<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

03.10.12

Pressearbeit von Startups: Wie Sperrfristen ihre Glaubwürdigkeit verlieren

Viele Startups und Internetfirmen setzen für eine koordinierte Medienberichterstattung auf Sperrfristen. Doch dieses für Redakteure eigentlich praktische PR-Instrument verliert sukzessive an Glaubwürdigkeit.

Zur gestrigen Neuigkeit aus dem Hause Rdio gab es eine Sperrfrist: Um vorab die Informationen zum neuen "Artist Program" des kalifornischen On-Demand-Dienstes zu erhalten, mussten wir zusagen, den Artikel nicht vor 9:30 Uhr am Dienstag zu publizieren. Derartige Embargos zum Ziele der zeitgesteuerten, konzentrierten Presseberichterstattung sind umstritten - und werden in manchen Fällen auch durch die technologische Entwicklung ausgehebelt.

Wir haben aber grundsätzlich nichts gegen Sperrfristen, sofern sie angemessen erscheinen. Immerhin erlauben sie es uns, genug Zeit in die Aufbereitung einer Story und Recherche rund um einen Sachverhalt zu investieren, anstatt in Eile einen Artikel zusammenschustern zu müssen. Soweit die Theorie. Leider häufen sich die Fälle, in denen Embargos sich im Nachhinein als hinfällig herausstellen. Entweder, weil sie bewusst von einem konfliktfreudigen Medienangebot gebrochen wurden, oder - und das ist das eigentliche Ärgernis - weil unterschiedliche Sites unterschiedliche Sperrfristen erhalten.

Auch die Rdio-Sperrfrist entpuppte sich als irrelevant. Denn bereits um Punkt 6:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit berichtete das New Yorker Blog evolver.fm mit Verweis auf die kommende Pressemitteilung über die Neuigkeit. Gleiches gilt für die Los Angeles Times und USA Today. Ganz offensichtlich wurde Medien von der US-Westküste 21:00 Uhr am 1. Oktober und solchen von der Ostküste Mitternacht am 2. Oktober als Sperrfrist kommuniziert - während deutsche Medien gemäß Instruktionen von Rdios hiesiger Presseagentur dreieinhalb Stunden länger warten sollten. Doch daran hielten sich nicht alle: Schon kurz nach 8:30 ging etwa bei Welt Online eine DPA-Meldung zu der Neuigkeit online.

Möglich, dass die DPA sich schlicht dazu entschloss, die Meldung vor dem Ende des Embargos zu publizieren, nachdem US-Medien bereits berichteten. Immerhin gilt unter Redakteuren jede Sperrfrist grundsätzlich als aufgehoben, nachdem irgendeine Website eine Geschichte vor Ablauf der Frist publiziert - weshalb auch wir um 8:53 Uhr den "Veröffentlichen"-Button betätigten.

Sicherlich könnte ich bei der DPA nachfragen. Aber im Prinzip geht es nicht darum, inwieweit man dort nun von Rdio eine andere Sperrfrist erhalten hat als andere deutsche Medien, oder darum, überhaupt Schuldige zu suchen. Entscheidend ist, dass es sich bei der gefloppten Sperrfrist nicht um einen Einzelfall sondern mittlerweile um eine Regel handelt. Sobald eine Story eine gewisse Signifikanz besitzt, können sich Redakteure im Jahr 2012 mit großer Gewissheit darauf einstellen, den Artikel schon vorzeitig publizieren zu können (oder zu müssen). Und jedes Mal, wenn der Eindruck entsteht, die Presseabteilung des jeweiligen Unternehmens nehme ihre eigene Sperrfrist nicht ernst oder kommuniziere gar verschiedene Zeitpunkte, schwindet das Vertrauen in dieses Instrument der Pressearbeit.

Grundsätzlich sehe ich im global vernetzten Echtzeitweb nur zwei Möglichkeiten, wie Startups und Internetfirmen die Bekanntgabe von nachrichtenrelevanten Ereignissen handhaben können: ohne Embargo oder mit einer einheitlichen, länderübergreifenden Sperrfrist. Wenn einzelne Sites bewusst Embargos brechen, dann ist dies deren eigene Entscheidung. Wenn führende Trafficmaschinen der Mainstreampresse einige Minuten Vorsprung erhalten, dann kann ich in Einzelfällen damit leben - in der Regel sind deren Berichte dann ohnehin oberflächlich und kurz. Wenn aber abhängig von Herkunftsland, Status oder anderen Merkmalen um mehrere Stunden differenziert wird, dann unterminiert dies die Glaubwürdigkeit der Sperrfrist und führt sie letztlich ad absurdum.

Denn was ist eine Sperrfrist wert, bei der die Redaktionen davon ausgehen müssen, sie nicht voll ernstnehmen zu können, und schon Stunden vorher im Minutentakt bei Google News nachschauen müssen, ob eine Nachricht bereits verbreitet wurde?!

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer