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02.07.10

Ortsbasierte Dienste: Die Mär vom Datenschutzproblem

Aufgrund der Möglichkeit, alte Standortangaben von foursquare-Nutzern zu sammeln, sieht heise online bei Location Based Services ein generelles Datenschutzproblem. Man kann es auch übertreiben.

 

Die Debatte rund um den Datenschutz bei Webanwendungen ist ein zweischneidiges Schwert. Wird sie sachlich und mit den tatsächlichen Nutzerinteressen im Fokus geführt, ist sie sehr sinnvoll, da sie zu Maßnahmen führt, die User vor unangemessenen Geschäftspraktiken sowie Cyberkriminalität bewahren.

Tägliche Beobachter des Internetgeschehens und der medialen Berichterstattung wissen allerdings, dass die Datenschutzdiskussionen in Bezug auf Firmen wie Google, Facebook oder Apple nicht selten eher von Prinzipien, Ideologien und einem gewissen Patriotismus ("hier in Deutschland haben wir härtere Datenschutzgesetzte als in den USA") geprägt sind, als pragmatischen und sachlichen Zielen zu dienen. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Praktiken der genannten Anbieter nicht unter die Lupe genommen werden sollten.

Ein schönes Beispiel für das mitunter übertriebene Schwingen der Datenschutzkeule gab es gestern im Artikel mit dem Titel "Geolocatoren werden zum Datenschutzproblem" bei heise online zu begutachten.

In dem Beitrag geht es um ein eine Schwäche des ortsbasierten sozialen Netzwerks foursquare, die es ermöglicht, mit Hilfe eines Skripts zu rekonstruieren, welcher Nutzer sich wann wo aufgehalten hat. Und das, obwohl die persönlichen Standortangaben bei foursquare eigentlich nur den eigenen, als Freunden akzeptierten Kontakten bekannt sind.

Bei foursquare veröffentlichen aktuell knapp zwei Millionen Anwender ihre aktuellen Standorte mit einem so genannten "Check-In". Ein automatisches Monitoring des Aufenthaltsorts findet (noch) nicht statt. Jeder Platz, an dem User einchecken, hat eine eigene Profilseite, die öffentlich anzeigt, wer zuletzt dort war. Diese Funktion hat sich der Entwickler Jesper Andersen zu Nutze gemacht, um mit Hilfe eines Skripts 875.000 Check-Ins auszulesen, was Wired (in meinen Augen fälschlicherweise) als Datenschutzleck bezeichnet und von heise dann zu einem generellen Problem von Location-Diensten ausgeweitet wird.

Es wäre besser gewesen, hätte heise einen Autor an das Thema gelassen, der keine grundsätzliche Abneigung gegen Location Based Services hat. Denn genau das scheint der Fall zu sein, zumindest habe ich keine andere Erklärung für eine Aussage wie diese:

"Andererseits posaunen Anwender auch auf diversen anderen Plattformen wie Twitter, Facebook und Co ohne Umschweife heraus, wo sie sich gerade aufhalten oder ob sie für 14 Tage in den Urlaub gefahren sind. Da bedarf es in den seltensten Fällen eines Datenlecks bei einem Check-in-Dienst wie foursquare."

"posaunen", "ohne Umschweife" - wer sich objektiv dem Thema annimmt, würde auf in diesem Kontext tendenziöses Vokabular wie dieses verzichten.

Dass jemand kein Interesse an Location Based Services hat oder der Veröffentlichung seines eigenen Standorts kritisch gegenüber steht, ist sein gutes Recht. Doch die eigene Aversion dafür zu nutzen, einen sicherlich erwähnenswerten, aber bei weitem nicht dramatischen "Vorfall" wie jetzt bei foursquare als grundsätzliches Datenschutzproblem von Geolocatoren auszulegen, vermittelt genau den Eindruck des prinzipiellen Datenschutzfanatismus, den ich eingangs beschrieben habe.

Fakt ist, dass die noch übersichtliche Zahl an Internetnutzern, die ortsbasierte Dienste wie foursquare einsetzt, sich der Tatsache bewusst ist, dass sie mit der Veröffentlichung ihres Standorts Daten publiziert, die von anderen eingesehen werden können. Ein Großteil der Nutzer weiß auch, dass die Profilseiten der Locations ihre Check-Ins anzeigen. Viele arbeiten sogar darauf hin, dort eines Tages als "Mayor" (User mit den meisten Check-Ins) angezeigt zu werden.

Auch wenn man die Aktivitäten bei ortsbasierten Services als vollkommen lächerlich bezeichnet, ist es absurd, in der freiwilligen Bereitschaft der Nutzer, ihre Standorte bekannt zu geben, ein "Datenschutzproblem" zu sehen. Ist das permanente Einchecken naiv, leichtsinnig, öffnet es Stalkern und Kriminellen neue Möglichkeiten? Skeptiker mögen dies so sehen. Mit einem Datenschutzproblem hat es jedoch wenig zu tun. Eher mit einem Wandel und einer veränderten Sichtweise auf die eigene Privatsphäre.

Und jetzt viel Erfolg dabei, foursquare-Nutzern aus 875.000 veralteten Check-Ins einen Strick zu drehen.

Update: Als Reaktion auf den Vorfall hat foursquare unter anderem eine neue Option eingeführt, die es Nutzern erlaubt, ihre Erwähnung auf den Profilseiten der von ihnen besuchten Orte zu deaktivieren.

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