.io. Hier geht's lang.

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