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16.11.10

Neues Nachrichtensystem: Facebook arbeitet an der Ablösung von E-Mail

Facebook hat sein überarbeitetes Nachrichtensystem vorgestellt, das Facebook Mail, E-Mail, Chat und SMS in einer Oberfläche aggregiert. Wir geben euch einen Überblick über die neuen Funktionen.

 

Mindestens ein Dutzend Artikel habe ich zu Facebooks überarbeiteter, um E-Mail erweiterter Nachrichtenfunktion gelesen, die Firmenchef Mark Zuckerberg und sein Team gestern Abend in San Francisco präsentierten (wie kürzlich festgestellt: neue umfangreiche Features nahezu im Wochentakt). Im Folgenden fasse ich die Neuerungen kompakt zusammen. Links zu den Quellen findet ihr am Ende des Artikels.

  • Die Antwort auf die in euren Augen wahrscheinlich drängendste Frage zuerst: Wie gelangt ihr zu Facebooks neuer "Social Inbox"? Das Feature wird in den kommenden Wochen und Monaten für alle Nutzer ausgerollt, anfänglich unter Einsatz eines Invite-Systems. Entweder lasst ihr euch von einem Kontakt einladen, der bereits Zugang zu dem überarbeiteten Nachrichtentool hat, oder ihr signalisiert auf dieser Seite euer Interesse an einer Einladung, die dann irgendwann bei euch eintrudeln wird.
  • Zu den Produkteigenschaften: Die überarbeitete Nachrichtenfunktion vereint Facebook Mail, E-Mail, Chat und SMS in einem Posteingang. Über Facebook versendete Nachrichten können den Empfänger auf verschiedenen Wegen erreichen - als Facebook Mail, Chat-Nachricht, SMS oder E-Mail (abhängig von vom Absender und Empfänger getätigten Einstellungen) - so entstandene Konversationen werden in Threadform und Echtzeit dargestellt.
  • Nutzer können auf Wunsch eine E-Mail-Adresse der Form benutzername@facebook.com erhalten (der Benutzername basiert auf der gewählten Facebook-URL für das eigene Profil - einen "Goldrausch" um die besten E-Mail-Adressen gibt es somit nicht). Dadurch können Nicht-Mitglieder E-Mails an Facebook-User schicken, bei denen diese wie über Facebook verschickte Mails im Posteingang erscheinen.
  • Facebook will mit dem Ansatz Textkommunikation im Netz vereinfachen, weshalb trotz der Integration von E-Mail-Funktionalität nach wie vor auf Betreffzeilen die Betreffzeile entfernt sowie auf Möglichkeiten zum CC oder BCC verzichtet wird.
  • Die neue Nachrichtenfunktion enthält neben dem primären Posteingang einen "Other"-Ordner. In der Standardeinstellung landen lediglich Mails von Kontakten sowie von Freunden der Kontakte im Posteingang. Alle anderen Nachrichten (auch die, die über benutzername@facebook.com eingehen) legt Facebook im Other-Ordner ab - eine Funktionalität, die an Gmails Priority Inbox erinnert. Einzelne Mails lassen sich aus der Other-Inbox in den Hauptposteingang ziehen, was sich Facebook für zukünftige Mails des jeweiligen Absenders merkt. Auch ist es möglich, die Fähigkeit zum Mail-Empfang wie bisher ausschließlich auf bestehende Kontakte zu beschränken.
  • Das neue Nachrichtenfeature erlaubt den Versand von Dateianhängen. Für die Darstellung von Word-, Excel- und Powerpoint-Dateien arbeitet Facebook (mal wieder) mit Microsoft zusammen. Entsprechende Dokumente werden mit Hilfe von Microsofts Online-Office-Tool Office Live direkt im Browser angezeigt. Ein direktes Bearbeiten ist allerdings nicht möglich.
  • Facebook will Nutzern das Exportieren von E-Mail-Adressen der Kontakte erlauben, die über @facebook-com erreichbar sind. Der Export von anderen E-Mail-Adressen wird nicht möglich sein. Für den Streit zwischen Google und Facebook um die Portabilität von Nutzerdaten bedeutet dies, dass Google seine Nutzer nun zwar zum Import der @facebook.com-Adressen der Facebook-Kontakte animieren kann, jedwede Interaktion über diese Adresse jedoch vom Empfänger den Login bei Facebook erfordert und somit für Googles Interessen eher unattraktiv ist.
  • Eine Unterstützung für IMAP ist angekündigt, wobei offen bleibt, wie sich dies mit der Thread-Ansicht vereinen lässt. Unklar ist, ob auch POP3-Support eingeführt wird. Ein Zugänglichmachen von Facebook-Nachrichten über IMAP/POP3 würde bedeuten, dass sich Nachrichten aus Facebook deutlich selektiver exportieren lassen, als dies momentan über die Option zum Download aller Facebook-Daten als Zip-Datei realisierbar ist.
  • Facebook-Chef Mark Zuckerberg unterstrich bei der Präsentation des neuen Features, dass es sich nicht um den vorab von Medien postulierten "Gmail-Killer" handeln würde. Allerdings machte er deutlich, dass er durchaus erwartet, dass sich im Laufe der Zeit mehr Menschen von der klassischen E-Mail verabschieden, speziell wenn es um die Kommunikation mit Freunden geht. Facebooks Nachrichtensystem sieht er als geeignete Alternative für diese Personen.

Fazit

350 Millionen der über 500 Millionen Facebook-Nutzer verwenden das bisherige Nachrichtensystem. Im Gegensatz zu dem gefloppten Google Wave, das in kein bestehendes Google-Produkt integriert war, dürfte das Social Network keine Probleme damit haben, innerhalb weniger Monate sämtliche Mitglieder in das neue System zu überführen, welches zudem optisch der bisherigen Lösung sehr ähnlich ist. Die Frage nach Erfolgschancen stellt sich damit also eigentlich nicht.

Interessant wird vor allem sein, zu beobachten, inwieweit der jetzt vorgestellte Service den seit langem von einigen Social-Web-Freunden prophezeiten Niedergang von E-Mail beschleunigen können wird, und ob die etablierten Webmail-Anbieter trotz der beschwichtigenden Worte von Zuckerberg Marktanteile abgeben werden müssen.

Eine kleine Enttäuschung möchte ich zum Abschluss auch noch loswerden: Ich finde es schade, dass bei Facebook nach wie vor eine Entwertung der klassischen E-Mail vorangetrieben wird, während mit der SMS gleichzeitig ein überteuertes Kommunikationsmittel Unterstützung findet, das angesichts omnipräsenter mobiler Datenverbindungen und kostenloser Chat-Tools wie dem (im mobilen Bereich ausbaufähigen) von Facebook sowie anderer Anbieter wie Kik Messenger, Ping Chat oder WhatsApp sehr viel eher zu Grabe getragen werden müsste.

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