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13.03.14

Politik in den USA: Die größte aller Filterblasen

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Filterblasen sind kein auf das Internet beschränktes Phänomen. Auch die verfahrene politische Lage der USA erinnert an eine solche Blase. Im Netz sind Filterblasen relativ leicht zu durchbrechen - wenn man nur möchte.

Vor knapp drei Jahren sorgte Eli Parisers Buch "Filterblase" (The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You) für Aufsehen. Damit prägte der studierte Jurist und Politologe einen Begriff, der seitdem immer dann herangezogen wird, wenn irgendwo in der digitalen Sphäre Menschen mit ähnlicher Weltsicht oder Meinung Gefahr laufen, von konträren Sichtweise nichts mitzubekommen, entweder in Folge algorithmischer Personalisierung (etwa Google-Trefferlisten) oder manueller Kuration (beispielsweise selektiv gefolgte User bei Twitter).

Gerade habe ich ein Buch zu Ende gelesen, das sich in einem Teil ebenfalls mit der Filterblase befasst, ohne diese aber beim Namen zu nennen oder sich spezifisch auf das digitale Leben zu fokussieren. In “The Righteous Mind” von Jonathan Haidt steht stattdessen die polarisierte politische Landschaft der Vereinigten Staaten im Mittelpunkt, wobei diese eigentlich nur als Hilfsmittel dient, um zu erklären, was menschliche Moralvorstellungen beeinflusst und wieso Personen mit ähnlichen Lebensläufen komplett unterschiedliche Weltanschauungen entwickeln können. Ich hatte das Werk bereits vor einigen Wochen kurz erwähnt. Mittlerweile kann ich konstatieren, dass ich inhaltlich und in Sachen Erkenntnisgewinn schon lange nicht mehr derartig viel von einer Lektüre mitgenommen habe. Am Ende des Buches beschreibt Haidt das Dilemma, dass sich in den USA Anhänger der Demokraten und Republikaner immer weiter voneinander entfernen. Gab es in in der Vergangenheit in beiden Parteien Liberale und Konservative, sei heute der liberalste Republikaner konservativer als der konservativste Demokrat. Waren einst Freundschaften zwischen Sympathisanten oder Mitgliedern beider Parteien üblich, so sind diese nun eine Seltenheit. Haidt beschreibt, wie Mitglieder des Repräsentantenhauses heute lieber aus ihren Heimatorten nach Washington pendeln und am Wochenende nach Hause fliegen, anstatt sich dauerhaft in der Hauptstadt anzusiedeln. Dadurch werden soziale Beziehungen über Parteigrenzen hinweg immer seltener. Auch seien mittlerweile fast die Hälfte aller Regierungsbezirke des Landes sogenannte "Landslide countys" - Bezirke, in denen ein Kandidat aus einem der zwei politischen Lager mindestens 60 Prozent der Wählerstimmen erhielt. 1976 zeichneten sich nur halb so viele Countys durch eine derartig klare politische Präferenz der Bürger aus. Es kommt zu einer politisch inspirierten Segregation.

Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Politiker und Bürger der USA immer stärker von Landsleuten mit anderen politischen Meinungen isoliert. Durch den fehlenden Austausch mit dem politischen "Gegner" und die daraus resultierende permanente Bestätigung von Sichtweisen und Wertvorstellungen ist eine klassische Filterblase entstanden, die durch einen zielgerichteten Medienkonsum noch verstärkt wird: Konservative lassen sich von FOX News die Welt erklären, während Demokraten dafür lieber die New York Times nutzen - oder das links-liberale Ideen unterstützende virale Videoportal Upworthy. Dass es sich bei dessen Gründer ausgerechnet um den Filterblase-Autor Eli Pariser handelt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Die fortschreitende Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft ist nur eines von vielen Beispielen für die Verbreitung von Filterblasen auch außerhalb der Internetsphäre, wobei eine Differenzierung zwischen online und offline freilich müßig ist. Das Grundproblem liegt im Desinteresse der Bürger an den Positionen, die von ihren eigenen abweichen (Bestätigungsfehler). Das Internet ist nicht die Ursache von Filterblasen, es kann auf sie jedoch eine verstärkende Wirkung haben. Einerseits erlaubt es Menschen, rund um die Uhr selektiv nur solche Informationen zu beziehen, die zu ihren Standpunkten passen. Andererseits besitzen Suchmaschinen bei sorgfältig gewählten Suchbegriffen die magische Eigenschaft, jede noch so beliebige Ansicht mit einer vermeintlich wissenschaftlichen Studie oder Untersuchung zu untermauern.

Haidt zeigt sich nicht sonderlich optimistisch zu der Frage, ob sich die Kluft zwischen Teilen des amerikanischen Volks kitten lässt. Er hat aber ein generelles Rezept parat, um einen filterblase-artigen Kokon zu vermeiden: Anstatt die Gegenseite zu meiden oder ihr feindselig und mit Überzeugungseifer zu begegnen (was nie funktioniert, wie er in dem Buch ausführlich erläutert), seien initiale freundschaftliche Interaktionen mit der Option, Gemeinsamkeiten zu finden, der beste Weg, um anschließend einen von Respekt und Toleranz geprägten Austausch über unterschiedliche Auffassungen einzuleiten.

Das Beste, was man tun kann, um die eigene Filterblase zu durchbrechen, ist aktiv und bewusst über deren Rand zu blicken. Glücklicherweise ist dies dank Internet auch einfacher denn je. /mw

The Righteous Mind: Why Good People are Divided by Politics and Religion


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