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04.07.14

Power-User zahlen bei O2 künftig mehr: Wer Netzneutralität will, muss zu Opfern bereit sein

O2 führt für Neukunden von DSL-Flatrates eine Geschwindigkeits-Drosselung ein, sollten sie überdurchschnittlich viel Datenverkehr verursachen. Das gewählte Modell macht einen fairen Eindruck. Für die Beibehaltung der Netzneutralität sind solche Vorstöße wichtig.

O2Für Internetnutzer ist es kein schöner Gedanke, aber ich glaube, dass wir alle ein Opfer bringen müssen, um die Netzneutralität zu retten. Wie dieses Opfer aussehen könnte, hatte ich im Mai schon einmal angerissen: User sollten Bereitschaft zeigen, mehr für die überdurchschnittliche Inanspruchnahme unbeschränkter Breitband-Flatrates zu zahlen. Auf diese Weise würden sie Verantwortung dafür übernehmen, dass das von ihnen verursachte Datenvolumen aufgrund der Zunahme von gestreamtem Multimedia Content für die Provider steigende Kosten bedeutet. Kosten, die einige Netzbetreiber durch Weiterleitungsgebühren bei Diensteanbietern wie Netflix, YouTube oder Facebook refinanzieren möchten. Aufgrund von bedenklichen Nebenwirkungen derartiger "Internet-Überholspuren" ist es spätestens mittel- bis langfristig im Interesse aller Digitalbürger, dass Telekommunikationskonzernen die Argumentationsgrundlage für derartige Vorstöße - nämlich dass bei Internetzugängen keine Preissteigerungen durchsetzbar seien - genommen wird. Leider reagieren viele Nutzer reflexartig allergisch, wenn sie das Wort "Drosselung" hören. Damit bestätigen sie die Zugangsprovider in ihrem Bestreben, die Netzneutralität für immer abzuschaffen und sich auf diese Weise eine alternative Erlösquelle zu erschließen. Mobiflip-Autor René Hesse gibt sich in einem Beitrag wütend über die Einführung einer Drosselung bei O2-Internetflatrates. Er stört sich auch daran, dass die Einschränkung von dem Telekommunikationsunternehmen als "Fair-Use-Vorteil" verkauft wird. Anders als Hesse und viele der Kommentatoren seines Artikels halte ich die von O2 präsentierte Lösung aber tatsächlich für durchaus wegweisend und ziemlich fair:

Die Drosselungs-Regelung, die ab dem 1. Oktober für neue DSL-Flatratekunden gilt sowie für solche, die die 2013 vorgestellte Klausel in ihrem Vertrag haben, tritt nur ein, wenn Anwender drei aufeinander folgende Monate mehr als 300 Gigabyte pro Monat verbraucht haben. Daraufhin aktivert O2 einen Monat lang eine Drosselung auf eine reduzierte Geschwindigkeit von 2 MBit/s (sonst bieten die Pakete Downloadgeschwindigkeiten zwischen 8 und 50 Mbit/s). Sollte auch in diesem Monat wieder das Limit erreicht werden, verlängert sich die Drosselung um einen weiteren Monat. Und so weiter. Wer möchte, kann das Highspeed-Volumen für 4,99 Euro pro Monat um 100 Gigabyte und für 14,99 Euro pro Monat ohne Begrenzung erweitern. Dieses Zusatzabo lässt sich auf Monatsbasis kündigen.

Im Klartext heißt das erst einmal, dass der Preis für die Maximalleistung einer ungedrosselten DSL-Flatrate um 15 Euro pro Monat angehoben wird. Dass darüber nicht alle Kunden glücklich sein werden, liegt auf der Hand. Doch zu bedenken ist, dass - wie von O2 auch beteuert - nur einer sehr geringer Teil der Nutzer überhaupt das Traffic-Dach erreicht. In seinem Artikel kritisiert René Hesse zwar mit Recht, dass der von O2 ins Feld gezogene Wert aus dem Jahr 2012 zum durchschnittlichen von Internetnutzern generierten Traffic pro Monat in Höhe von 21 Gigabyte nicht mehr aktuell ist. Dennoch muss man sich auch 2014 ziemlich anstrengen, um selbst als regelmäßiger User die 300 Gigabyte zu überschreiten. Bei einer Stunde Ultra-HD-Streaming über Netflix - aktuell das höchste der Gefühle - fallen knapp fünf Gigabyte Datenverkehr an. Abgesehen vom Streaming in der noch datenintensiveren - und bislang von wenigen Geräten unterstützten - 4k-Auflösung kommen mittlerweile so gut wie keine gängigen Online-Aktivitäten an diesen Verbrauch heran. Und sollte dies wider Erwarten doch einmal passieren, bleiben Kunden zwei weitere Monate, in denen sich dies wiederholen müsste, bevor die Drosselung greift.

Die Änderung tangiert in der Realität folglich ausschließlich Power-User, die über ihren Internetanschluss etwa einen Heimserver betreiben oder rund um die Uhr Filesharing-Dienste nutzen und dabei massiv Daten hoch- und runterladen. Dass O2 diesen Neukunden im Vergleich zur Vergangenheit eine Zusatzgebühr für die Buchung von Extravolumen aufbrummt, erscheint gerade in Anbetracht der Tatsache, dass die verbrauchte Datenmenge seit Jahren kontinuierlich ansteigt, durchaus vertretbar.

Ich halte das O2-Modell ausgehend von den jetzt vorliegenden Informationen für absolut gerechtfertigt. Die meisten Kunden müssen sich überhaupt keine Gedanken machen. Die Drei-Monats-Regelung sorgt dafür, dass auch temporäre Ausnahmesituationen wie etwa ein einmaliges komplettes Festplatten-Backup zu einem Clouddienst nicht negativ geahndet werden. Das gedrosselte Tempo auf 2 Mbit/s genügt für nahzu alle üblichen Aktivitäten im Netz, inklusive YouTube- und Musikstreaming. Und nach einem Monat Drosselung dürften die meisten der erwartungsgemäß wenigen Betroffenen wieder mit voller Geschwindigkeit surfen. Denn mit einem 2 Mbit/s-Anschluss 300 Gigabyte Traffic pro Monat zu produzieren, ist schwierig.

Und das Wichtigste: Mit der Einführung der Drosselung entfällt für O2 künftig jede theoretische Rechtfertigung für Pläne eines Zwei-Klassen-Internets. Denn für jedes Gigabyte, das zusätzlich von den führenden Internetdiensten durch die Leitungen geschickt wird, findet auf Empfängerseite eine angemessene Vergütung der Provider-Leistung statt.

Wichtig ist allerdings, dass O2 den zugelassenen Maximalverbrauch in regelmäßigen Abständen erhöht, um damit Synergieeffekten und sinkende Traffickosten durch Kapazitätserweiterungen und den technologischen Fortschritt an Kunden weiterzugeben. Klar ist: Im Jahr 2018 werden 300 Gigabyte pro Monat für ziemlich viele Zugangskunden nicht mehr ausreichen. Wünschenswert wäre eine jährliche Erhöhung um 100 Gigabyte.

Natürlich kann man die Beibehaltung der Netzneutralität fordern und sich gleichzeitig gegen jede Art der Kostensteigerungen für Intensivnutzer von Internetzugängen aussprechen. Damit jedoch wird man die Provider, deren Services im Prinzip seit zwei Dekaden von Jahr zu Jahr günstiger wurden, nicht dabei stoppen können, die Netzneutralität zu unterlaufen. Eine Bereitschaft der Endkunden, mehr zu zahlen, wenn sie mehr Leistung erhalten, kann dagegen die Erforderlichkeit von alternativen Umsatzsäulen für Telekomkonzerne verringern und ihre Position in den netzpolitischen Verhandlungen zur Netzneutralität schwächen.

Deshalb sollte man sich gut überlegen, wie man angemessenen Preisveränderungen bei Internetzugangsprodukten gegenübertritt. Wer die Provider durch Kündigungen und Prinzipienproteste kategorisch dazu zwingt, nicht an der Preis- und Leistungsschraube zu drehen, der darf sich nicht wundern, wenn sie sich über "Mautstellen" das Geld von Onlinefirmen holen. Am Ende zahlen auch dafür die User. /mw

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