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25.06.12

Politik in Sorge über Offliner: Ermunterung statt Regulierung

Die Politik sorgt sich darum, dass digitale Außenseiter zunehmend vom öffentlichen Leben abgekoppelt werden. Die richtige Reaktion wäre ein Kraftakt, um alle Bundesbürger ins Netz zu bringen.

17 Prozent der Deutschen zwischen 16 und 74 Jahren hatten im Jahr 2010 noch nie das Internet genutzt. Gemäß der von der Initiative D21 durchgeführten Studie zur digitalen Gesellschaft gehören 26 Prozent der Bundesbürger zur Gruppe der "digitalen Außenseiter" - dabei handelt es sich vorrangig um ältere Menschen (Durchschnittsalter 62,5 Jahre) und überdurchschnittlich viele Frauen (59 Prozent). Wie einem aktuellen Artikel des Tagesspiegel zu entnehmen ist, befinden sich sowohl die Bundesregierung als auch die EU-Kommission in Sorge darum, dass Personen ohne Internetzugang und -kompetenz in Deutschland und Europa zunehmend vom öffentlichen Leben abgekoppelt werden.Dass sich die Politik mit der Frage beschäftigt, wie die fortschreitende Digitalisierung und die damit verbundene Verlagerung von Verwaltungsprozessen, Konsum und gesellschaftlicher Teilhabe ins Netz sich auf diejenigen auswirkt, die bisher keine oder sehr wenig Erfahrung mit dem Web machen konnten, ist angemessen. Doch leider entsteht beim Lesen des Textes der Eindruck, als läge die erforderliche Reaktion nicht darin, über einen gemeinsamen Kraftakt auch die digitalen Außenseiter online zu bringen, sondern als müssten regulierende Maßnahmen ergriffen werden, um Firmen und Behörden zur dauerhaften Bereitstellung von analogen Interaktionswegen zu zwingen - so lange, wie zwischen Nordsee und Alpen noch vereinzelte Offliner zu finden sind.

„Egal ob Reisebuchungen, Bankgeschäfte oder Servicestellen – ich sehe es mit Sorge, dass immer mehr Dienstleistungen nur noch online verfügbar sind. Das Bestreben der Wirtschaft, Personalkosten zu sparen, darf nicht dazu führen, dass Menschen ohne Internetanschluss einfach abgekoppelt werden", zitiert das Blatt Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) und spickt diese Aussage mit einer Reihe von Schilderungen über Vorteile der Onlinenutzer gegenüber Offlinern, etwa beim Buchen von Reisen, bei weiterführenden Nachrichteninhalten der TV-Sender oder beim Beantragen des Personalausweises.

Internetnutzer profitieren von Flexibilität, Transparenz und Ersparnissen

All das stimmt natürlich: Oft sind Produkte und Dienstleistungen bei einer Bestellung über das Web günstiger oder überhaupt nur dort erhältlich. Auch für die Menge an platzierbaren Angeboten und Informationen besteht online quasi keine Grenze. Öffnungszeiten existieren nicht, und Suchmaschinen und Vergleichsportale sorgen für zusätzliche Transparenz. Wer sich im Web zu Hause fühlt, ist somit zweifelsohne in der Lage, kostengünstiger einzukaufen, bequemer Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen und einfacher mit Firmen und Behörden zu kommunizieren.

Doch was nicht vergessen werden sollte: Diese Entwicklung stellt eine Verbesserung vom bisherigen Zustand der analogen Welt dar. Flugtickets sind unter anderem erst deshalb so stark im Preis gesunken, weil sie sich im Internet mit deutlich geringeren Kosten vertreiben lassen und weil Passagiere ihre Bordkarte selbst ausdrucken können. Die Tagesschau war auch in den 70er- und 80er-Jahren nicht länger als heute. Dass die Redaktion von Rundfunktangeboten heute in der Lage ist, über ihre bisherigen Programme hinaus Inhalte online anzubieten, hat nicht dazu geführt, dass der Informationsgehalt der Fernsehsendungen von Tagesschau oder ZDF Heute gesunken ist. Und auch dass Menschen heute ihre Lebenspartner online finde, wie im Artikel als weiterer Beleg für die Benachteiligung von netzfremden Personen angeführt, bedeutet nicht, dass damit die Offline-Partnersuche verschwindet.

Das Netz schafft mehr Optionen, als es vernichtet

Der erwähnte Text suggeriert, dass die Digitalisierung für eine deutliche Verschlechterung der nicht über das Netz hantierbaren Servicekultur führt - und betrachtet das Glas damit als halbleer. Während dies in einigen Segmenten stimmen könnte beziehungsweise in den nächsten Jahren stärker zutreffen wird (Stichwort Telemedizin statt stationärer Arztpraxen), sehe ich die entscheidenden Veränderungen nicht auf Seiten der Internet-Verweigerer, denen es heute schlechter geht als früher, sondern auf Seiten derjenigen, die mit Hilfe des Webs sämtliche Bereiche des Alltags optimieren und Geld sowie Zeit einsparen können. Mit dem Internet sind in deutlich größerem Maße Optionen hinzugekommen, als sie für Online-Muffel parallel verschwunden sind.

"Zu teuer" stimmt nicht immer 

Verteidiger der These, man müsste alles nur Denkbare dafür tun, um Menschen, die nicht ins Netz wollen, trotzdem auf alle Zeit mit den Bequemlichkeiten und Vorteilen auszustatten, die Internetanwender genießen, argumentieren an dieser Stelle gerne mit dem Kostenargument - für manche Personen sei der Zugang zum Netz einfach schlicht zu teuer. Das mag in einigen Fällen auch stimmen - diesen Menschen stehen dann notgedrungen nur begrenzt vorhandene öffentliche Webzugänge, etwa in Bibliotheken, zur Verfügung. Doch nach einigen Monaten dürften die im Netz in Anspruch genommenen Preisnachlässe im Vergleich zu Angeboten im stationären Handel bereits die Kosten für die Anschaffung eines heute schon ab 200 Euro erhältlichen Notebooks sowie eines Webzugangs für zehn bis 20 Euro im Monat wieder eingespielt haben. Einst galten auch Fernsehgeräte als Luxus. Heute stehen sie in jedem Haushalt (mit Ausnahme der bewussten Verweigerer und digitalen Nomaden), ungeachtet vom verfügbaren Einkommen. Notebooks, Tablets und Smartphones werden eine ähnliche Entwicklung durchmachen.

Die Politik sollte Offliner ermuntern

Es ist richtig, sich dafür einzusetzen, dass Personen ohne Webzugang auch in Zukunft am öffentlichen Leben teilnehmen können. Doch den Schwerpunkt darauf zu legen, anstatt den Großteil der Energie dafür zu verwenden, diese Menschen ebenfalls an das Internet heranzuführen, wäre der falsche Ansatz. Denn er setzt sich dafür ein, die Lebensqualität dieser Gruppe auf dem bisherigen Niveau zu halten, statt sie durch eine Bekanntmachung mit dem Web deutlich zu verbessern. Die Schließung von Versorgungslücken bei der Netzabdeckung, eine gesteigerte Bereitstellung von Gratisnetzzugängen in öffentlichen und sozialen Einrichtungen, eine staatlich unterstützte, in klassischen Massenmedien positionierte Kampagne zur Hervorhebung der Vorzüge des Webs, ein Fokus auf Barrierefreiheit sowie eine Vielzahl von Bildungsangeboten zur Vermittlung der notwendigen Kompetenzen sind die Wege, mit denen das gesamtgesellschaftlich wünschenswerte Ziel, die Zahl der digitalen Außenseiter zu verringern, erreicht werden kann. Nicht, in dem die Politik es den Offlinern durch regulierende Eingriffe so einfach wie möglich macht, sich auf Dauer vom Netz fernzuhalten.

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(Foto: Flickr/fireflythegreat, CC BY 2.0)

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