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28.03.13

Verhinderung von Urheberrechtsverstößen: Künstler ärgern sich über SoundCloud

SoundCloud geht verstärkt gegen Urheberrechtsverstöße vor. Dabei werden auch eigene, von Künstlern hochgeladene Produktionen gesperrt. In der Musikszene regt sich Widerstand.

Die Audioplattform SoundCloud ist nicht nur der Stolz der Berliner Startupszene, sondern auch ein Anbieter, der sich aufgrund seiner engen Verbindung zu DJs, Künstlern und kleinen Plattenfirmen in einer idealen Ausgangssituation dafür befindet, die Struktur der über Jahrzehnte festgefahrenen Musikindustrie nachhaltig zu verändern. Doch die Nähe zu den Kreativen, die in großer Zahl eigene Demos, Songs, Remixe und Mixe bei SoundCloud hochladen, kommt mit Verantwortung: Nur solange sie mit den gebotenen Leistungen der Berliner zufrieden sind, werden sie bereitwillig ihr Material auf die Plattform laden - und dafür im Gegensatz zu herkömmlichen Streamingservices à la Spotify, bei denen Interpreten entlohnt werden, sogar eine Gebühr bezahlen.

Wie sehr SoundCloud mittlerweile bei Musikern etabliert ist, beschreibt der Musikjournalist und Branchenkenner Peter Kirn in einem aktuellen Beitrag. Die Frage "Hast du SoundCloud?" sei mittlerweile in der Szene ähnlich verbreitet wie einstmals "Hast du MySpace". "Soundcloud definiert praktisch eine eigene Kategorie", so Kirn, der in dem Artikel die jüngsten Preissenkungen der an Künstler und Labels gerichteten Premium-Accounts unter die Lupe nimmt und gleichzeitig den schwierigen Balancegang des reifenden Startups beschreibt, User zu Audiouploads zu animieren, ohne dabei aber Urheberrechte mit Füßen zu treten. Doch die Maßnahmen, die ergriffen werden, um ausufernde juristische Streiteren zu vermeiden, sorgen vermehrt für Verstimmung bei den Musikern selbst. Sie werden immer häufiger mit unrechtmäßigen Sperrungen ihrer Produktionen konfrontiert. Ähnlich wie YouTube verwendet SoundCloud ein automatisches Content ID-System, welches bei Uploads prüft, ob existierende Urheberrechte verletzt werden. Während für regelmäßige Konsumenten der SoundCloud-Streams durchaus der Eindruck entstehen kann, die Berliner hätten eine relativ entspannte Haltung zu Copyright-Fragen - immerhin lassen sich allerlei von Privatnutzern hochgeladene, eindeutig urheberrechtlich geschützte Musikstücke dort finden und anhöhren - zeigen sich Interpreten irritiert davon, dass ihre eigenen Produktionen aufgrund angeblicher Urheberrechtsverstöße von SoundCloud gesperrt werden, und dass der darauffolgende Reaktivierungsprozess nicht reibungslos läuft.

Oliver Schories

Kurz nachdem ich in Peter Kirns Beitrag erstmals von diesem Problem las, erschien in meinem Facebook-Newsfeed der Post eines Künstlers, der den Schluss nahelegt, dass es sich hierbei nicht um Einzelfälle handelt: Der deutsche Technoproduzent Oliver Schories veröffentlichte den Screenshot einer SoundCloud-Nachricht, die ihn darüber informierte, dass einer seiner Remixe gesperrt wurde. "Soundcloud, I want my money back", so seine eindeutig von Frustration gezeichnete Anmerkung. Ein Blick in die Kommentare unter Schories' Post offenbart eine verbreitete Irritation über die Berliner Plattform. Aussagen wie "They are really annoying lately", "Soundcloud is more than tragic", "Yeah they're such a fuck up" oder "Die haben die beste Zeit auch hinter sich" lassen vermuten, dass mehr als einige vereinzelte Pro-Nutzer eine kritische Haltung gegenüber dem Dienst eingenommen haben. Ein User berichtet, dass die Freischaltung eines unrechtmäßig blockierten Titels zwei Wochen dauerte. Schories selbst ergänzt in einem Kommentar, dass der jetzt plötzlich gesperrte Titel zwei Jahre lang problemlos bei SoundCloud lagerte. Sucht man bei Twitter nach "soundcloud dispute", zeigt sich ein ähnliches Bild: Tweets von Künstlern, deren Werke - ihrer Ansicht nach fälschlicherweise - gesperrt wurden.

how does Soundcloud's "automatic copyright protection system" even work?? and i had to submit contact info etc just to dispute a mistake.

— Lyndsey Long (@lynsah) March 27, 2013

 

Hey @soundcloud, your "automatic content protection system" is garbage. Forcing me to manually dispute on behalf of my own copyright? BS.

— Andrew Boscardin (@abosco) March 26, 2013

 

What is it with Soundcloud taking down your music because of a copyright dispute when the track in question has no samples in it ?

— Attaque (@attaquemusic) March 26, 2013

 

.@soundcloud how come if someone files a copyright notice against me they can see my contact info when i dispute it but i can't see theirs

— J. Cameron (@warmandpunchy) March 26, 2013

 

In a dispute with @soundcloud to upload new bashups... They are acting really messed up!! Copyright infringement of my own tracks :x

— First State (@FirstStateMusic) March 24, 2013

 

Der Vielzahl der Beschwerden und der allgemeine Tenor, es sei eine Entwicklung der jüngere SoundCloud-Geschichte, legen die Vermutung nahe, dass der Dienst die Toleranzgrenze seines Content-ID-Systems für mögliche Urheberrechtsverstöße gesenkt hat. Mittlerweile scheint man eher unberechtigte Sperrungen in Kauf zu nehmen, anstatt versehentlich Copyright-Verstöße durchrutschen zu lassen. Etwa wie ein scharf eingestelltes Anti-Spam-Kommentarsystem bei Blogs, das den einen oder anderen legitimen Leserbeitrag als Spam einstuft. Das allerdings hat vergleichsweise harmlose Konsequenzen. Für SoundCloud dagegen steht viel auf dem Spiel: Treue Anhänger, wie ich selbst einer bin, schätzen bei dem Dienst vor allem das breite Angebot an hervorragender Musik. Ziehen sich jedoch nach und nach Interpreten aufgrund anhaltender Unzufriedenheit zurück, verliert der Service auch für Hörer an Attraktivität. Zwar versuchen die Hauptstädter schon länger, den Fokus von Musik auf Audio zu verlagern. Doch letztlich gibt es neben Musik nur wenige Arten von Audioinhalten, die bei einer breiten Masse an Anwendern eine ähnliche Loyalität zu der Plattform schaffen können.

SoundCloud wird sich über die Problematik natürlich im Klaren sein. Auch kann man davon ausgehen, dass die Vielzahl ungerechtfertiger Sperrungen nicht durchgeführt werden, um Interpreten zu ärgern. Mit Ambitionen, zum "YouTube für Audio" zu werden, und 180 Millionen Menschen, die jeden Monat irgendwo im Web mit SoundCloud-Content interagieren, kann sich das nicht mehr ganz so junge Startup eine zu laxe Haltung im Umgang mit Urheberrechtsfragen schlicht nicht mehr leisten. Zu viel steht auf dem Spiel, wenn juristische Auseinandersetzungen und Anwaltskosten den Fokus von der Produktentwicklung und den Monetarisierungsbestrebungen ablenken.

Der Grad, den SoundCloud gehen muss, könnt schmaler kaum sein. Doch dem Dienst bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu meistern, will er nicht zwischen verärgerten, ihre Mitgliedschaft aufkündigenden Pro-Usern und Klagen der Urheberrechtslobby zerrieben werden. Zum Glück für SoundCloud mangelt es derzeit an ernstzunehmenden Alternativen mit ähnlicher Bedeutung und Reichweite. Doch je mehr Künstler sich von dem Service abwenden wollen, desto großer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese Lücke zu schließen versucht.

Wir haben bei SoundCloud heute früh um eine Stellungnahme gebeten, bisher aber noch keine Antwort erhalten. /mw

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