<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

12.05.09

Programmier-Schnittstellen: Facebook und Twitter sind gekommen, um zu bleiben

Haben Twitter und Facebook ihren Höhepunkt überschritten? Nein. Sie fangen gerade erst an. Einmal etabliert und in Verbindung mit funktionierenden Programmierschnittstellen können nur noch schwerwiegende eigene Fehler zu Hindernissen werden.

Vor einigen Wochen hat Andreas Göldi hier auf netzwertig.com gefragt, ob Twitter und Facebook ihren Zenit erreicht haben. Gibt es für beide Dienste nur noch eine Richtung - nach unten? Nein, ganz im Gegenteil.

Es gibt drei Gründe, warum Facebook, Twitter und co. mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr verschwinden und stattdessen noch weiter wachsen werden:

     

  1. Die Nutzung ist für viele User zu einem Bestandteil ihres Alltags geworden. Die Angebote sind für viele so wenig wegdenkbar wie Mobiltelefone.
  2. Das Follower-Prinzip sorgt für eine Skalierbarkeit der Community, weil die Größe des Angebots keinen oder zumindest keinen direkten Einfluss auf die Wahrnehmung des Dienstes durch den einzelnen Nutzer hat.
  3. Am wichtigsten aber sind die Programmierschnittstellen (APIs), welche sicherstellen, dass die Dienste auf verschiedenste Arten vom Nutzer angesprochen und genutzt werden können und die künftige Bedeutung sicherstellen.

Im Detail:

 

1. Nutzung: Alltag

Es gibt wesentliche Unterschiede zwischen heutigen Angeboten wie Facebook und einstigen Hypes a la GeoCities.

Während eine Homepage bei Geocities seinerzeit ganz lustig war, hatte es neben dem Neuigkeitsfaktor kaum praktische Vorteile. Social Media, wozu man Facebook und Twitter zählen kann, sind Kommunikationsformen. Sie sind natürlich auch noch weit mehr als das. Aber sie eigenen sich vor allem für den täglichen Kommunikations-Gebrauch.

Facebook und auch Twitter sind dabei so sehr im Alltag ihrer Nutzer angekommen, dass man durchaus von einer Abhängigkeit ihrer User sprechen kann (eben so, wie man auch vom Telefonnetz abhängig geworden ist). In Ländern wie den USA, in denen Facebook, in eine weitreichende Durchdringung der Bevölkerung erreicht hat, ist das über 200 Millionen aktive Nutzer starke Netzwerk so wichtig wie das Telefon. Vielleicht für nicht wenige User sogar wichtiger. Das ist vom Lock-in-Effekt und der Stickyness mit lustig blinkenden Homepages mit angeschlossenen Gästebüchern nicht zu vergleichen.

MySpace, das lange Zeit auf die blinkende Selbstdarstellung statt dem Ausbau ernsthafter Kommunikationsmöglichkeiten gesetzt hatte, merkt jetzt, dass genau das langfristig das falsche Pferd war. So viele Musiker wie möglich zum eigenen Profil zu adden, wird irgendwann langweilig, die Kommunikation mit Freunden und Bekannten nicht.

Twitter ist ganz ähnlich. Es ist zu einem täglich genutzten Werkzeug für Kommunikation geworden. Im Gegensatz zu Facebook ist Twitter ein Publishing-Werkzeug. Aufgrund seiner Einfachheit lässt es sich leicht in den Alltag selbst vielbeschäftigter Menschen integrieren. Besser als etwa ausgewachsene Blogs.

Allein die Tatsache, dass die Twitter-Nutzer seit dem ersten Quartal 2007 mit regelmäßigen Ausfällen des Dienstes leben und eben nicht zu konkurrierenden Diensten in Scharen gewechselt haben, dürfte Beweis genug sein für den Lock-In-Effekt des dortigen Social Graphs.

 

2. Follower-Prinzip oder: Skalieren von Communities leicht gemacht

Das Follower-Prinzip ist wichtig:

Das Erlebnis ‘Twitter’ hängt massgeblich davon ab, wem man folgt. Das ist zunächst eine ziemlich banale Erkenntnis. Aber die Implikationen sollte jeder durchdenken, der einen Webdienst plant oder die aktuellen Entwicklungen des Webs verstehen will.

Denn das Follower-Prinzip ist ein recht junges, aber sehr mächtiges Prinzip, dass sich quer durch die neuen Webdienste zieht.

Ohne dass der Anbieter zusätzliche Optionen anbieten muss, kann jeder Nutzer sich das Twitter schaffen, dass er oder sie möchte.

Das Follower-Prinzip stellt eher nebenbei sicher, dass es für den einzelnen Nutzer nicht wichtig ist, ob die Site von 2.000 Menschen benutzt wird, oder von 200 Millionen.

Wobei selbst das sogar zu kurz gegriffen ist. Denn auf einer Site mit 200 Millionen aktiven Nutzern wird man mit höherer Wahrscheinlichkeit die eigenen Freunde anfinden. Da man aber selbst entscheidet, wen man zu seinem Erlebnis auf der Site hinzufügt, fallen die meisten negativen Erscheinungen, die bei großen Sites zwangsläufig entstehen, weg.

Ergo: Dank der Follower-Architektur bleiben die positiven Effekte großer Netzwerke erhalten (man findet jeden), die schlechten (man ist genervt von der Verschiebung der Community weg von der eigenen Peergroup) bleiben einem aber erspart.

Solang ich nicht aktiv neue Freunde und Bekannte auf Facebook, Twitter und co. hinzufüge, bekomme ich kaum etwas davon mit, wie groß oder klein diese Sites sind.

Andreas Göldi schreibt :

Schliesslich ist niemand an allen 175 Millionen Usern interessiert, sondern nur an den gut 120 Leuten, mit denen der durchschnittliche User online “befreundet” ist.

Das stimmt. Aber die entscheidende Frage lautet, ob die 120 geaddeten Freunde einen geringeren Wert haben, sobald 200 statt 100 Millionen angemeldete Nutzer auf Dienst XY ihr Unwesen treiben? Antwort: Solang der Dienst auf dem Follower-Prinzip basiert, bleibt der Wert der persönlichen Verbindungen mehr oder weniger unangetastet und unabhängig von der Größe der Gesamt-Community.

Es ist somit mehr oder weniger für die bereits vorhandenen Nutzer eines Webdienstes irrelevant, ob dieser im Mainstream ankommt oder nicht. Jeder ist Schmied seiner eigenen Erfahrung mit den Webdiensten. Bei Twitter und co. mehr noch als bei Facebook, weil letzteres aufgrund seiner Architektur ein reziprokes Hinzufügen von Nutzern erfordert.

 

3. Programmierschnittstellen: Das Fundament

Die ersten zwei Punkte sind für den heutigen Erfolg der Webdienste wichtig. Der jetzt folgende Punkt, die Programmierschnittstellen (APIs), sind der Grund, warum Facebook, Twitter und co. gekommen sind, um zu bleiben.

Hat man erstmal ein in der jeweiligen Nische etabliertes Angebot, wird auch die damit angebotene API interessant und zieht ein entsprechendes Ökosystem an.

Für Twitter bedeutet das zum Beispiel, dass man weniger Website, weniger Destination ist, als vielmehr Infrastrukturanbieter.

Bei diesem interessiert wiederrum nicht, wie die Site selbst aussieht. Es interessiert, ob die eigenen Freunde, Bekannten und andere Personen, an denen man interessiert ist, auf der Site registriert und mit einem verbunden sind. Der sogenannte Social Graph. It's the data, stupid.

Der zweite wichtige Aspekt neben den Daten ist die Zugänglichkeit. Sowohl Twitter als auch Facebook machen die auf ihnen verfügbaren Daten zugänglicher als die meisten anderen Webdienste.

Ist das alles zu kompliziert ? Nein. Die Komplexität des User-Interface hängt nicht davon ab, ob der Webdienst eine API einsetzt oder nicht. Sie hängt davon ab, wie kompetent die Webdesigner und Informationsarchitekten die dahinter liegende komplexe Architektur in eine verständliche Oberfläche übersetzen können.

APIs machen aus Websites Universen. Angebotsbündel zur Nutzung der auf ihnen hinterlegten Verbindungen. Deshalb ist Facebook so versessen darauf, dass sich Leute mit bürgerlichem Namen und nicht mit Pseudonymen anmelden und dass man auf Facebook nur Leute hinzufügt, die man auch tatsächlich kennt (Und egal wie erfolgreich man mit diesen Massnahmen letztlich ist: Es gibt kein Netzwerk aktuell, das mehr reale Verbindungen beinhaltet). Facebook weiß, dass die größte Social-Graph-Ansammlung der Welt gleichzeitig der mit Abstand größte Aktivposten von Facebook ist.

APIs machen die Webdienste zukunftssicher, denn sie ermöglichen, dass die Nutzung des Social Graphs an jede künftige Nutzung angepasst werden kann; notfalls eben von Drittanbietern.

Nebenbei bieten APIs damit auch eine Markteintrittsbarriere fiesester Natur: Niemand wird sich mehr die Mühe machen (können), einen eigenen Dienst mit eigenen Social-Graph-Daten aufzubauen, wenn Facebook erstmal in jedem Land der Welt das dominierende Social Network ist. Der einzig wirtschaftlich sinnvolle Weg ist dann, auf Facebook aufzusetzen. Man ist als Anbieter gezwungen, Facebook zu nutzen. Die Implikationen für das Web sind weitreichend und nicht unbedingt wünschenswert:

Facebook ist auf dem Weg zum Google der Social Networks zu werden. In ein, zwei Jahren könnte jeder, der täglich im Web ist und mit Freunden interagieren will, nicht mehr an einem Facebook-Account vorbeikommen. Weil die Mehrzahl der zwischenmenschlichen Online-Interaktionen dann über den auf Facebook hinterlegten Social Graph laufen werden.

Das Einzige, das mit ziemlicher Sicherheit auch in Zukunft nicht 'uncool' werden wird, sind Freundschaften. Alles andere regeln APIs.

Um noch einmal die Telefonmetapher zu gebrauchen: Die APIs machen aus Facebook und Twitter Netzbetreiber. Die 'coolen Endgeräte' können dann von den Betreibern selbst kommen oder von Drittanbietern (siehe hier etwa die Vielzahl an Twitter-Clients).

APIs sind und bleiben die Zukunft der Webdienste. Nebenbei zementieren sie die aktuell etablierten Webdienste mittel- bis langfristig.

Das muss man alles nicht gut finden. Im Gegenteil: Bei beiden Diensten, Facebook und Twitter, etablieren sich gerade zwei Unternehmen mit nahezu komplett proprietären Lösungen an einer Stelle, an der eigentlich offene Standards und Protokolle für die Weiterentwicklung des Web-Ökosystems bei weitem zu bevorzugen wären. Das ändert aber nichts an der aktuell beobachtbaren Entwicklung.

Und während all dies passiert, verstehen sich die deutschen Social Networks weiterhin mehr oder weniger als Portale mit sozialen Komponenten.

Go figure.

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer