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29.05.08

Öffentlich-rechtliches Web: Texte mit Verfallsdatum?

ARD und ZDF sollen ihre Inhalte im Web nur noch sieben Tage online lassen dürfen, so aktuelle Forderungen. Tut man dem Web damit wirklich einen Gefallen?

Nach sieben Tagen im Archiv (Bild Keystone)Öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat seine Qualitäten: Wer nach einem langen Arbeitstag beim Programm von ARD oder ZDF einschläft, muss nicht wie bei RTL oder Pro Sieben befürchten, von einem brüllend lauten Werbespot schon nach wenigen Minuten wieder aus seinen Träumen gerissen zu werden. Und wenn man eine bei Arte und eine bei Discovery gesendete Dokumentation miteinander vergleicht, wird man den ruhigeren Stil des öffentlich-rechtlichen Programms genießen - was hier allerdings mehr am Unterschied zwischen französischer und amerikanischer Filmkultur liegt. Auch ARD und ZDF kooperieren schließlich mit dem amerikanischen Discovery-Channel, ebenso wie Pro Sieben mit der öffentlich-rechtlichen BBC.

Doch was das Auftreten online betrifft, so haben ARD und ZDF völlig unnötigerweise in den Monaten, in denen die Dotcomblase längst geplatzt war, noch vom auf dem Datenhighway liegenden Gold geträumt und dabei sehr viel Porzellan zerschlagen: Ihr "Internetangriffskrieg" ("Internetoffensive"), der nicht nur IPTV wie in der Schweiz, auch nicht nur normales Audio- oder Video-Streaming, auch nicht nur das Web, sondern gleich das gesamte Internet inklusive E-Mail oder Chat für sich vereinnahmen will - einerseits als Geldbeschaffungsmaschine, die eine Telekommunikationssteuer ernsthaft Rundfunkgebühr nennt, und andererseits als "dritte Programmsäule" - hat die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland zum Feind des Webs, zum Feind der Netzkultur werden lassen.

Die Mitarbeiter müssen es ausbaden und selbst die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten spielte nicht mehr mit und strich die Mittel zusammen, um die nimmersatten Intendanten zum Einlenken zu bewegen. Dabei ist diese Feindschaft zwischen Öffentlich-rechtlich und dem Rest der Welt wirklich ein von den deutschen Intendanten selbst gemachtes Problem: Der Österreichische Rundfunk hat mit seinen Webseiten keine derartigen Probleme und ist auch bei den Bloggern seit Jahren wohlgelitten und anerkannt.

Online ist nur programmbegleitend erlaubt

Dabei halten sich die Online-Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender tatsächlich sklavisch an die Vorgabe, nur programmbegleitende Informationen liefern zu dürfen: Egal, was auf dem Ticker erscheint, es darf nur dann ins Web, wenn es bereits einen Rundfunkbeitrag hierüber gibt, der online kommentiert und angefeatured werden kann. Nur der Deutschlandfunk hat teilweise Beiträge von Spiegel Online zugekauft, die sogar ÖR-kritisch waren.

Ob Inhalte wie Bilder von Filmsternchen dann wirklich dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entsprechen, ist eine andere Frage - sendungsbegleitend und somit von der UE-Kommission in Brüssel akzeptiert sind sie, wenn derselbe Schmarrn das gleiche Thema zuvor bereits im Radio oder Fernsehen durchgehechelt wurde.

Auch reine Servicebeiträge sind tabu, solange sie nicht als Unterpunkt einer eigentlich in Radio oder Fernsehen gelaufenen Sendung wie "Ratgeber Technik" dienen können. Damit den Gebührensendern auch keine Parteilichkeit unterstellt werden kann, sind den Redakteuren externe Links schon technisch sehr schwer gemacht und auf kommerzielle Webseiten unzulässig - nur Universitäten können halbwegs ohne Probleme extern verlinkt werden.

Links? Schwierige Sache.

Links mitten im Text sind ohnehin unerwünscht und werden kurzerhand vom CMS abgeblockt: Links gehören wenn, dann geordnet als Liste ans Ende des Beitrags. Die Redakteure dafür zu bashen, ist sinnlos: Sie können so etwas nicht selbst entscheiden und auch keine Fotos zahlen, die von jemand anders als einer der regulären Agenturen bezogen werden.

Es handelt sich nun einmal um eine Anstalt, in der es korrekt, aber bürokratisch zugeht. Auch, wenn mancher Redakteur das System doch einmal subversiv austrickst, wie ich an Links auf meine eigene Website feststellen durfte, die zumindest eine bestimmte deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt niemals gutheißen dürfte.

Damit ist es schwierig, attraktive Angebote zu erstellen. Auch das berühmte Tagesschau-Blog scheint in der Praxis mehr zum Selbst-Bauchpinseln in den Kommentaren genutzt zu werden als echte begeisterte Leser zu haben.

Andererseits gibt es auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern jene unsäglichen Foto-Klick-Strecken, um Hits zu schinden - man achtet lediglich darauf, dass nicht nur "Tittenbilder" darin sind, um seinem Bildungsauftrag zumindest formal gerecht zu bleiben. Dabei sind Hits und Quoten bei Online-Auftritten für die Sender eigentlich völlig irrelevant, weil sie gar keine Werbung schalten dürfen, doch müssen natürlich die Online-Abteilungen den Intendanten gegenüber ihre Existenz rechtfertigen ...

Grüne in der Online-Zwickmühle

Die Grünen, die immerhin als einzige Partei gegen die Einführung der Internet-Rundfunkgebühr sprachen:

 

Wir haben die PC-Gebühr im Jahr 2006 abgelehnt und uns für eine Verlängerung des Moratoriums ausgesprochen. Die PC-Gebühr wird von der Internetfähigkeit, nicht von der Rundfunkempfangsfähigkeit abhängig gemacht. Aus unserer Sicht ist das ein großer Unterschied. Denn internetfähig ist ein Rechner mit einfachem Modem, Rundfunkempfangsfähig jedoch erst mit schnellem Zugang (wie etwa DSL).

Nina Morschhäuser, Büro Grietje Staffelt (MdB) zu medienlese.com

und mit ihrem Vorschlag einer Mediengebühr gegen die zusätzliche "Strafgebühr" für Freiberufler, die diesem sogar dem Risiko einer PC-Pfändung aussetzt, argumentieren:

 

Bezüglich dem grünen Modell einer Mediengebühr: Nach diesem Modell wird keine Gebühr mehr pro Gerät erhoben – sondern pro Haushalt und in Unternehmen gestaffelt nach Branchenzugehörigkeit und Mitarbeiterzahl – in einem 1-Mann-Betreib entsprechend nur ein Mal. Wobei Selbständige, die entsprechend § 19 Umsatzsteuergesetz weniger als 17.500 Euro Umsatz im Jahr einnehmen, nur dann bezahlen sollen, wenn privat noch keine Mediengebühr entrichtet wird.

Nina Morschhäuser, Büro Grietje Staffelt (MdB) zu medienlese.com

sprechen nun zwar auch wieder von dem in Verruf gekommenen Begriff der "dritten Programmsäule", darunter explizit Blogs, mit denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch die erreichen soll, die heute nur noch online zu finden sind und kein Interesse an Radio und Fernsehen haben. Relativierten auf Nachfrage jedoch, dass die Öffentlich-Rechtlichen damit keineswegs, wie zunächst befürchtet, so wie in der Vergangenheit Homepages und Journalisten nun die Blogger attackieren sollten:

 

Unserer Ansicht nach sind damit auch Blogs einbezogen – auch wenn dies im Beschluss nicht explizit festgehalten ist. Das bedeutet aber keineswegs, dass nun gesonderte Blogs von einzelnen Redakteuren über alles und jenes gestartet werden sollen. Was wir uns vorstellen sind Blogs wie der blog.tagesschau.de – also Blogs, die über die Hintergründe zum Entstehen einer Sendung berichten. Damit sollte die Bloggerszene im Netz nicht in Gefahr sein, denn dies ist keineswegs unsere Absicht. Die Bedeutung der Bürgermedien – und dazu zählen wir Blogs – wird in dem Beschluss des Länderrates ausdrücklich hervorgehoben.

Nina Morschhäuser, Büro Grietje Staffelt (MdB) zu medienlese.com

Die CDU-Internetbeauftragte schaltete sich zwar zeitweise auch in die Diskussion ein, hat sich mittlerweile jedoch wieder von dem Thema zurück gezogen.

Entspricht E-Mail einem Brief oder Radio und Fernsehen?

Das Problem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit den Webnutzern ist also, dass die Bemühungen durchaus verantwortungsvoller (und ebenso wie in den kommerziellen Verlagen unterbezahlter!) öffentlich-rechtlicher Online-Redakteure von einigen machthungrigen Intendanten und Juristen geradezu sabotiert wurden, auch wenn andere ÖR-Chefs wie der gegenwärtige ARD-Vorsitzende und Intendant des Saarländischen Rundfunks Fritz Raff oder auch der Intendant des Bayerischen Rundfunks Dr. Thomas Gruber vernünftiger sind.

Der ZDF-Intendant Markus Schächter ist dagegen gar bis heute darüber verärgert, dass eine reine Text-E-Mail gebührentechnisch nach einem vorläufigen Rückzieher vom ursprünglichen Ansinnen bis auf Weiteres "nur" mit Audio (Radio) gleichgesetzt wird und nicht mit Video (Fernsehen).

Ebenso wird für den Geldautomat der Sparkasse Hintertupfing im Einkaufszentrum Obertupfing zu seinem Bedauern nur eine Radio- und keine Fernsehgebühr fällig. Schließlich hat der unter XP laufende Geldautomat zwar keine Soundkarte (wozu auch?), doch ein Modem, das zwar nur den Bankencomputer anruft, doch die Banker könnten ja auch einen Mediaplayer einspielen und dann einen Internetprovider anwählen und öffentlich-rechtliche Sender abrufen...datenfähig ist rundfunkfähig, Punkt, aus!

Schächters völlig eigennütziges Interesse daran, dass jedes Gerät mit Datenzugang, sogar Webserver, TV-Gebühren kosten soll: Das ZDF ist nur an der Fernsehgebühr beteiligt und nicht an der Radiogebühr, weil es im Gegensatz zur ARD ja keine Radiosender hat. Ist der Geldautomat also juristisch nur ein Radio und kein Fernseher, entgehen dem ZDF die ihm nach deutschem Recht für Geldautomaten zustehenden Rundfunkgebühren!

Ein weiteres Problem ist der Verlust der Vertraulichkeit, des verfassungsmäßigen Brief- und Fernmeldegeheimnisses, wenn E-Mail und der sonstige gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Datenverkehr im Internet plötzlich als Rundfunk statt als Telekommunikation eingestuft wird. Wenn E-Mail, Internet-Telefonie und Firmen-VPNs plötzlich als Rundfunk, als "Aussendungen an Alle" gelten, so ist dies ein gewaltiges Problem.

Konkurrenz finanzieren?

Dass freie Journalisten eine zweite Rundfunkgebühr zahlen sollen, nur um ihren Redaktionen Beiträge über E-Mail oder FTP zukommen lassen zu dürfen, ist natürlich eine arge Wettbewerbsverzerrung. So müssen kommerzielle Radio- und Fernsehsender an ihren Standorten für Empfangsgeräte keine Gebühren zahlen, weil ihnen nicht zugemutet werden kann, für die Überprüfung ihres Programms Abgaben an ihre öffentlich-rechtliche Konkurrenz zahlen zu müssen. Damit müssten auch Blogger von der Internet-Rundfunkgebühr befreit werden, mit der sie ja ihre selbsternannten öffentlich-rechtlichen Gegner finanzieren. Doch diese Logik konnte sich bislang nicht durchsetzen und mit freien Inhalten unter CC-Lizenz wollen einige der öffentlich-rechtlichen Sender nicht nur kommerzielle Verlage, sondern auch private Blogger unterstützen.

Es gibt also genügend absolut nachvollziehbare Gründe für jeden Journalisten und erst recht für die eigentlichen Gegner der Intendanten, einen Verleger wie Dr. Hubert Burda, sich gegen das Online-Engagement der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten auszusprechen.

"Dieser Text zerstört sich nach 7 Tagen selbst"?

Die nun mehrfach erhobene Forderung, dass Online-Inhalte von ARD und ZDF nur noch sieben Tage im Netz stehen dürfen, ist allerdings wenig sinnvoll. Sie wird auch von der EU-Kommission in Brüssel nicht gefordert, die leider nicht einmal gegen die gegenwärtige Form der Internet-Rundfunkgebühr vorgeht. Bei Videos von Fernsehsendungen beschränken die Sender die Nutzungsdauer in den meisten Fällen ja ohnehin, einerseits wegen der sonst sehr teuren zusätzlichen Online-Rechte, andererseits aus Speicherplatzgründen.

Texte auf Webseiten zeitlich auf wenige Tage zu beschränken, wäre dagegen grober Unfug: Sobald ein neuer Beitrag über die Suchmaschinen zu finden wäre und von Bloggern verlinkt wird, müsste er auch schon wieder gelöscht werden. Jee Menge tote Links wären die Folge. Das Web lebt von Links, selbst Spiegel Online musste einsehen, dass die Kostenpflicht alter Inhalte kontraproduktiv war, da niemand Links setzen wollte, die nach einigen Wochen zwar nicht ungültig, doch kostenpflichtig wurden.

Disclaimer I: Ich habe - wie wohl jeder aktive Journalist - sowohl vor als auch nach diesem Ereignis auch für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten gearbeitet und dabei neben gewöhnlichem Rundfunk natürlich auch Beiträge für deren Online-Abteilungen geliefert.

Disclaimer II: Ich bin kein Mitglied einer der im Beitrag erwähnten und auch keiner anderen politischen Partei.

Disclaimer III: Ich besitze keine Aktien eines Medienunternehmens.

Disclaimer IV: Ich habe während des Verfassens dieses Blogbeitrags nicht die Toilette aufgesucht.

Somit ist der gegenwärtig unter den Bloggern grassierenden Disclaimeritis ausreichend Folge geleistet. :-)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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