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15.01.14

Onlinepräsenzen gehen verloren: Die mobile Revolution und das vergessliche Web

Tablets und Smartphones verdrängen den PC, Apps übernehmen die Rolle von Websites. Das Web wird dadurch vergesslich.

404Es gibt keine Zweifel mehr: Die Post-PC-Ära ist Realität, Desktops und Notebooks werden in vielen Haushalten von mobilen Geräten, also Smartphones und Tablets, abgelöst. Die Verkaufszahlen spiegeln dies wider: 2013 war das bislang schlechteste Jahr für die PC-Hersteller, der Markt schrumpfte um zehn Prozent. Gleichzeitig wächst das Mobile-Segment stark. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Verkäufe von Tablets die herkömmlicher PCs übertrumpfen werden. Auf Jahresbasis erwartet IDC dies für 2015, auch wenn sich beide Kategorien bereits im Weihnachtsquartal 2013 ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten.

Diese wegweisende Entwicklung hat weitreichende Folgen für das gesamte Ökosystem und alle an diesem partizipierende Parteien. Eine der offensichtlichsten Veränderungen ist die Abkehr vom browserbasierten Web zugunsten der Verwendung nativer Applikationen. Ein Trend, den HTML5 trotz tatkräftiger moralischer Unterstützung durch Advokaten eines offenen Webs nicht aufhalten konnte. Im April ergab eine Analyse, dass Amerikaner sich während der Nutzung mobiler Geräte zu 80 Prozent den Apps widmen und nur zu 20 Prozent dem browserbasierten Internet. Ein anderer Bericht offenbarte, dass 85 Prozent der Konsumenten native Apps mobilen, im Browser aufzurufenden Anwendungen vorziehen. Und weil das Angebot der Nachfrage folgt, können User aus einer stetig wachsenden Zahl an Apps wählen. Allein in Apples App Store und Googles Play Store stehen mittlerweile jeweils mehr als eine Millionen Applikationen zum Download bereit. Die Schattenseite dieses Prozesses: Das browserbasierte Internet - also das, wovon in den vergangenen 20 Jahren die Rede war, wenn vom "Web" gesprochen wurde, lässt bedenkliche Auflösungserscheinungen erahnen. Das Wachstum des Webs verlangsamt sich

Rein quantitativ war auch 2013 von einer Zunahme der Zahl der Websites charakterisiert. Gemäß den Schätzungen von Netcraft existieren zum aktuellen Zeitpunkt rund 861 Millionen Websites. Vor zwölf Monaten waren es 630 Millionen. Das Wachstumstempo hat sich jedoch im Vergleich zu 2011 deutlich verlangsamt - damals gab es zum Jahresende doppelt so viele Websites wie zum Jahresbeginn. Die Suchwortanalyse von WorldWideWebSize.com zeigt unterdessen, dass sich die Zahl der von Google und Bing indexierten Webdokumente (man bedenke: eine Website kann aus vielen Webdokumenten bestehen) langsam verringert. Verantwortlich hierfür können freilich auch Änderungen an den Algorithmen der Suchmaschinen sein. Dennoch deuten die Indizien auf eine tatsächliche Stagnation oder gar einen Rückgang hin (weshalb Google auch damit beginnt, Apps zu indexieren).

Noch sind Schilderungen über verschwundene Webpräsenzen anekdotischer Natur - ernstnehmen muss man sie aber trotzdem. Unter dem Titel "The Year of the disappearing websites" beklagte der Blogger Alex Wellerstein vor einigen Wochen, dass 2013 mindestens drei führende Datenbanken aus dem Bereich der Nuklearwissenschaften nicht mehr existieren. Eine ähnliche Beobachtung machte auch Carsten Pötter bei einem seiner ehemaligen Lieblingsthemen, OpenID: Ein Großteil der einst von ihm gebookmarkten Ressourcen zu dem verblichenen dezentralen Authentifizierungssystem für Websites sei im digitalen Nirvana verschwunden. Eine näherere Untersuchung eines Teils seiner Bookmarks förderte immerhin rund zehn Prozent defekte Links zu Tage - viele davon verursacht durch nicht mehr aktive Kurz-URL-Dienste, veränderte Permalinkstrukturen - oder gelöschte Onlinepräsenzen. Ähnliches stelle ich fest, wenn ich mir die ältesten meiner knapp 16.000 bei Diigo gespeicherten Artikel und Links anschaue.

Dass ein Teil der Webinhalte, die mittlerweile fünf, sechs, sieben oder mehr Jahre auf dem Buckel haben, nicht mehr online zu finden sind, sollte angesichts der Marschrichtung des mobilen Internets nicht verwundern. Nochmal: Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Wenn im Zuge der mobilen Revolution das Interesse der Menschen für Browsercontent abnimmt und sie dementsprechend seltener wie einstmals durchs Web surfen, verringert sich auch die Bereitschaft, derartige Sites weiter zu warten und zu pflegen. Die Fortführung selbstgehosteter Websites kostet Geld. Abgesehen von besonders gut besuchten Präsenzen zwar nicht viel Geld, aber trotzdem genug, damit die Verantwortlichen in regelmäßigen Abständen den Bedarf evaluieren. Jeder, der sich seit den frühen Tagen im Netz aufhält und schon verschiedene Websites betrieben hat, wird wohl einige Projekte vorweisen können, die maximal noch in einer Offline-Version auf irgendeiner Festplatte schlummern.

Zusätzlich beschleunigt wird die Entwicklung durch einschlägige Social-Web-Giganten, die den Großteil der Contentproduktion der breiten Masse der User bei sich konzentrieren. Und ständig tauchen neue kommerzielle Publikationsplattformen wie etwa Medium oder Svbtle auf, die Anwender dazu bringen wollen, unter ihrem Dach Inhalte zu veröffentlichen und ihre eigenen, unabhängigen Websites zu vernachlässigen - oder gar irgendwann herunterzufahren.

Ein Teufelskreis, der gegen den Browser arbeitet

Frühzeitig prognostizierte Wired-Chefredakteur Chris Anderson den bevorstehenden Niedergang des freien Webs. Dreieinhalb Jahre später wirkt diese Vorhersage zielgenauer denn je. "Das Web verschwindet, weil Laptops und Browser verschwinden", glaubt der bekannte US-Unternehmer Keith Rabois. Der Zusammenhang ist schwer von der Hand zu weisen: Um das "traditionelle" Web erreichen zu können, muss man einen Browser nutzen. Auf Tablets und Smartphones konkurriert dieser jedoch mit Millionen Apps - die dank ihrer Optimierung für das jeweilige Betriebssystem häufig in Sachen Usability dem Browser überlegen sind. Wenn deshalb der Browser immer seltener aufgerufen wird, also immer weniger User das offene Web ansteuern, lohnt es sich auch nicht mehr, für dieses Angebote zu konzipieren. Dies wiederum hat zur Folge, dass der Browser für Nutzer noch mehr an Attraktivität verliert und im schlimmsten Fall vom "Homescreen" verschwindet. Ein Teufelskreis.

Am einfachsten wäre es, diesen Wandel als natürlichen Lauf der Dinge zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Wahrscheinlich ist dies auch die einzige wirkliche Option. Dennoch hat die Entwicklung einen bitteren Beigeschmack. Wenn bei inhaltsstarken Websites das Licht ausgeht, verliert die Öffentlichkeit den Zugang zu diesen Informationen (nicht alles lässt sich bei archive.org archivieren). Links auf anderen Websites führen ins Leere. Barrieren entstehen, wenn die Inhaltsdistribution nur noch über häufig eingezäunte, von ihren Betreibern mit harter Hand regierten App-Gärten geschieht. Viel von dem, was das Interneterlebnis bislang ausmachte, geht verloren.

Andererseits wird sich durch mein Herumgejammer auch nichts ändern. Bewusst und wie verrückt den Browser auf Tablet und Smartphone zu frequentieren, ist ebenfalls keine Lösung, wenn viele der besten, die Fähigkeiten der smarten Taschencomputer am intelligentesten nutzenden Dienste nur über native Apps angeboten werden. Was man machen kann, ist ein Bewusstsein für das Phänomen eines ins Hintertreffen geratenden Webs zu entwickeln und darauf zu hoffen, dass die Community es schafft, bei der Transformation vom stationären zum mobilen Web so viel "historischen" Content wie möglich in die neue Ära zu retten. Letztlich ist es egal, in welcher Form oder über welches Protokoll wir diese Informationen erreichen. Was wirklich zählt, ist ihre uneingeschränkte Verfügbarkeit und Auffindbarkeit für alle Internetnutzer auf diesem Planeten. /mw

Grafik: 404 error page not found browser illustration design, Shutterstock

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