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08.10.13

Outsourcing von Gehirnleistung: Nicht digitale Demenz ist das Problem, sondern die Fragilität der Technologie

Neue Technologien ermöglichen es uns, bestimmte Gehirnprozesse an Maschinen auszulagern. Was Kritiker bemängeln, bringt viele Vorzüge mit sich. Nur die Fehler- und Störanfälligkeit der dafür notwendigen Systeme ist ein Problem.

TechnologieWer kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, außerhalb des Büros zehn Tage lang weitgehend vom Internet abgekoppelt zu sein? Der Startup-Gründer Alex Mittal durfte es dank eines zerstörten Smartphones, welches gleichzeitig als Motor für sein heimisches WLAN diente, hautnah erleben. In einem Blogbeitrag berichtet er von diesem "transformativen" Erlebnis. In Teilen erinnern seine Schilderungen an die vielen anderen, im Jahr 2013 im Trend liegenden Selbsttests zur "digitalen Entgiftung", und auch sein Fazit fällt ähnlich aus: Die Abkoppelung vom Netz führte zu tieferen sozialen Interaktionen mit den Menschen in seinem Umfeld, mehr Beachtung seiner Umgebung und mehr Gelegenheiten, sich um das eigene Wohlbefinden und das der ihm nahestehenden Personen zu kümmern. Gleichzeitig fehlte ihm sein Smartphone in vielen Situationen sehr. Im Gegensatz zu ähnlichen Experimenten anderer trieb Mittal nicht das in gewissen Kreisen populäre Vorurteil einer allheilenden Wirkung des längeren Offlinegangs an. Da er keinerlei Erwartungshaltung besaß und zu dem Test unfreiwillig gezwungen wurde, wirken seine Zeilen authentischer, als wenn er sich der digitalen Stille mit in sein Weltbild passenden Vermutungen angenährt hätte, die er validieren wollte.

Den meines Erachtens nach wichtigsten Punkt spricht der Kalifornier im letzten Absatz seines Blogposts an: Sämtliche der für ihn intensiven und erhellenden Erfahrungen waren allein Folge eines außer Gefecht gesetzten Smartphones. Daraus entsteht für Mittal die Frage, welche Erleuchtungen erst auf die Menschen der Zukunft warten, wenn ihre Augmented-Reality-Gadgets wie Cyberbrillen oder digitalen Kontaktlisten, selbstfahrende Autos und Gehirn-Computer-Schnittstellen ausfallen.Dieser Gedankengedank legt einen wichtigen Aspekt offen, nämlich das aus der sich abzeichnenden maximalen Abhängigkeit des Menschen von Technologie resultierende Problem der Hilflosigkeit und Desorientierung, sofern diese Werkzeuge nicht zur Verfügung stehen.

Einseitige Sicht auf "digitale Demenz"

Im Gegensatz zu Schwarzmalern wie dem aus Funk und Fernsehen bekannten Hirnforscher Manfred Spitzer halte ich die "Auslagerung" bestimmter kognitiver und bei manueller Durchführung zeitintensiver geistiger Prozesse an Maschinen an sich für kein Problem sondern sogar wünschenswert. Es mag im ersten Moment zwar gegen die Computerisierung des Lebens sprechen, wenn sich Digital Natives Telefonnummern nicht mehr so gut merken können wie die analog aufgewachsene Generation zuvor. Doch bei genauerer Überlegung stellt sich die Frage, wieso die Fähigkeit zum Auswendiglernen von Zahlenketten oder anderen Informationen überhaupt als "Qualitätskriterium" für Intelligenz und Erfolg herangezogen wird. Für junge Leute von heute ist es sehr viel entscheidender, die Komplexität der Welt und Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Dynamiken zu verstehen, anstatt ihr Adressbuch, das Periodensystem oder John Maynard auswendig zu beherrschen.

Ähnliches gilt für viele andere Alltagsbereiche, in denen Technologie uns das Leben leichter macht. Die durch Gadgets, Software und die sich ankündigende Vernetzung biologischer Systeme ausgelösten veränderten Verhaltensweisen sind zwar meist mit einer Verringerung kognitiver Leistung oder Kenntnisse in einem Bereich verbunden, liefern jedoch gleichzeitig Mehrwert in anderen intellektuellen Gebieten oder schaffen "Raum" für die Aufnahme von neuem Wissen und Know-how. Beispiele hierfür sind das Festhalten von Texten durch Tippen oder Spracherkennung, das Navigieren in fremdem Terrain mit Smartphone, die Archivierung riesiger Datenmengen auf heimischen Servern oder in der Cloud, das Pendeln zur Arbeit in einem selbstfahrenden, dem "Fahrer" Zeit für andere Dinge einräumenden Auto, der Bezug von personalisierten Push-Informationen à la Google Now, Sightseeing mittels permanent historische Umgebungsinformationen liefender 3D-Brille, automatische Personenerkennung samt Bereitstellung von Hintergrundinformationen auf die Kontaktlinse oder das "Backup" sämtlicher Erinnerungen der Erlebnisse des Tages per Direktübertragung von Gehirn zu Computer.

Wer heute das Bild der digitalen Demenz an die Wand malt, der müsste auch kritisieren, dass in Folge der Industrialisierung und Automatisierung große Teile der Bevölkerung den weitgehend autarken Lebensstil verlernten und dank Elektrizität, Massenproduktion und Arbeitsteilung plötzlich von bis dato nicht gekannten Annehmlichkeiten profitieren konnten, ohne für deren Entstehung selbst verantwortlich zu sein. Dass wir aber Wasser nicht mehr aus dem Brunnen holen müssen, Lebensmittel bequem im Supermarkt einkaufen können, ohne zu wissen, wie wir sie selbst herstellen würden, und Möbel nicht mehr selbst zimmern und schnitzen brauchen, stellen heutige Technokritiker nicht in Frage. Es ist ja "normal". Doch genauso normal wird es in einigen Jahrzehnten sein, simple, die neurologische Datenspeicherung und -verarbeitung betreffende Vorgänge an dafür besser geeignete Maschinen auszulagern.

Fehler- und Störanfälligkeit der Technologie

Schwierig wird es, wenn aufgrund äußerer Umstände die zu diesem Zeitpunkt essentiell gewordenen Tools, Systeme und Maschinen nicht verfügbar sind. Darauf hofft zwar niemand, aber es wäre naiv, das Auftreten von temporäre oder längerfristige Disruptionen mit sich bringenden Ereignissen komplett auszuschließen. Mit Naturkatastrophen, Kriegen oder anderem Unheil muss immer gerechnet werden. In der Geschichte existierten zahlreihe hochentwickelte Zivilisationen, die plötzlich mit großen Teilen ihres erworbenen Wissens wieder in der Versenkung verschwanden. Es wäre schön, wenn unsere moderne Gesellschaft eine Ausnahme bildet. Darauf wetten sollten wir lieber nicht.

Doch der schneller als jemals zuvor eilende technische Fortschritt ist im Prinzip genau eine solche Wette. Denn je mehr Fähigkeiten wir an Computer outsourcen, desto hilfloser stehen wir da, wenn es ums uns plötzlich zappenduster ist und der Alltag zum Stillstand kommt. Nicht mehr wird dann nur das Organisieren von Lebensmitteln und Wasser zu einer Herausforderung. Auch kann sich kaum noch jemand orientieren, ein Fahrzeug fortbewegen, sich an Adressen oder Namen von womöglich hilfreichen Kontakten erinnern, Buchstaben so zu Papier bringen, dass sie von anderen erkannt werden können, oder eine direkte Interaktion mit Fremden einleiten - bis dato geschah dies ja stets per auf dem Display der Augmented-Reality-Brille ausgewähltem "Daumen hoch"-Signal auf dem jeweiligen Personenprofil.

Freilich übertreibe ich mit diesem Szenario ein wenig. Doch man muss nur einmal einen US-Amerikaner in ein Auto mit Kupplung setzen, einen Heimarbeit meidenden Unternehmenslenker zum Kochen an den Herd stellen oder den Autor dieses Artikels mit einer größeren handwerklichen Aufgabe betrauen, um zu verstehen, wie leicht fehlende Kompetenz zu Hilflosigkeit führt. Und wer über Jahrzehnte eine einstmals gelernte Sprache nicht praktiziert, der hat dann erst einmal ordentlich damit zu kämpfen, einen fehlerfreien Satz zu formulieren.

Outsourcing an das externe Gehirn

Die fachliche Arbeitsteilung hat eine Abhängigkeit von Menschen untereinander zur Folge. Dinge, mit denen man sich selbst nicht herumplagen kann oder will, überlässt man denjenigen, die sich damit besser auskennen. Aktuell sehen wir die Anfänge der kognitiven Arbeitsteilung. Diese ermöglicht es uns, Gehirnleistung effizienter zu nutzen, indem wir uns belastende Gehirnvorgänge an Computer auslagern. Allein das simple Beispiel eines Kalenders oder einer Aufgabenliste mit Erinnerungsfunktion zeigt, wie befreiend und es sich anfühlt, wichtige Termine oder Deadlines entspannt "vergessen" zu können.

Auch die kognitive Arbeitsteilung ist sinnvoll. Ihre Schwäche liegt jedoch darin, dass dieses System aufgrund seiner Komplexität deutlich fehleranfälliger ist. Stromausfälle, Hackerangriffe, Programmierfehler und physische Zerstörung sind nur einige der Ereignisse, welche die kognitive Arbeitsteilung einschränken oder gar komplett blockieren können. Und dann steht er da, der Mensch, und weiß nicht mehr weiter.

Mein Lösungsvorschäg wäre es, zum einen die Robustheit der Systeme so zu erhöhen, dass selbst Kriege, Erdbeben und ein lange Zeit andauernder Ausfall der flächendeckenden Stromversorgung ihnen nichts anhaben können. Zum anderen sollten Staaten grundlegende, essentielle Kompetenzen definieren, die künftigen Generationen vermittelt werden, selbst wenn die ausgeführten Tätigkeiten längst Maschinen überlassen worden sind. Es liegt in der Natur der Sache, dass das Interesse und die Priorisierung dieser Fähigkeiten sukzessive nachlassen werden. Dann aber bleibt zu hoffen, dass die Fragilität der Cyborg-Gesellschaft auf ein Maß reduziert worden ist, welches schlicht garantiert, dass Menschen selbst in Extremsituationen nicht auf ihr "externes Gehirn" (ein Begriff, der übrigens von Evernote geprägt wurde) verzichten müssen. Denn ohne dieses könnte es schwierig werden. /mw

Illustration: Plugging electrical cable into the outlet in head, Shutterstock

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